Aus: Ausgabe vom 10.01.2019, Seite 15 / Medien

Umbau beim Spiegel

Wer führt, und wer muss weg? Probleme des Magazins belasten geplanten Personalwechsel

Von Klaus Fischer
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Steffen Klusmann soll beim Spiegel für bessere Zeiten sorgen

Das angerostete Medienschlachtschiff Der Spiegel schlingert durch Zeitgeist und virtuellen Raum. Die Auflage schwindet, trotz prächtiger Online-Zugriffszahlen, die Reputation ist lädiert. Und dann kam noch der »Fall Relotius« hinzu. Spätestens seit der Redakteur und Reporter mit erfundenen Erzählungen aufflog, hat das Magazin ein Glaubwürdigkeitsproblem. Framing statt Fakten als Journalismus zu verkaufen hilft offenbar nicht, den Niedergang des Geschäfts zu stoppen.

Bereits im August war bekanntgeworden, dass ein neues Triumvirat für mehr Klarsicht auf der Kommandobrücke des Meinungs-Dreadnought sorgen soll. Dazu wurde von den Gesellschaftern zahlreiche Spitzenposten mit neuem Zuschnitt geschaffen und mit den Namen ihrer künftigen Inhaber versehen. Doch diese Idee erwies sich bisher als Flop, ehe sie überhaupt in die Gänge kam.

Steffen Klusmann soll den Dampfer aus den Untiefen lotsen. Der letzte Chefredakteur der Financial Times Deutschland dürfte mit Untergangsszenarien hinreichend Erfahrung besitzen. Sein neuer Spitzenjob scheint womöglich auch deshalb nicht gefährdet. Für seine beiden ausersehenen Partner in Leadership, Ulrich Fichtner und Barbara Hans, sieht die Sache nicht ganz so klar aus. Fichtner, so vermeldete Bild kurz vor dem Jahreswechsel, lasse vorerst seinen Vertrag ruhen. Vom Spiegel wurde das bestätigt. Erst wolle man den Relotius-Fall aufarbeiten. Auch die dritte Chefin ist derzeit noch nicht im Amt: Frau Hans, bislang Nummer eins bei Spiegel online, hatte sich – vor dem »Skandal« – in den Mutterschutz verabschiedet.

Unterhalb dieses noch unvollständigen Spiegel-Olymp sollen laut Fachdienst Horizont ein Duo von Managing Editors und vier »Blattmachern« die Alltagsgeschicke lenken. Mindestens zwei der dafür ausersehenen Personen gelten als »umstritten«: die bisherige Sprecherin der Mitarbeiter-KG und Wirtschaftsressortchefin, Susanne Amann, und der lange als »Führungsoffizier« von Relotius aktive Ressortchef Matthias Geyer.

Letzterer lässt, wie Fichtner, seinen Vertrag zunächst ebenfalls ruhen. Im Fall Amann habe der Spiegel, um Interessenkonflikte auszuschließen, ein Gutachten in Auftrag gegeben – bei einer Anwaltskanzlei. Dieses bescheinigte zwar, dass »ihr neu geschaffener Posten im Führungsteam unter Spiegel-Chef Steffen Klusmann mit der Rolle eines KG-Vertreters vereinbar sei« wie das Hamburger Branchenportal meedia.de am Dienstag schrieb. Amann wolle dennoch im März nicht erneut für einen der auf drei Jahre befristeten Posten der Mitarbeiter-KG kandidieren, hieß es laut Horizont vom Dienstag.

Die Kommanditgesellschaft hält über 50,5 Prozent der Stimmrechte am Unternehmen und ist vor der Bertelsmann-Tochter Gruner und Jahr sowie den Erben des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein größter Gesellschafter.


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