Gegründet 1947 Sa. / So., 23. / 24. März 2019, Nr. 70
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.01.2019, Seite 16 / Sport
Rassismus

Ein Hort der Gewalt

Neuerliche rassistische Vorfälle in italienischen Fußballstadien. Progressive Fans sind auf sich gestellt
Von Rouven Ahl
Inter_Mailand_SSC_Ne_59821752.jpg
»Ich bin stolzer Franzose, Senegalese, Neapolitaner: Mensch« – Neapels Verteidiger Kalidou Koulibaly musste während des Spiels gegen Inter Mailand anhaltende rassistische Beleidigungen aushalten (26.12.2018)

Die alte Floskel stimmt, der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das Erstarken von rassistischen und antisemitischen Tendenzen macht dabei auch vor den europäischen Fankurven nicht halt. In Italien kann von einer Wiederkehr des braunen Schmutzes jedoch keine Rede sein. Er wurde nie ausgewaschen. Während in vielen deutschen Stadionkurven mit dem Aufkommen linker Ultra-Gruppen vor zwei Jahrzehnten eine Art Selbstreinigungsprozess einsetzte, sind sie in Italien seit langem beliebte Treffpunkte der Neofaschisten – und damit auch ein Hort der Gewalt.

Nach dem Spitzenspiel der Serie A zwischen Inter Mailand und dem SSC Neapel am zweiten Weihnachtsfeiertag kam es in der Nähe des Stadions San Siro zu schweren Ausschreitungen zwischen den Anhängern beider Vereine, wobei vier Personen schwere Schnittwunden erlitten und ein Mensch ums Leben kam. Das Opfer Daniele Belardinelli wurde dabei von einem Auto erfasst, die genauen Umstände sind noch nicht endgültig aufgeklärt. Der Inter-Fan gehörte der Neonaziorganisation »Blood and Honour« an.

Während des Spiels war der dunkelhäutige Napoli-Verteidiger Kalidou Koulibaly aus der Inter-Kurve mit Affenlauten bedacht worden. Das Regelwerk der Serie A sieht für rassistische Beleidigungen eine eindeutige Reaktion vor: Spielabbruch. Doch die Schiedsrichter lassen das Spiel meist laufen. Man erinnere sich nur daran, wie Kevin-Prince Boateng 2013, damals noch in Diensten des AC Mailand, aus freien Stücken den Platz verließ, weil er während eines Freundschaftsspiels von den Anhängern des damaligen Viertligisten Aurora Pro Patria in Dauerschleife rassistisch beleidigt worden war.

Auch Koulibaly verließ die Partie gegen Inter vorzeitig – aber nicht freiwillig. Obwohl der Trainer des SSC, Carlo Ancelotti, nach eigenen Aussagen allein während der ersten Hälfte beim Unparteiischen dreimal den Abbruch des Spiels gefordert hatte, fand sein Ansuchen bei Schiedsrichter Paolo Silvio Mazzoleni kein Gehör. So musste Koulibaly das Martyrium weiter ertragen – und wurde vom Schiedsrichter später sogar vom Platz gestellt, weil er für eine gelbe Karte höhnisch applaudierte. »Es tut mir leid, dass wir verloren haben und dass ich meine Brüder allein gelassen habe. Aber ich bin stolz auf die Farbe meiner Haut. Und dass ich Franzose bin, Senegalese, Neapolitaner: Mensch.« schrieb Koulibaly nach dem Spiel auf Twitter.

Sein Trainer Ancelotti hatte sich bereits zuvor klar positioniert. »Beim nächsten Mal hören wir auf zu spielen, und sollten wir deshalb verlieren: Sei’s drum!« sagte er nach dem Spiel. Inter Mailand wurde inzwischen vom italienischen Verband zu zwei Heimspielen ohne Zuschauer verurteilt. Zusätzlich muss die Fankurve in einem dritten Spiel leer bleiben. Die Vereine kommen meist glimpflich davon: geringe Geldstrafen (wie im Falle Hellas Verona Anfang 2018) oder gleich gar keine Ermittlungen (wie bei der Beleidigung von Ex-BVB-Stürmer Michy Batshuayi durch Anhänger von Atalanta Bergamo im Frühjahr 2018).

In einem Interview am 28. Dezember mit dem Corriere della Sera äußerte sich auch Kevin-Prince Boateng zu den Vorfällen. Der jetzige Spieler des italienischen Erstligisten Sassuolo Calcio beklagte dort, dass sich an den Zuständen in den Stadien des Landes nicht viel verbessert habe. »Die Lage hat sich in den letzten fünf Jahren noch mehr verschlechtert«, sagte Boateng der Tageszeitung aus Mailand.

Auch die Zustände in Deutschland seien nicht besser. Als Beweis dient wohl die legendäre Südtribüne des Bundesliga-Tabellenführers Borussia Dortmund, wo rechte Hooligans vermehrt versuchen, die Vorherrschaft zurückzuerobern. In England wurde Raheem Sterling von Manchester City im Spiel gegen den FC Chelsea Anfang Dezember ebenfalls Opfer rassistischer Schmähgesänge – ein prominenter Fall unter vielen. Doch werden die rechten Tendenzen von den Fußballverbänden nirgends mit der nötigen Konsequenz bekämpft. Bis auf weiteres werden die Progressiven auf und neben dem Platz alleine gegen die Rassisten kämpfen müssen.

Mehr aus: Sport