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Aus: Ausgabe vom 05.01.2019, Seite 1 / Titel
Containerschiff »MSC Zoe«

Plastik, Gift und Alufelgen

Nach Havarie in der Nordsee: Umweltschäden und helfende Hände auf den niederländischen Inseln. Reederei verantwortlich gemacht
Von Gerrit Hoekman
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Kein Strand in Sicht: Freiwillige sammeln auf Ameland das ein, was die Container der »MSC Zoe« freigegeben haben (2.1.2019)

Nasse Matratzen, Schuhe, Fernsehgeräte, Schränke aus Holz, Hunderte Glühbirnen und jede Menge Plastik – der breite Strand der niederländischen Nordseeinsel Schiermonnikoog ist übersät von Müll. »Es ist echt schlimm. Das ist eine ernste Situation«, sagte Bürgermeisterin Ineke van Gent Donnerstag abend dem Algemeen Dagblad (AD).

Der Unrat stammt aus den 277 Containern, die das Frachtschiff »MSC Zoe« in der Nacht zum 2. Januar verloren hatte. Viele von ihnen waren im Wasser aufgegangen, der Inhalt wird jetzt auf die Inseln gespült oder – was fast noch schlimmer ist – ins Wattenmeer. Alleine wird das kleine Schiermonnikoog mit der Umweltkatastrophe nicht fertig, deshalb hat der Verteidigungsminister 100 Soldaten geschickt, die beim Aufräumen helfen sollen.

Auf der Nachbarinsel Ameland sammelten die Helfer bereits 200 Tonnen Müll ein. Viele Touristen beteiligten sich an den Aufräumaktionen, schrieb die Lokalzeitung Nieuwe Dockumer Courant. Auch auf der deutschen Nordseeinsel Borkum wurden am Freitag die ersten Fernseh- und Haushaltsgeräte angespült, wie der NDR berichtete.

Die Zeit drängt, denn je länger das Plastik im Salzwasser treibt, um so kleiner werden die Stückchen, die ans Ufer geschwemmt werden. Außerdem verteilt der Wind das Styropor der Verpackungen über die Dünen. Vögel und Seehunde könnten Plastik und Styropor mit der Nahrung aufnehmen, befürchten Naturschützer. Besonders heikel: Einige Container enthielten die giftige Substanz Peroxid. Die ersten beiden 25-Kilo-Säcke wurden bereits auf Schiermonnikoog entdeckt.

Weil der chemische Stoff schwerer ist als Wasser, werde das meiste wohl auf den Grund der Nordsee sinken, vermutet die Meeresbiologin Tinka Murk von der Universität Wageningen. Am Donnerstag warnte sie im NRC Handelsblad: »Als Taucher würde ich davon wegbleiben. Jede Krabbe, jeder Wurm oder Fisch, der damit in Kontakt kommt, stirbt.« Bei Berührung an der frischen Luft kann Peroxid zu Verbrennungen führen.

Trotzdem waren in den letzten Tagen viele »Strandpiraten« unterwegs. Der Sender RTV Noord zeigte, wie Männer, Frauen und Kinder Spielzeug, Schuhe, Kühlschränke und Alufelgen fortschafften. Was sie finden, dürfen sie mitnehmen, sagen die betroffenen Gemeinden unisono. Allerdings ist das Aufbrechen verschlossener Container verboten, sie gehören immer noch der Reederei.

Das Einsammeln von Treibgut am Strand hat eine lange Tradition auf den Inseln. In alter Zeit bestritten die Einheimischen damit einen Teil ihres Lebensunterhaltes. Heute ist es für die meisten nur noch eine nette Abwechslung, ein kleines Abenteuer im Inselalltag. Wie für den 82 Jahre alte Theun Talsma aus Schiermonnikoog, der sich noch gerne an das Jahr 2009 erinnert, als ein Frachter Winterjacken verlor. »Viele Insulaner liefen damals in den gleichen hübschen Jacken herum«, erzählte er am Mittwoch auf der Internetseite von RTV Noord.

Für Tineke Schokker, die Bürgermeisterin von Vlieland, steht fest, wer für den Schaden aufkommt: »Die Kosten machen wir beim Reeder geltend. So läuft das«, sagt sie dem AD (Onlineausgabe). Die Unternehmen seien gegen so etwas versichert. Erst recht so eine riesige Reederei wie die Mediterranean Shipping Company (MSC), die bei der Containerfracht weltweit auf Platz zwei liegt. Der Konzern wolle nach Angaben von RTL Nieuws in Kürze Mitarbeiter auf die Inseln schicken, um den angerichteten Schaden zu begutachten. Die Folgen für die Umwelt wird das jedoch nicht kompensieren können.

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