Aus: Ausgabe vom 11.01.2019, Seite 4 / Inland

Studieren mit leerem Bauch

Bildungsforscher stellen fest: Geplante BAföG-Novelle der Koalition greift viel zu kurz

Von Ralf Wurzbacher
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Studentische Wohngemeinschaft in Berlin (Mai 2014)

Die geplanten Nachbesserungen bei der Bundesausbildungsförderung bleiben weit hinter den realen Anforderungen zurück. Zu diesem Ergebnis kommt eine vom Deutschen Studentenwerk (DSW) in Auftrag gegebene Studie des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FIBS). Die von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) angekündigten Erhöhungen reichten kaum aus, »die Ausgabenentwicklung insgesamt, wie insbesondere auch bei zentralen Einzelpositionen, angemessen zu berücksichtigen«, heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Untersuchung. Statt der bisher vorgesehenen 420 Euro wäre eine Aufstockung der Bedarfssätze auf »500 bis 550 Euro erforderlich«, so die Autoren.

2017 war die Zahl der Hochschüler, die staatliche Hilfe beziehen, mit 14 Prozent auf einen historischen Tiefstand gerutscht – nach einer Durststrecke von sechs Jahren ohne BAföG-Nachschlag. Eine Trendwende verspricht sich Karliczek von der anstehenden Reform, deren Eckpunkte sie Mitte November vorgestellt hatte. Die Regelsätze sollen im Schnitt um sieben Prozent und die Elternfreibeträge um neun Prozent in zwei Stufen angehoben werden. Der Höchstförderbetrag werde gar um 15 Prozent auf 850 Euro und die Mietpauschale von 250 Euro auf 325 Euro zulegen, verkündete sie.

Was die Koalition als »großen Wurf« verkauft, erscheint im Lichte der neuen Befunde wie Kleckerkram. Das Forscherteam hat eine 2017 vorgelegte Analyse der Lebenshaltungskosten von Studenten, die sich auf die Jahre 2012 und 2013 bezog, um Daten der 21. Sozialerhebung des DSW zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden aus dem Jahr 2016 ergänzt und die Veränderungen im Zeitverlauf gemessen. Innerhalb der fraglichen vier Jahre sind die Gesamtausgaben für allein, in einer WG oder einem Wohnheim lebende unter 25jährige im Mittel um bis zu 18 Prozent gestiegen. Studierende, die zu den 15 Prozent mit den geringsten Einnahmen gehören, hatten sogar Mehrkosten von bis zu 31 Prozent.

Für FIBS-Direktor Dieter Dohmen sind die Kostensteigerungen zwischen 2012 und 2016 »deutlich höher als erwartet und betreffen die ärmeren Studierenden noch viel mehr als ihre Mitstudierenden mit höheren Einnahmen«. Überproportional zugenommen hätten die Ausgaben für Mobilität (bis zu 38 Prozent), Gesundheit (bis zu 41 Prozent) sowie fürs Wohnen (bis zu 55 Prozent). In Groß- und klassischen Universitätsstädten muss man heute mitunter 500 Euro und mehr für ein WG-Zimmer bezahlen, in München sogar über 600 Euro. Laut Studie erklärt das auch die gestiegenen Fahrtkosten: Wer sich die Mieten nicht leisten kann, muss zwischen Elternhaus und Uni pendeln.

Für bedenklich hält Dohmen auch die rückläufigen Ausgaben für Kleidung, Freizeit, Lernmittel und Ernährung unter den ärmeren Studierenden. Diese geben im Schnitt weniger als vier Euro täglich fürs Essen aus, die unter 25jährigen nicht einmal drei Euro. Das liege »unterhalb des physiologischen Existenzminimums« und »weit unterhalb« dessen, was Hartz-IV-Beziehern zusteht. DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde wies ferner auf die große Zahl derer hin, die neben dem Studium jobben müssen, laut Sozialerhebung fast 70 Prozent aller Studierenden.


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  • Rasmus Ph. Helt, Hamburg: Dänisches Vorbild Die Kritik der Bildungsforscher an der mageren BAföG-Erhöhung greift zu kurz. Denn die entscheidende Achillesferse besteht vor allem darin, dass die Förderung sehr schnell komplett eingestellt werden ...

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