Aus: Ausgabe vom 10.01.2019, Seite 6 / Ausland

Kampf der Wildsau

Polen: Schweine zum Abschuss freigegeben. Ersatzhandlung für verfehlte Agrarpolitik

Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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In Brandenburg noch sicher: Wildschweine in einem Potsdamer Tiergehege (12.1.2018)

Diesen Monat soll es in Polen heftig knallen. Die Regierung hat die Jagdverbände angewiesen, bis Ende Januar bis zu 210.000 Wildschweine zu erlegen. Ob hierauf die rund 170.000 Eber, Bachen und Frischlinge angerechnet werden, die laut Regierungsstatistik bereits bis zum vergangenen November abgeschossen wurden, geht aus den Mitteilungen nicht eindeutig hervor.

Auf jeden Fall weckt das große Wildschweinmassaker in Polen Emotionen. Eine Petition dagegen ist innerhalb weniger Tage von mehreren zehntausend Menschen unterschrieben worden, Naturschützer demons­trieren in Warschau und Krakau, Wissenschaftler erklären die Pläne für untauglich, um das Ziel zu erreichen, das die Regierung nach eigener Darstellung mit der Abschussaktion anstrebt: eine weitere Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) zu verhindern. Die Krankheit grassiert seit einigen Jahren im Osten Polens, eingeschleppt vermutlich durch Wildschweine, die über die inzwischen nicht mehr mit Stacheldraht gesicherte Grenze zu Belarus und zur Ukraine herübergewechselt sind.

ASP wird von ihnen übertragen und kann, wenn es auf Mastbetriebe überspringt, erhebliche wirtschaftliche Schäden anrichten. Denn erkrankte Mastschweine müssen laut EU-Vorschriften umgehend gekeult werden. Das Virus ist so ansteckend, dass Reisende nicht einmal ein Wurstbrot aus Ländern außerhalb der EU mitbringen dürfen.

Dabei ist die Vorbeugung gegen ASP im Prinzip verhältnismäßig einfach: biologische Absicherung durch verbesserte Hygiene im Schweinestall. Desinfektionsmatten an den Eingängen und eine Verminderung der Besatzdichte würden schon helfen. Aber das bedeutet auch Kosten für die Landwirte, und da die Regierungspartei PiS die Bauern nicht verärgern will, sind solche prophylaktischen Schritte seit Jahren unterblieben.

Die amtstierärztliche Kontrolle der Betriebe findet praktisch nicht statt; eine Zeitlang hat das Landwirtschaftsministerium Schweine aus Notschlachtungen aufgekauft und zu Wurstkonserven für das polnische Militär verarbeitet. Solange das betroffene Schwein nicht selbst erkrankt ist, bleibt sein Fleisch für den Menschen vollkommen ungefährlich. Doch Polens Armee kann beim besten Willen nicht die Schweinefleischbestände der ganzen Osthälfte des Landes aufessen. Die langsame, aber bisher unaufhaltsame Verbreitung von ASP nach Westen drängt die Regierung zum Handeln. Die Weichsel – durch ihre Tiefe eigentlich ein natürliches Hindernis – hat nach dem trockenen Sommer einen zu niedrigen Wasserstand.

Also müssen die Tiere dran glauben. Schon jetzt sind elementare Regeln des »Waidwerks« gegenüber Wildschweinen außer Kraft gesetzt: Sie dürfen das ganze Jahr über geschossen werden, selbst trächtige Muttertiere und Frischlinge. Für Bachen mit Nachwuchs erhalten Jäger sogar besondere Abschussprämien. Wissenschaftler warnen gleichwohl davor, dass die Aktion das Gegenteil des Gewollten bewirken könnte: eine schnellere Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest. Erstens dadurch, dass die Rudel durch den Verfolgungsdruck auseinandergejagt werden und sich erst recht ausbreiten; zweitens dadurch, dass durch den unvermeidlichen Kontakt mit dem Blut eventuell erkrankter Wildschweine beim Aufbrechen an der Abschussstelle sich das Virus über die Stiefel der Jäger erst recht verbreitet.

Eine Zeitung erinnerte an eine ähnliche Kampagne im China des »Großen Sprungs nach vorn«: Dort habe die Staatsmacht angeordnet, alle Spatzen zu töten, weil sie das Getreide wegfräßen. Im nächsten Jahr habe es dann wegen einer Heuschreckenplage gar kein Getreide mehr gegeben – und keine Spatzen, um die gefräßigen Insekten zu dezimieren.


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