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Aus: Ausgabe vom 11.01.2019, Seite 4 / Inland
Umbau der St.-Hedwig-Kathedrale

Klage abgewiesen

Radikalumbau der St.-Hedwigs-Kathedrale: Erben fürchten nach Urteil um international geachtetes Kunstwerk in Berlin
Von Horsta Krum
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Blick auf Altar und Unterkirche: Der Innenraum der St.-Hedwigs-Kathedrale soll komplett umgebaut werden (4.7.2018)

Der nächste Akt in einem langen Streit: Die Klage gegen die denkmalrechtliche Genehmigung für den Radikalumbau der St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin ist vom Verwaltungsgericht abgewiesen worden. Den Klägern fehle die Klagebefugnis, das Kunstwerk genieße keinen Schutz über den Tod des Künstlers hinaus, lautete die Argumentation des Richters am Mittwoch. Damit ist ein weiterer Schritt auf dem Weg gegangen, den Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) mit seiner Entscheidung vom Februar 2018 einschlug: Seine Behörde habe den Denkmalschutz für die Hedwigs-Kathedrale aufgehoben und damit dem Antrag des Erzbistums Berlin weitgehend zugestimmt, hatte er damals bekanntgegeben.

Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude bis 1963 unter Leitung des Düsseldorfer Architekten Hans Schwippert neu aufgebaut, wobei Künstler sowohl aus der DDR als auch aus der BRD mitwirkten. Diese Architektur will das Berliner Erzbistum radikal ändern. Dagegen gab es von Anfang an Proteste aus der Gemeinde, der Fachwelt, der Öffentlichkeit und auch von den Künstler, bzw. ihren Erben (siehe jW vom 28.8.2018). Letztere reichten Klage ein.

Wortreich erklärte der Richter am Mittwoch, beim Denkmalschutz sei abzuwägen zwischen den Interessen der Allgemeinheit und dem Recht des Eigentümers, sprich dem des Erzbistums. Erschwerend für die Kläger komme hinzu, dass die Kirche auch gottesdienstliche Belange geltend mache, und diese seien juristisch geschützt. Der Richter wiederholte, was seit der Entscheidung des Kultursenats immer wieder gesagt wird: Die bezirkliche Denkmalschutzbehörde habe den kirchlichen Plänen zugestimmt, die Fachbehörde des Senats, das Landesdenkmalamt, habe sie daraufhin in höherer Instanz abgelehnt. In diesem Fall habe der Kultursenat die Entscheidung treffen müssen. Der Rechtsanwalt der Schwippert-Erben wies darauf hin, dass diese Darstellung grob vereinfacht sei: Der fachliche Beamte des Bezirks habe einen Bescheid erarbeitet, der von einem politischen Beamte durch eine handschriftliche Bemerkung in einen positiven Bescheid umgewandelt worden sei. Offensichtlich kannte der Richter die Akten nicht in allen Details: Er ließ sich vom Rechtsanwalt den Namen des Beamten buchstabieren, wobei aus der Zuhörerschaft diejenigen, die mit der Aktenlage vertraut waren, belustigt halfen. Ebenfalls bemerkenswert: Die Ausführungen der Rechtsanwälte über die einmalige Bedeutung des Gesamtkunstwerkes, die internationale Anerkennung, auch den Einwand, dass die Künstler einen Konsens mit dem Erzbistum gesucht hätten und immer noch suchten, bezeichnete der Richter als »Kolorit drumherum«.

Solange Bonn die Hauptstadt der BRD war, hatte der Kölner Dom eine starke Stellung innerhalb des Katholizismus der Bundesrepublik. Nach 1989 planten Verantwortliche in Köln, das Erzbistum Berlin zu stärken und aus St. Hedwig eine attraktive Hauptstadtkathedrale zu machen. Zu den Gönnern des Umbauprojektes gehört auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Ihrem Engagement verdankt das Erzbistum, dass der Bund ohne Zögern zwölf Millionen Euro zur Verfügung stellte. Das Berliner Abgeordnetenhaus ergänzte die Summe um acht Millionen, so dass die Drittel-Finanzierung aus Steuermitteln gesichert war. Diese galt allerdings nur bis Ende 2018. Grütters fand aber diskrete Wege, die Gelder auch für die Zukunft zu sichern; wissend, was inzwischen allgemein bekannt ist: Die veranschlagten Gelder reichen bei weitem nicht aus.

In mehreren politischen Gremien wurde die Entscheidung des Berliner Kultursenats hinterfragt, beispielsweise im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses oder im Landesausschuss der Linkspartei. Jedes Mal stellten Kultursenator Lederer oder sein Mitarbeiter apodiktisch fest, es handele sich um eine rein juristische, nicht hinterfragbare Entscheidung. Der Richter aber räumte am Mittwoch ein, dass der Fall auch ein politischer gewesen sei und dass der Kultursenat hätte anders entscheiden können. Auch nach fast zweistündiger Verhandlung blieben viele andere Fragen offen. Die Urteilsverkündung hätte lauten können »Im Namen des Erzbistums« statt »Im Namen des Volkes«. Einer der Klägeranwälte kündigte an, gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts in Berufung zu gehen.

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