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Ein Hansa-Herz

Von Marek Lantz
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»Das Handy brummt nicht umsonst«, Martin Pieckenhagen (hier noch als Bundesligatorwart, Oktober 2004)

Mächtig Betrieb herrschte in den vergangenen Tagen beim Fußballdrittligisten Hansa Rostock. Zwar wirkt der achte Tabellenplatz, auf dem der Klub mit der Kogge überwintert, auf den ersten Blick durchaus passabel, doch was die Punkteausbeute anbelangt, ist die Abstiegszone deutlich näher als der erklärtermaßen in dieser Saison angestrebte Aufstieg in die Zweitklassigkeit. Folglich entließ der letzte DDR-Meister am Donnerstag gleich im Paket Trainer Pavel Dotchev und Sportvorstand Markus Thiele.

Tags zuvor hatte der grantige Dotchev die Lokalpresse wissen lassen, dass der Verein nicht gewillt sei, seinen Vertrag über den Sommer hinaus zu verlängern. Hansa-Vorstand Robert Marien garnierte die Rauswürfe mit den branchenüblichen Floskeln: »bei allen individuellen Verdiensten ... müssen die Verantwortlichen eine Einheit bilden«, »trotz intensiver Gespräche ... sahen wir uns gezwungen, einen Neuanfang zu vollziehen«, und präsentierte 48 Stunden später zumindest den neuen Sportlichen Leiter: Martin Pieckenhagen. Der 47jährige hütete zu Bundesligazeiten das Hansa-Tor, hat keinerlei Managererfahrung, scharrt aber als einer, der mit Hansa-Stallgeruch medial gefragt ist, schon länger mit den Hufen.

»Bei Martin Pieckenhagen ist die Leidenschaft da. Er hat ein Hansa-Herz und würde für unseren Verein in ein brennendes Haus rennen«, schwärmt Marien. Die Rolle des berühmten Feuerwehrmanns, sonst eigentlich Trainern vorbehalten, soll in Rostock also der frisch bestellte Sportvorstand übernehmen.

Der so Gepriesene gab sich gleich mal Mühe, dies zu unterstreichen: »Ich bin jemand, den man in der ersten Reihe abstellen kann, weil er nicht gleich umfällt, und ich bin ein zäher Hund. Sachen, an die man glaubt und von denen man überzeugt ist, die sollte man immer weiter verfolgen«, erklärte Pieckenhagen, und man kam nicht umhin, zu überlegen, wie lange er schon auf den nun eingenommenen Posten geschielt hatte. Schmunzelnd merkte er an: »Hier brennt kein Haus.« Den Aufstieg hat Pieckenhagen trotz zehn Zählern Rückstand auf den Tabellendritten KFC Uerdingen noch nicht abgeschrieben: »Wir haben 27 Punkte, es sind noch 18 Spiele und damit 54 Punkte zu vergeben. Der Fußball hat gezeigt, dass Unmögliches passieren kann. Erst mal müssen wir aber einen Trainer finden.« Dass es ihm an Erfahrung mangele, lässt er nicht gelten: »Ich habe exzellente Kontakte in die Riege der Manager und Trainer. Die sind alle in meinem Alter, und das Handy brummt nicht umsonst die ganze Zeit.«

Am heutigen Dienstag bricht die übergangsweise von A-Jugendtrainer Vladimir Liutyi gecoachte Mannschaft ins zehntägige Trainingslager ins türkische Belek auf. Unter anderem stehen dort Testspiele gegen die Zweitligisten Erzgebirge Aue und SV Sandhausen auf dem Programm. Ob der neue Hütchenaufsteller diese Partien schon von der Seitenlinie aus betrachten wird, scheint fraglich. »Wir brauchen keinen Feuerwehrmann«, findet Pieckenhagen. »Wenn es ein paar Tage länger dauert, dann ist das eben so.« Der zuletzt beim Hamburger SV krachend gescheiterte Bernd Hollerbach und der im Herbst in Magdeburg beurlaubte Jens Härtel gelten als die aussichtsreichsten Kandidaten.

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