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Aus: Ausgabe vom 10.01.2019, Seite 10 / Feuilleton
Match Point

Die einen so, die anderen so

Neulich in der Bar
Von René Hamann

Neulich kam ich wieder einmal schlauer aus der Lieblingsbar raus. Einer mir flüchtig bekannten Frau mit hübschem Gesicht stand ihre neue Frisur; ihre neue Frisur – etwas länger als der damenhafte Kurzhaarschnitt, den sie vorher hatte – machte sie attraktiver. Ihr Lover hielt die Stellung an der Bar neben ihr, traute sich aber nur einmal kurz, sie anzufassen. Mir warf er einen langen, prüfenden und aggressiv distanzierenden Blick zu, über den ich mich zuerst wunderte: Bin ich berühmt? Weiß er, wer ich bin, oder was will er? Dann begriff ich: Reviermarkierung! Mögliche Konkurrenten müssen per Blickregime gebannt werden! Interessant. Mache ich das auch so? Nicht, dass es mir bewusst wäre. Aber wer weiß.

Für älter werdende Männer wie mich, die, vermutlich biologisch bedingt, auf jüngere Frauen aus sind (es gibt da die Faustregel: Das eigene Alter geteilt durch zwei plus acht), gibt es einen wichtigen Tip: Man sehe sich genau die Begleitung der jeweiligen Frau an. Nur so lässt sich auch auf das Alter der Frau schließen. Ist sie, die dir eben noch alterslos attraktiv erschien, mit einem Jüngelchen unterwegs, das kaum aus der Pubertät raus ist, wird sie auch für dich zu jung sein, Alter.

Dann gibt es die Frauen ab 30, die einem Plan folgen. Die nicht mehr die große Liebe suchen, sondern einen möglichen Vater ihrer Kinder. Sie treffen auf Männer ab 35, die keinem Plan folgen, sondern entweder immer noch oder immer wieder die große Liebe suchen oder einfach etwas möglichst Kurzzeitiges fürs Bett – und nur selten eine mögliche Mutter ihrer Kinder. Wie soll das funktionieren? Frauen in Datingportalen: Sie beschweren sich über die Anfragen nach flüchtigen Affären und Onenightstands (»no hook-ups, no ONS«). Männer in Datingportals: Sie beschweren sich nicht über die Frauen, die romantische Bedürfnisse vortäuschen, aber tatsächlich Sicherheit und Kleinfamilie wollen und unverbindliche Angebote gleich in den Wind schießen.

Niklas Luhmann, legendärer Soziologe aus Bielefeld, nannte dieses vielleicht ja auch patriarchale Prinzip mal »Liebe als Zwangsbedingung für Sexualität«. Im Gegensatz zum »Sex als Zwangsbedingung für Liebe«. Die einen eben so, die anderen so. Mittlerweile gibt es zum Glück geschlechtsübergreifend beides, und anderes, und noch viel mehr.

Obwohl man dann schon suchen muss, wenn man etwas anderes möchte als das, was als das Normale gilt. So liest man immer noch, dass Frauen auch auf Tinder von Männern erwarten, die Initiative zu ergreifen, den ersten Schritt zu tun, also nach einem »Match« den Schriftverkehr zu beginnen.

Neulich habe ich dort zufällig eine Stewardess wiedergefunden, mit der ich kurz zuvor in einem Flug von Athen nach Berlin war. Leider bedeuten Zufälle nichts. Kein »Match« für uns.

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