Aus: Ausgabe vom 10.01.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Russland sorgt vor

Blockadeprävention: Präsident Putin eröffnet im Gebiet Kaliningrad Flüssiggasterminal

Von Reinhard Lauterbach
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Wladimir Putin (M.) beim Start des LNG-Projekts am Dienstag in Kaliningrad

Russland bereitet sich auf den Fall einer Rohstoffblockade der Exklave Kaliningrad vor. Am Dienstag wurde in der Ostsee vor der Küste des Gebiets ein Terminal für Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, LNG) eröffnet. Präsident Wladimir Putin sagte Agenturberichten zufolge, durch die Inbetriebnahme werde die westlichste Region des Landes technisch vollständig vom Gastransit durch Belarus und Litauen unabhängig.

Bisher wird der Bedarf der Region über eine 1985 in Betrieb genommene Pipeline gedeckt, die über das Territorium des inzwischen zur NATO gehörenden Litauen verläuft. Putin räumte ein, dass der Transport von Flüssiggas teurer sei als der durch Rohrleitungen. Doch die Energiesicherheit der Region gehe vor. Die gesamten Investitionskosten wurden von Gasprom auf umgerechnet etwa 780 Millionen Euro beziffert. Als Jahreskapazität der Anlage wurden 2,8 Milliarden Kubikmeter genannt.

Der staatliche Gaskonzern hat in den vergangenen Jahren in der Exklave mehrere unterirdische Speicher angelegt. Sie haben eine Kapazität von 3,4 Milliarden Kubikmetern, das ist mehr als der anderthalbfache Jahresverbrauch des Gebietes. Von russischer Seite wird betont, dass es derzeit keine Pläne gebe, den Transit durch Litauen zu beenden – was angesichts der Kostenvorteile naheliegend ist. Der Bau ist daher als Vorsorge für den Fall einer eventuellen Blockade zu bewerten.

Der neue Umschlagplatz für den verflüssigten Brennstoff wurde nicht an Land errichtet. Die Küste der bis 1945 Samland genannten Halbinsel nördlich von Kaliningrad steht zum großen Teil unter Naturschutz. Fünf Kilometer vor der Küste wurde eine schwimmende Plattform errichtet, an der der ebenfalls neu gebaute LNG-Tanker »Marschall Wassilewski« andockte. Das in Südkorea gebaute und 2017 vom Stapel gelaufene Spezialschiff besitzt eine eigene Rückvergasungsanlage, die den in flüssigem Zustand transportierten fossilen Rohstoff wieder in den ursprünglichen Aggregatzustand zurückführt und ihn über die Plattform und eine von dieser ausgehenden Leitung in die bestehenden Speichersysteme einspeist. Diese mobile Lösung ist ebenfalls kostspieliger, als es ein fest installierter Port gewesen wäre, hat indes den Vorteil, dass im Krisenfall keine stationäre Anlage sabotiert oder bombardiert werden kann.

Woran es offenbar noch hakt, ist die Anlieferung des benötigten Gases. Ein eigenes LNG-Terminal, das Russland gemeinsam mit dem niederländisch-britischen Shell-Konzern am Finnischen Meerbusen nahe dem Exporthafen Ust-Luga bauen will, wird erst in einigen Jahren fertig sein. Die Testlieferungen für die neue Anlage hat Gasprom – obwohl es dem Ursprung nach eigenes Gas ist – auf den internationalen Spotmärkten praktisch sich selbst abgekauft. Die »Marschall Wassilewski« brachte im November eine Ladung von 174.000 Kubikmetern aus Singapur heran. Der Vergleich dieser Kapazitäten – es wären mehrere tausend solche Tankerlieferungen erforderlich, um die Gasspeicher der Region zu füllen – macht ein weiteres Mal deutlich, dass gegenüber dem Gastransport durch Rohrleitungen die Anlandung von Flüssiggas in Europa hoffnungslos unwirtschaftlich ist.

Gleichwohl setzt der US-Botschafter in Deutschland, John Grenell, seine Drohkampagne gegen den Bau der Pipeline »Nord Stream 2« fort. Nach Angaben des russischen Portals Sputnik vom Dienstag erklärte er, die beteiligten Unternehmen müssten stets damit rechnen, von US-Sanktionen getroffen zu werden. Grenells Ziel ist klar: Zwar fehlt seinem Vorstoß eine Rechtsgrundlage, doch er setzt mit dan Andeutungen die Manager der jeweiligen Unternehmen unter Druck und versucht die Planungssicherheit der Unternehme zu erschüttern. Besonders schießt sich Grenell derzeit auf das Schweizer Unternehmen Allseas ein, das 90 Prozent der Rohrverlegungsarbeiten für Gasleitung durch die Ostsee ausführt. Ein Unternehmenssprecher gab sich gegenüber dem Handelsblatt freilich unbeeindruckt: Die Firma spekuliere nicht über Sanktionen, sondern vertraue auf den Rückhalt der deutschen Regierung für das Projekt. Er machte damit auch deutlich, wann das Engagement des Unternehmens gegebenenfalls kippen könnte.

Mit dem Bau des Exportterminals bei Ust-Luga macht Russland im übrigen deutlich, dass es sich auch in dem Fall, dass der US-Druck gegen »Nord Stream 2« doch noch zu einem Baustopp führt, aus dem europäischen Gasmarkt nicht herausdrängen lassen will. Denn die freie Nutzung der Ostsee für LNG-Tanker ist Russland außerhalb des direkten Kriegsfalls nicht streitig zu machen. Die Schiffahrt unterliegt keinen nationalen Genehmigungsvorbehalten, wie sie für Pipelines bestehen und etwa durch Dänemark gegen »Nord Stream 2« ausgenutzt werden. Die Investitionskosten für das Terminal 100 Kilometer westlich von St. Petersburg werden zwar auf elf Milliarden Euro geschätzt, etwas mehr, als der Bau von »Nord Stream 2« kostet. Aber da die Umstellung auf Flüssiggas die Preise auf dem europäischen Markt hochtreiben würde, könnte Gasprom auch mit einer schnelleren Amortisierung dieser Anlage rechnen.


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