Aus: Ausgabe vom 10.01.2019, Seite 11 / Feuilleton

Auch mal eine Welle auslassen

Spiel mit Versatzstücken des Southern Rock, neues Level: Die Cordovas

Von Frank Schwarzberg
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Wer hat an der Uhr gedreht? Die Cordovas

Auf dem »Static Roots«-Festival Mitte Juli in Oberhausen gab es feine, geschmackvoll ausgesuchte »Americana«-Musik (Oberbegriff für Musik, die mit Country-, Folk-, Rock- und Blueselementen spielt) hierzulande weitgehend unbekannter Acts. Heiß war’s, und auch die enthusiastischsten Musikfans waren ein bisschen matt von den drückend heißen Tagen, der leidigen Fußball-WM, dem langen Tag. Doch dann kamen die Cordovas aus Tennessee und bliesen alles weg. Sie sangen und spielten sich die Seelen aus dem Leib. Mähnen wurden geschüttelt (auf der Bühne, davor dominierte schütteres Haupthaar). Frontmann Joe Firstman trug einen riesigen Hut, Boots, das Hemd bis zum Gürtel offen und wirbelte (wie?) benebelt auf der großen Bühne herum, die für ihn viel zu klein schien.

Hatte da jemand an der Uhr gedreht? Das alles erinnerte an Little Feat, The Allman Brothers Band, ­Grateful ­Dead … – Ikonen bluesinfizierter Rockmusik mit Gitarrenjams, Harmoniegesang und jeder Menge Groove aus den US-Südstaaten der 70er. Rootsmusik aus den Sümpfen. Die traditionsbewussten Hippies von The Band konnte man auch darin entdecken. Die kamen aus Kalifornien, aber sie verbanden diese Musik des Südens mit Folkelementen, 1967 mit Bob Dylan auf den später veröffentlichten »Basement Tapes«, dann mit den eigenen Meilensteinen »Music from Big Pink« (1968) und »The Band« (1969). Sie trugen lange Mähnen und Bärte – Äußerlichkeiten, natürlich, aber im Nordamerika der späten 60er ein Statement gegen Mainstream und Establishment.

In den 90ern kam das Genre Alternative Country oder eben Americana auf, und es waren Bands wie Deadman, The Band Of Heathens oder, etwas erfolgreicher, The Avett Brothers, die Drive-By Truckers, die sich in diesem Rahmen austobten. Und jetzt, enter: Cordovas. Die Formation aus Madison bei Nashville, Tennessee treibt das Spiel mit den Versatzstücken des Southern Rock auf die Spitze. Die Harmonien sind ein Traum, und wie der Liedgesang anhebt: bruchlos, und doch überraschend – wie bei Surfern, die in die Welle hineingleiten, aber auch nicht in jede (sie lassen auch mal eine aus).

Die Gitarren, vor allem von Leadgitarrist Lucca Soria (Spitzname: »Baby Genius«, Alter: 24), dengeln und jaulen; Bandleader Firstmans Bassläufe stehen niemals still, das Ganze klingt verspielt und kontrolliert zugleich. Live veranstalten die Cordovas wie gesagt ein Höllenspektakel mit jamartigen, aber immer dramaturgisch rechtzeitig endenden Gitarrenduellen und ohne Pause aufeinanderfolgenden Songs. Der Spaß, den die Cordovas daran – und an ihrem Können – haben, überträgt sich ansatzlos. Hitze? Müdigkeit? Fuck it, let’s party, jetzt oder nie, ausdampfen können wir auf dem Heimweg …

Beim Nachhören zu Hause würde man solche Energie nicht aushalten, sie war für den Moment. Der Produzent des Studioalbums der Cordovas, Kenneth Pattengale von den Milk Carton Kids (das ist noch mal eine andere Geschichte, lohnt sich!), hat die Jams weitgehend weggelassen, das Gitarrengetobe nur angedeutet, den Harmoniegesang und die Melodien nach vorne geschoben. Verspielt und groovy klingt das Album (mit neun Songs und 30 Minuten kurz und knackig) trotzdem. Und der Winteralltag kann uns mal.

Cordovas: »That Santa Fe Channel« (PIAS Recordings)


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