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Aus: Ausgabe vom 10.01.2019, Seite 7 / Ausland
Syrien

Neue Kämpfe

Syrien: Türkischer Einmarsch befürchtet. Grundversorgung durch Sanktionen behindert
Von Karin Leukefeld, Aleppo
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Schnee und Regen in Aleppo: Erschwerte Bedingungen für den Wiederaufbau (8.1.2019)

Tausende Soldaten und Reservisten in Syrien wurden nach mehr als acht Jahren Kriegsdienst am 2. Januar nach Hause entlassen. Doch so sehr die Familien sich darüber auch freuen, es überwiegen die Sorgen. Regen und Schnee sind nach Jahren der Trockenheit zwar willkommen, doch es fehlt an Geld, um Häuser zu reparieren und neue Wohnungen zu bauen. Zwar sind Strom- und Wasserversorgung weitgehend wiederhergestellt, doch die Elektrizität muss rationiert werden. Sanktionen gegen Syrien behindern den Nachschub an dringend benötigtem Gas, das zum Kochen und zum Heizen gebraucht wird. Die nationalen Öl- und Gasressourcen im Osten des Landes werden von den US-Streitkräften und den kurdischen Verbänden kontrolliert.

Täglich könnten in Aleppo 15.000 Gaszylinder gefüllt und verteilt werden, so Nwiran Ahmed vom Stadtrat von Aleppo im Gespräch mit jW. Doch gerade im Winter würden mehr gebraucht. Unzählige Gaszylinder waren während der Kriegsjahre von bewaffneten Gruppen mit Sprengstoff, Steinen oder Nägeln gefüllt und als Granaten in die Gebiete unter Regierungskontrolle abgeschossen worden. Nun kommt die Produktion für neue Gaszylinder nicht nach.

Nwiran Ahmed stammt aus Ain Al-Arab (Kobani), lebt aber schon seit langem in Aleppo. Im September 2018 wurde er nach dem neuen Wahlrecht für die lokale Selbstverwaltung in den Stadtrat gewählt. Weil Kobani aktuell der Kontrolle der Regierung entzogen sei, habe er Aufgaben innerhalb von Aleppo übernommen. Das gleiche gelte für seine Kollegen, die für Afrin, Asas, Manbidsch und andere Gebiete gewählt worden seien.

Im Umland von Aleppo wird wieder gekämpft. Im Osten greifen die mit der Türkei verbündeten Kampfgruppen die mit den USA verbündeten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) an. Die syrische Armee wurde von ihnen um Hilfe gegen die angekündigte türkische Invasion gebeten, und hat Stellungen um Manbidsch eingenommen. Doch nördlich davon hat die Türkei das Sagen. Russische Militärpolizei hat mit der Kontrolle der türkisch-syrischen Grenze begonnen. Die syrische Armee ist in Alarmbereitschaft.

Nwiran Ahmed hofft, dass es nicht zu einem Einmarsch der Türkei kommen werde. Die meisten Kurden würden es wohl begrüßen, wenn die syrische Armee mit den Russen die Kontrolle östlich des Euphrat und entlang der Grenze zur Türkei sichern würde. »Niemand will, dass noch einmal das passiert, was wir in Afrin gesehen haben.«

Seit März 2018 ist Afrin unter Kontrolle der Türkei und verschiedener Kampfgruppen, die sich aktuell mit anderen Milizen einen tödlichen Machtkampf um die Kontrolle strategischer Punkte im Norden der Provinz Idlib liefern. Die Nationale Befreiungsfront (NFL), vormals »Freie Syrische Armee« – von der Türkei bewaffnet und finanziert – kämpft mit verbündeten Gruppen gegen die Nachfolgeorganisation der Fatah Al-Scham Front, Haiat Tahrir Al-Scham (HTS, Allianz zur Eroberung von Syrien). Die einen werden auch von Großbritannien, Frankreich, den USA, der BRD und einigen Golfstaaten als »moderate Rebellen« unterstützt. Die Fatah Al-Scham Front und damit HTS, ist international als Terrororganisation gelistet. Am Montag erklärte die Allianz, alle Gebiete in Idlib übernehmen zu wollen, die bisher von türkeinahen Kampfverbänden kontrolliert werden.

Die Fronten wechseln täglich, die Zahl der Toten steigt. Um den Verbündeten den Rücken frei zu halten, beschießen Kampfgruppen auch Aleppo. In Salihin, einem südwestlichen Stadtteil, stürzte dabei ein vom Krieg schwer beschädigtes vierstöckiges Wohnhaus ein. Fünf Menschen konnten nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden. Am Dienstag abend hieß es (aus bisher unbestätigten Quellen), NFL und HTS hätten einen 15tägigen Waffenstillstand vereinbart.

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