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Aus: Ausgabe vom 11.01.2019, Seite 8 / Ansichten

Antizuckerguerilla des Tages: Lemonaid

Von Arnold Schölzel
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Was ist eine Limonade? Das entscheidet die Zuckerindustrie, pardon, selbstverständlich der »Gesetzgeber«. Nur handelt der als politischer Arm der Süßzeugdealer. Aus diesem Grund ist eine Limonade von Gesetzes wegen ein Getränk, das einen Mindestzuckergehalt von sieben Prozent hat. Wehe, die Grenze wird nach unten hin verletzt. Dann gibt es eine staatliche Abmahnung. So geschehen in Hamburg: Ein Fachamt des Bezirks Mitte behauptete, eine Limonadensorte der Firma Lemonaid sei nicht süß genug. Das ist zwischen Flensburg und Lörrach mindestens ein politischer Gesinnungsstraftatbestand, auf jeden Fall ein Gesetzesverstoß. Also schlug die Behörde dem Hersteller vor, entweder das Produkt umzubenennen oder mehr Zucker hineinzukippen. Das lehnten die Brausebrauer ab. Begründung: Sie verticken ihr Zeug seit 2009 unbeanstandet. Und schließlich setze sich die Bundesregierung für eine Reduzierung von Zucker, Salz und Fett in Fertigprodukten ein.

Möge der Aberglauben, das Kabinett oder gar die zuständige Ministerin interessiere sich für Gesundheit statt für den Profit von Zucker- und anderen Monopolen, den Hamburger Abfüllern erhalten bleiben. Der Firmenname deutet an, dass sie vor allem jene Konsumentenbourgeoisie mit einem guten Gewissen ausstatten wollen, die aus vorwiegend moralischen Gründen isst und trinkt – Weltverbesserung durch Verzehr. So erhob sich wie in dieser Klientel üblich nach dem amtlichen Zuckerbescheid nicht etwa Gelächter, sondern moralingesteuertes Erstaunen, dass die Welt nicht so gut ist, wie sie der Bioladenkonsument erlebt. Die Hamburger Gesundheitssenatorin sprach am Donnerstag gar von »Tollhaus«, selbstverständlich nicht von Kapitalismus. Also kündigte das Bezirksamt Hamburg-Mitte am selben Tag an, es werde »vorerst« die Lemonaid-Substanz nicht beanstanden. Bei sieben Prozent Süße per Gesetz bleibt es – und dabei, dass Deutschland eine Zuckerdiktatur ist.

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