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Aus: Ausgabe vom 09.01.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Dolchstoßlegende

Von Daniel Bratanovic
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Von den Nazis noch radikalisiert. »Judas Verrat«. Antisemitische Darstellung der Dolchstoßlegende im »Schulungsbrief« der NSDAP von 1942

Der jeweilige Urheber, so ist das mit den Mythen, bleibt in der Regel unbekannt. Er ist auch nicht so wichtig. Entscheidend ist die Wirkung des Mythos, dessen Gebrauchswert für politische Zwecke. Ende Dezember 1918, da war der Krieg verloren und die politische Macht umkämpft, taucht in der deutschen Presse eine Schlagzeile auf: »Die ›erdolchte‹ deutsche Armee«. Kurz zuvor hatte ein namentlich nicht genannter Autor in der Neuen Zürcher Zeitung den britischen General Frederick Maurice so zitiert: »Was die deutsche Armee betrifft, so kann die allgemeine Ansicht in das Wort zusammengefasst werden: Sie wurde von der Zivilbevölkerung von hinten erdolcht.« Zwar stellte sich die Aussage als falsch heraus, doch ihrer Verbreitung in variierter Verwendung tat das keinen Abbruch.

Der stramm rechte, nationalprotestantische Berliner Pfarrer Otto Dibelius predigte im Mai 1919 zu dem »Volk, das seinem eigenen Heere den Dolch in den Rücken gestoßen hat«, und drohte allen Zersetzern der Kampfmoral, den Pazifisten und Vaterlandsverrätern »ein hartes Gericht (…) von den Händen eines gerechten Gottes« an. Im November desselben Jahres sprach Paul von Hindenburg vor einem öffentlich tagenden »Untersuchungsausschuss für Schuldfragen«, eingesetzt von der Nationalversammlung, behauptete »eine planmäßige Zersetzung von Flotte und Heer« und berief sich zustimmend auf einen »englischen General«, der das Bild vom Dolch in den Rücken der Armee in die Welt gesetzt habe. »Den guten Kern des Heeres trifft keine Schuld.«

Mit Hindenburgs öffentlichem Auftritt war die Rede vom »Dolchstoß« in aller Munde und geriet für bestimmte gesellschaftliche Kreise zu jenem brauchbaren politischen Mythos, dem nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung Glauben schenken mochten. Die zweckdienliche Lüge vom »Dolchstoß der Heimat« war, und nur deshalb funktionierte sie so gut, auf eine andere Lüge aufgepfropft. Die besagt, Heer und Flotte hätten im Herbst 1918 den Kampf ungeschlagen aufgeben müssen zu einem Zeitpunkt, als der Sieg greifbar nahe gewesen sei, verdichtet zu der Formel: »Im Felde unbesiegt«. Diejenigen, die am Erfolg der Doppellüge ein erstrangiges Interesse hatten, und das waren zunächst die Generale der Obersten Heeresleitung, wussten es freilich besser. Diese Herren waren im Spätsommer 1918 mit ihrem Latein am Ende. Intern hatte Erich von Ludendorff am 1. Oktober nach Aufzeichnungen eines Generalstabsoffiziers die militärische Lage als »furchtbar ernst« geschildert. »Der Krieg sei nicht mehr zu gewinnen, vielmehr stehe die endgültige Niederlage wohl endgültig bevor.« Dem Staatssekretär im Auswärtigen Amt ließ der General gleichen Tags übermitteln, »dass unser Friedensangebot sofort hinausgeht«.

Die Mär vom »im Felde unbesiegten Heer« verfing gleichwohl. Als der Waffenstillstand am 11. November unterzeichnet wurde, stand kein feindlicher Soldat im Reichsgebiet, wenigstens ein Kriegsgegner, das zaristische Russland, war geschlagen worden. Und Friedrich Ebert begrüßte zur Unterdrückung der Revolution in Berlin anrückende Frontsoldaten am 10. Dezember mit den Worten: »Eure Opfer und Taten sind ohne Beispiel. Kein Feind hat euch überwunden.«

Wer so dachte und sprach, und das waren auch vom offiziellen Geschichtskanon noch heute höchst angesehene Figuren, der benötigte Schuldige: die Kriegsgegner, Revolutionäre und Novemberverbrecher. Max Weber etwa behauptete, die Revolution habe »Deutschland die Waffen aus der Hand geschlagen«.

Die zweifache Legende war, deshalb ist daran zu erinnern, mehr als bloß ein Mittel in den politischen Kämpfen der Weimarer Zeit. Aus der zum Dogma erhobenen Lüge waren Schlussfolgerungen zu ziehen: die baldige und gründliche Korrektur der Ergebnisse des Weltkriegs; die Störenfriede, Verräter und Zersetzer, die Juden, Marxisten und Pazifisten in Vorbereitung eines zweiten Weltkriegs gleich vorher zu beseitigen. Die Nazis sollten zeigen, wie das geht.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Volker Wirth, Berlin: Keine Entgleisung Mit dem Einsatz der Freikorps und Gardeeinheiten des deutschen Militarismus gegen die revolutionäre Arbeiterbewegung 1918–23 wie auch mit der Zustimmung zum außenpolitischen Programm der Naziregierung...

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