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Aus: Ausgabe vom 05.01.2019, Seite 8 / Abgeschrieben

»Wichtig, dass die Solidarität in Europa weitergeht«

Christoph Azone und Stefan Rupp von Radio eins des RBB sprachen am Freitag mit dem österreichischen Politikwissenschaftler und jW-Autor Max Zirngast in der Türkei, der bis zum 24. Dezember 2018 dort drei Monate lang in einem Hochsicherheitsgefängnis eingesperrt war.

Können Sie uns erzählen, wie es Ihnen ergangen ist im türkischen Gefängnis?

(…) In türkischen Gefängnissen ist die Lage nicht grundsätzlich anders als in anderen Gefängnissen. Die konkreten Umstände haben sich seit der Ausrufung des Ausnahmezustands, der zwar mittlerweile aufgehoben ist, aber de facto noch weiter existiert, doch verschlechtert. Also, es gibt wesentliche Einschnitte in Grundrechte in Gefängnissen, die das Alltagsleben erschweren.

Können Sie uns dafür ein Beispiel nennen?

(…) Vor dem Ausnahmezustand durfte man jeweils zehn eigene Bücher im Gefängnis haben, mittlerweile sind es nur noch fünf. (…) Es hat über zwei Monate gedauert, bis wir tatsächlich ein Radio haben durften. Dazu kommen einfache Sachen, wie Warmwasser, das nicht warm ist, oder dass die Zelle selbst sehr schmutzig, verschimmelt ist, die das Leben sehr unangenehm machen. Damit muss man sich in irgendeiner Form auseinandersetzen, dass man auf den Beinen bleibt.

Einmal pro Woche müssen Sie sich bei der Polizei melden. Was tun Sie jetzt in Freiheit? Können Sie arbeiten? Können Sie schreiben?

Im Moment habe ich angefangen, mich mit den ganzen Presseanfragen auseinanderzusetzen. In den ersten paar Tagen war ich mit meiner Familie und meinen Freunden hier und habe versucht, ins Leben zurückzukommen. Ich bin natürlich jetzt in einer völligen Unsicherheit. Einerseits gibt es einen Einspruch gegen unsere Enthaftung, der immer noch nicht beantwortet wurde vom zuständigen Gericht. Also, es könnte auch sein, dass ich wieder zurück ins Gefängnis muss. Andererseits habe ich Ausreiseverbot und muss jeden Montag in einer Polizeistation eine Unterschrift abgeben. (…) Und gleichzeitig schwebt die Gefahr über mir, dass ich diesen Prozess eben habe. (…)

Was erwarten Sie davon? Wie bereiten Sie sich vor?

Im Grunde ist es ja so, dass die Anklage inhaltlich leer ist. Also tatsächlich keine konkreten Hinweise auf irgend etwas beinhaltet. Das macht die Verteidigung gar nicht so leicht, weil man ja nicht weiß, wogegen man sich jetzt verteidigen müsste. (…) Wenn ein halbwegs vernünftiger Prozess stattfindet, dann sind meine Chancen sehr gut, weil tatsächlich nichts vorliegt und auch nach türkischem Recht nichts strafrechtlich Relevantes in der Anklageschrift drinsteht. Das heißt, ich werde einfach in der nächsten Zeit bis zum Prozesstermin eine Verteidigungsstrategie mit meinen Anwälten durchdenken. Und gleichzeitig ist wichtig, dass die Solidarität in Europa weitergeht und dass der Prozess auch beobachtet wird.

(…) Wie gehen Sie mit Ängsten und Verunsicherung um?

Es ist tatsächlich psychisch belastend. (…) Wenn man von Anfang an weiß, man ist jetzt dreieinhalb Monate im Gefängnis, dann ist das, glaube ich, gar nicht so schlimm. Aber man sitzt da drin und weiß es schlicht und einfach nicht. (…) Es geht mir aber insgesamt ganz gut. Ich glaube, dass auch die Herangehensweise, die ich und mein Zimmerkollege im Gefängnis hatten, sehr gut war, sehr diszipliniert und konzentriert zu arbeiten. (…) Das hilft mir jetzt auch weiterhin.

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