Aus: Ausgabe vom 05.01.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die geteilte Insel

Auf Zypern prallen Welten aufeinander. Der Konflikt schwelt weiter

Von Gaetano Di Filippo
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Seit 1974 ist Zyperns Hauptstadt Nikosia eine geteilte Stadt. Auf einer Barrikade aus Ölfässern nahe der Botschaft des Vatikans haben Gegner und Befürworter einer Vereinigung ihre Losung hinterlassen

Zyperns Geschichte ist eine schwierige. Über die Jahrhunderte war die Insel im Mittelmeer ein Zankapfel großer Mächte. Um sie stritten bereits Byzanz und das Osmanische Reich. Die komplexen geopolitischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts wirken bis heute hier fort.

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Blick auf die Häuser griechischer Bewohner in der Altstadt von Nikosia vom Kontrollpunkt in der Ledrastraße

Seit der Besetzung des nördlichen Drittels Zyperns 1974 durch die türkische Armee besteht die dort proklamierte Türkische Republik Nordzypern (TRNZ). Das staatliche Konstrukt der türkischen Zyprioten wird einzig von der Türkei selbst anerkannt. Die griechischen Zyprioten hingegen sind Bürger der Republik Zypern, einem Mitglied der Europäischen Union. Die Größe der beiden Bevölkerungen unterscheidet sich deutlich: Weniger als 300.000 türkische Zyprioten leben neben 800.000 griechischen. Sie trennt eine Pufferzone voneinander, die sich über 180 Kilometer erstreckt. »Grüne Linie« wird die Grenze genannt, die das Land zerschneidet. Der britische Armeegeneral Peter Young zog sie 1964 mit einem grünen Stift auf einer Karte der Insel zwischen den Siedlungsgebieten von Türken und Griechen. Auf der einen Seite patrouillieren heute Ankaras Truppen, um die 35.000 Mann sind in Nordzypern stationiert, auf der anderen die der Republik. Dazwischen halten etwa tausend Blauhelme der UN-Friedensmission Unficyp die Stellung.

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Trügerisches Idyll: Dieses Café liegt direkt an der Grenze zu dem Teil Nikosias, der die De-facto-Hauptstadt der Türkischen Republik Nordzypern darstellt

Nach der Unabhängigkeit von Großbritannien 1959 kam es zu wachsenden Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen auf der Insel. 1974 zettelte die Athener Militärjunta einen Putsch gegen Zyperns Staatsoberhaupt, Erzbischof Makarios III., an. Die Türkei nutzte die instabile Situation zur Invasion, etwa 160.000 griechische Zyprioten flohen deshalb vom Nord- in den Südteil der Insel, etwa 80.000 türkische Zyprioten nahmen den umgekehrten Weg.

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In der Pufferzone, die den türkisch besetzten Norden von der Republik Zypern trennt, sind viele Gebäude dem Verfall preisgegeben. Die UN-Friedensmission Unficyp ist hier mit ­Blauhelmen präsent

Für eine gemeinsame Zukunft der Zyprioten sieht es nicht gut aus. Ein Treffen der beiden Präsidenten, Nikos Anastasiadis und Mustafa Akinci, im Juli 2017 in Crans-Montana in der Schweiz unter UNO-Vermittlung brachte keine Annäherung. Einem Abzug seiner Truppen verweigert sich Ankara strikt. Das steht einer von den türkischen Zyprioten gewünschten Anerkennung der TRNZ durch die internationale Gemeinschaft weiter im Weg.

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Seit 1974 ist Varosia nahe der Stadt Fama­gusta im Osten Zyperns eine Geisterstadt. Auch die Hotels und Ressorts stehen verlassen. Den Bezirk kontrolliert die türkische Armee

In den vergangenen Jahren hat die Türkei ihren Einfluss in Nordzypern stetig ausgebaut. Die Einwohnerschaft dort ist gespalten. Während der eine Teil die Türkei als großen Bruder ansieht, befürchten andere, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan darauf aus ist, das Gebiet zu islamisieren und ihre eigenständige kulturelle Tradition zu verdrängen. Hinzu kommt, dass die Erschließung neuer Ressourcen, vor allem von Gasvorkommen, rund um die Insel zu Reibungen zwischen den großen Nachbarn führt. Der Metropolit (Erzbischof) von Morphou in der TRNZ fasst die Lage so zusammen: »Die Lösung der zyprischen Frage kann erst erreicht werden, wenn die Weltfragen gelöst sind, die auch den Syrien-Konflikt verursacht haben.« Eine Einschätzung, die wenig Grund zur Hoffnung gibt.

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Famagusta wird weiter von der türkischen Armee kontrolliert. Das heutige ­Gazimagusa hat als Touristenziel an Bedeutung gewonnen. Hier befindet sich auch der einzige Frachthafen von Nordzypern


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