Aus: Ausgabe vom 10.01.2019, Seite 8 / Ansichten

Zu Gast bei Freunden

Kim Jong Un besucht die VR China

Von Sebastian Carlens
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Sonderzug nach Beijing: Kim Jong Uns Staatsbesuch in der VR China am 27. März 2018

Wenn Kim Jong Un, der Vorsitzende des Komitees für Staatsangelegenheiten der Demokratischen Volkrepublik Korea (DVRK) auf Reisen geht, kommt das einer Landung von Aliens gleich, zumindest in der Wahrnehmung der deutschen Presse. Kims Staatsbesuche ereignen sich stets ganz plötzlich und sind ebenso schnell beendet. »Kaum da, schon wieder weg«, lautet die Zusammenfassung nach dem Auftritt des Koreaners in Beijing am Mittwoch auf der Webseite der Deutschen Welle. Er hatte sich dort mit Chinas Präsident Xi Jinping getroffen; dw.com ist ratlos: »Am Ende wusste niemand mehr als vorher.« Blackbox Nordkorea, Blackbox China: Die beiden Länder machen es der deutschen Auslandspropaganda traditionell nicht leicht.

Dabei kommen die echten Irritationen weder aus Beijing noch aus Pjöngjang. Es war vielmehr Donald Trumps Treffen mit Kim im Juni 2018, das die Basis für die Anerkennung Nordkoreas legte. Der US-Präsident hat das jahrzehntealte Spiel der internationalen Missachtung durchbrochen. Seitdem sind Berlin, Paris, London und Tokio in Sorge: Ist denn gar kein Verlass mehr auf den Verbündeten? Immerhin: Seit Trumps und Kims Händedruck ist der ordinärsten Hetze der Boden entzogen: Niemand in der BRD schreibt mehr vom »Irren mit der Bombe« (Westdeutsche Zeitung) oder dem »Irren aus Pjöngjang« (Die Zeit). Es ist auch zu peinlich: Wie müsste dann erst der US-Präsident genannt werden: Der Godfather des Wahns mit den tausend Raketen aus Washington?

Kim will weder die Welt erobern noch durch einen Atomschlag zerstören. Nordkorea geht es um einen Friedensvertrag, um eine Beendigung des (offiziell nie beigelegten, nur durch einen Waffenstillstand pausierenden) Koreakriegs. Dabei ist das Land weit gekommen – erst die atomare Drohkulisse konnte die USA an den Verhandlungstisch zwingen. Und erst die Bomben eröffnen Kim die Möglichkeit, das konventionelle Heer abzurüsten. Die Einsparungen werden dem Lebensstandard der Nordkoreaner zugute kommen.

Genau dies ist im Interesse der VR China, dem engsten Verbündeten der DVRK. Ein Zusammenbruch oder gar ein Wiederaufflammen des Krieges zöge unvorstellbare Vernichtungen nach sich, die auch China, das sich über 1.000 Kilometer Grenze mit Nordkorea teilt, in Mitleidenschaft ziehen würden. Die regelmäßigen Besuche Kims (2018 waren es drei) sind also Arbeitstreffen unter engen Partnern. Die Strategie der beiden Länder ist aufeinander abgestimmt.

Und Trump? Auch der ist weniger irre, als es der deutsche Zeitungsleser glauben soll. Ein brutaler Krieg und die darauf folgenden 70 Jahre »Eindämmungspolitik« gegenüber Nordkorea sind offenkundig gescheitert. Darauf folgt Phase drei: »Wandel durch Annäherung«. Diese US-Strategie folgt der Einsicht in die Notwendigkeit gewandelter Kräfteverhältnisse. Mit einer Neuerung: Wer sich am Ende gewandelt haben wird – das ist diesmal völlig offen.


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