Aus: Ausgabe vom 11.01.2019, Seite 8 / Ansichten

Unerwarteter Sieger

Wahlen in der DR Kongo

Von Roland Zschächner
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Von seinen Anhängern gefeiert: Félix Antoine Tshilombo Tshisekedi wird von Mitgliedern seiner Partei »Union für Demokratie und sozialen Fortschritt« in der Hauptstadt Kinshasa begrüßt (10.1.2019)

Es ist eine Überraschung. In der Nacht zu Donnerstag hat die Wahlkommission der Demokratischen Republik Kongo bekanntgegeben, dass Félix Antoine Tshilombo Tshisekedi – in seiner Heimat kurz »Fatshi« genannt – der neue Präsident des Landes werden wird. Damit hatte kaum jemand gerechnet. Weder die westlichen Kommentatoren noch die kongolesische Opposition.

»Wahlputsch« ist deswegen das Wort der Stunde. Vermutet wird, dass der noch amtierende Präsident Joseph Kabila Fatshi als seinen Nachfolger installieren will. Denn der eigene Kandidat, Exinnenminister Emmanuel Ramazani Shadary, ist für viele Kongolesen als derjenige bekannt, der Proteste blutig niederschlagen ließ. Zudem hat Fatshi angekündigt, mit Kabila zukünftig zusammenarbeiten zu wollen.

Befeuert wird die These der Wahlmanipulation durch eine angebliche Umfrage der einflussreichen kongolesischen Bischofskonferenz. Diese behauptet, ein anderer Kandidat habe mit deutlichem Abstand gewonnen. Doch bisher blieben die Kirchenmänner es schuldig zu sagen, um wen es sich dabei handelt.

Fragen bleiben trotzdem. Denn Fatshi, der 700.000 Stimmen mehr erhielt als der zweitplazierte Martin Fayulu, ist vor allem als Sohn von Étienne Tshisekedi bekannt. Dieser gehörte zu den bekannten Oppositionellen – sowohl unter Diktator Mobutu wie auch unter Laurent Kabila und dessen Sohn Joseph. Doch vielleicht waren es gerade dieses Erbe und die fehlende politische Erfahrung, die Félix Antoine Tshilombo Tshisekedi an die Macht bringen werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich das kleinere Übel in der Wählergunst durchsetzt.

Bemerkenswert sind die Reaktionen der ehemaligen Kolonialmacht Belgien und Frankreichs, das sich notorisch in die inneren Angelegenheiten afrikanischer Länder einmischt. Jean-Yves Le Drian, Außenminister in Paris, drückte seine Verwirrung gleich am Donnerstag morgen aus und räumte ein, dass das Ergebnis »das Gegenteil von dem ist, was wir uns vorgestellt haben«. Ähnliches war aus Brüssel zu hören – ganz so, als wären Wahlergebnisse die Entscheidung imperialer Mächte.

In der DR Kongo gehört diese Einmischung zur Geschichte: Nach der Unabhängigkeit des Landes wurde der antikoloniale Kämpfer Patrice Lumumba 1960 zum Regierungschef gewählt. Doch das demokratische Votum ließen Brüssel und Washington nicht zu. Nur ein Jahr später putschten mit Belgien und den USA verbündete Militärs gegen Lumumba, der die Ressourcen des Landes verstaatlichen wollte, und ermordeten ihn.

Noch heute betrachten die ehemaligen Kolonialmächte Afrika als ihr Eigentum. Doch ihr Einfluss schwindet: China investiert auf dem Kontinent im großen Stil und setzt dabei auf Kooperation statt Neokolonialismus. In Afrika gibt es nicht nur deswegen ein neues Selbstbewusstsein. Die Hoffnung auf eine Demokratisierung des Kongo, wie sie vor der Wahl geäußert wurde, bedeutet damit immer auch die Abwehr von westlicher Einmischung.


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