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Aus: Ausgabe vom 10.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Es darf gereihert werden

Es sind zwar schon alle Witze gemacht, aber noch nicht von jedem: Die finnische Schwermetall-Persiflage »Heavy Trip« kommt für drei Tage ins Kino
Von Frank Schäfer
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Das saugt!

Wenn der langmähnige Turo durch die unbelebten Straßen seines nordfinnischen Heimatkaffs zum Proberaum schlendert, wird er von den lustigen Dorffaschos als Schwuchtel beschimpft. Sie schütten sich aus über den aufrechten Metalhead und drohen ihm Schläge an. Es muss etwas passieren! Aber wann passiert schon mal etwas in der Provinz? Dorfschönheit Miia, die der Antiheld versteckt anschmachtet, wartet nur darauf, dass er endlich loslegt. Aber Turo ist ein Zögerer. Seine vielleicht gar nicht so untalentierte Death/Black-Metal-Band hat nicht mal einen Namen, geschweige denn Gigs, und schon gar keine eigenen Songs.

Doch dann streut eine uralte nordische Metalgottheit eine Prise kreativen Ingeniums aus, oder ist alles bloß Zufall? Jedenfalls bleibt dem Gitarristen Lotvonen, der im väterlichen Schlachthaus aushilft, eine Rentierhälfte in der Knochensäge stecken. Das saugt! Endlich haben sie ihren Sound gefunden. Der inspiriert die vier Landeier zum ersten selbstgeschriebenen Song, mit dem natürlich gleich, wie immer im Metal, ein eigenes kleines Subgenre aufgemacht werden soll. Pasi, Bassist und philosophisches Orakel der Band, nennt es mit traurigem Corpsepaint, aber feurigem Herzen »symphonischen, postapokalyptischen, rentierschlachtenden, christusmissbrauchenden, extremkriegerischen, paganen, fennoskandinavischen Metal«. Und die beiden Regisseure Juuso Laatio und Jukka Vidgren haben mit dem Stratovarius-Bassisten Lauri Porra einen Komponisten dazugeholt, der sich auskennt im Metier und ihnen einen einschlägigen, allerdings für eine Provinzband, die sich schließlich den Namen Impaled Rektum gibt, fast schon zu gut produzierten Score auf den Leib geschrieben hat.

Als dann auch noch ein Konzertmanager ins Dorf kommt, um in der kleinen Rentierschlachterei am Ende der Straße eimerweise Rentierblut für das berühmte »Northern Damnation«-Festival in Norwegen zu ordern, muss man ihm nur noch ein Demo zustecken – und die Karriere könnte beginnen. Allein, das Programm beim Northern Damnation steht schon, sie kommen zu spät! Nun ist im Dorf fälschlicherweise bereits die frohe Kunde durchgesickert, und Turo und Co. erleben wahren Ruhm. Miia bändelt endlich mit ihm an, sie wittert Morgenluft, will raus aus diesem Nest. Sogar die Faschos schleichen kleinlaut zu den Langhaarigen rüber an den Tresen und nehmen sie lokalstolz in den Arm.

Beim Testgig in der Lokalkneipe kommt die Wahrheit ans Tageslicht, und die Band hat gar keine andere Wahl mehr als das »Northern Damnation« aufzumischen, zumal dann auch noch Schlagzeuger Jynkky beim Klau eines Bandbusses tödlich verunglückt. Ihm zum Gedenken machen sie sich auf den Weg, immer noch ohne Einladung, aber ihr irrwitziger Roadtrip macht sie zu landesweiten Berühmtheiten, also dürfen sie schließlich doch spielen. Horns!

Noch eine Metal-Persiflage hat es im Kino nicht unbedingt gebraucht, »This Is Spinal Tap« (1984) und »Wayne’s World« (1992) wird man ohnehin nicht mehr übertreffen, und seine nicht ganz unwitzigen Nachfolger »Rock Star« (2001) oder »Happy Metal« (2013)haben das komische Potential des Genres ziemlich ausgereizt. Aber wie immer gilt auch hier das Prinzip: Es sind zwar schon alle Witze gemacht, aber noch nicht von jedem. »Heavy Trip« rennt einige sperrangelweit offene Türen ein, plündert mit vollen Händen die Klischeekiste und nimmt immer mal wieder Zuflucht zu einer Körperflüssigkeiten verspritzenden Brachialkomik. Es darf gereihert werden.

Laatio/Vidgren inszenieren die Bandemanzipationsgeschichte, die sich motivisch auch bei Musikfilmklassikern wie »Blues Brothers«, »The Commitments« oder »Crossroads« bedient, als burlesk-komische Nummernrevue. Eine skurrile Pointe reiht sich an die nächste, nicht alle Gags zünden gleichermaßen, aber durch die Massierung ist dennoch so viel dabei, dass zumindest die grobgeraspelten Humor goutierende Szene »Heavy Trip« bald kanonisieren dürfte.

Wenn man allerdings die Pointen abzieht, bleibt nicht viel. Die Regisseure nehmen ihre Protagonisten nicht ernst genug, ein Witz ist hier bloß ein Witz und kein Reflex auf eine existentielle Situation. Dass Schlagzeuger Jynkky, der schon zuvor bei seinen zermürbenden Blast Beats Nahtoderfahrungen macht, mal eben auf der Strecke bleibt, ist nur ein Gag, der allenfalls die Handlung vorantreibt. Mehr nicht. Der tödlich triste Provinzalltag, aus dem man sich mit Musik davonzustehlen sucht, liefert nur Reibungsfläche für allerlei Jokes. Die metallische Gralsuche soll aber eine Form der Notwehr sein. Das nimmt man dem Film nicht ab.

»Heavy Trip«, Regie: Juuso Laatio und Jukka Vidgren. Belgien/Finnland/Norwegen 2019, 90 min, 10. bis 12. Januar in ausgewählten Kinos

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