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Aus: Ausgabe vom 04.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Sachbuch

Wo Klecks die Oma biss

Die »Wende« holte ihn von den Beinen: Ein Buch von Roberto Yáñez über sein Leben als Enkel der Honeckers
Von Matthias Krauß
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»Mein Leben war erst in Gefahr, als ich die Kultur gewechselt habe« – Roberto Yáñez

Wenn Nachkommen von DDR-Prominenten ein Enthüllungsbuch verfassen, um etwas aus der Familiengeschichte herauszuschlagen, endet das meist in weinerlicher, zeitgeistgetränkter Sentimentalität. Der Enkel von Margot und Erich Honecker, Roberto Yáñez, durchbricht diese Regel mit seinem Buch »Ich war der letzte Bürger der DDR. Mein Leben als Enkel der Honeckers« (Koautor: Thomas Grimm). Yáñez lebt heute in Chile und muss nicht den Gesslerhut der deutschen Aufarbeitungsindustrie grüßen.

Der Sohn von Sonja, der einzigen Tochter des Ehepaares Honecker, war 15, als die Mauer fiel und seine Großeltern zu Freiwild wurden. Sein Vater Leonardo war 1973 als chilenischer Emigrant in die DDR gekommen, wo Roberto so friedvoll und anregend aufwuchs, wie das allgemein üblich war. Bei der Spartakiade war er im Schwimmen erfolgreich. Das hatte er von seinem Opa, der »ein begeisterter und guter Schwimmer war«. Im »Wendeherbst« zog Robertos Familie nach Chile, wo er in den darauffolgenden Jahren aus der Bahn geriet, in Alkohol und Drogen fast unterging. »Mein Leben war erst in Gefahr, als ich die Kultur gewechselt habe«, schreibt er.

Man darf dankbar sein für viele Informationen, die in die heutigen Klischees nicht passen. Etwa, dass beim Einzug in die Neubauwohnung Honecker-Tochter Sonja die installierten Westarmaturen ausbauen und durch DDR-Erzeugnisse ersetzen ließ, obwohl das sinnlos und am Ende viel teurer war. Der Enkel schreibt: »Meine Mutter liebte ihren Vater sehr.« Sie berichtete ihm von Versorgungsengpässen, was er dann im Politbüro in Form von »unangenehmen Fragen« weitergegeben habe.

Mit Wandlitz kann man den heutigen Roberto nicht erschrecken. Auch wo er lebt, schotten sich die höheren Schichten ab, gibt es sozusagen Tausende Wandlitze. Im Wandlitz seiner Kindheit besuchte er am Wochenende die Großeltern, tollte mit dem Sohn von Günter Schabowski und seinem Hund Klecks durchs Gelände und war aufgelöst, wenn Klecks mal wieder die Großmutter biss. Mitunter ging es mit Oma und Opa nach Wildfang (Schorfheide) auf die Datsche. Yáñez: »Heute wird behauptet, das ganze Gebiet sei abgesperrt gewesen.« Aber das war es nicht. Manchmal kamen Wanderer vorbei, und man tauschte Grüße aus.

Ich- und Er-Form

Wenn der Honecker-Enkel durch die Gegend fuhr, dann bewacht vom MfS-Personenschutz. »Sie sahen nicht so aus wie die Stasi-Leute im Film ›Das Leben der anderen‹.« Sein Lieblingswächter Addi hat ihm mal die Pistole im Handschuhfach gezeigt. Nach der »Wende« musste Addi sich eine neue Arbeit suchen und wurde als Wachmann beim Überfall auf einen Geldtransport getötet.

Das Buch ist mal in der Ich-Form geschrieben, mal in der Er-Form. Yáñez kann so seine Eindrücke als Kind wiedergeben und sein Urteil als gereifter Mann. Als seine Eltern zusammenkamen, studierte der Vater in der DDR. Sonja wurde schwanger, und Leonardo kehrte nach seiner Promotion in Chemie nach Chile zurück, wo die Faschisten unter Pinochet putschen. Laut Buch gab Honecker MfS-Chef Erich Mielke persönlich den Befehl, den Vater seines kommenden Enkels in Sicherheit bringen zu lassen. Die DDR-Botschaft war in diesen Tagen Zufluchtsort für Verfolgte.

Die »Wende« holt Yáñez von den Beinen. Was mit seinen Großeltern geschah, machte ihn fassungslos. Er schrieb seinem Opa Briefe ins Gefängnis, bewunderte dessen Klassenbewusstsein und Standhaftigkeit. Später, auf Honeckers Flucht, fälschten russische Ärzte eine Diagnose, damit Russland ihn an Deutschland ausliefern konnte. Zwei Tage nach Einlieferung diagnostizierten deutsche Gefängnisärzte bei Honecker eindeutig Leberkrebs in einem späten Stadium. Jeder ehemalige KZ-Kommandant hätte unter diesem Umständen von einem bundesdeutschen Gericht umgehend Haftunfähigkeit bescheinigt bekommen und wäre in Freiheit gesetzt worden. Honecker musste 167 Tage darauf warten.

Von Oma Margot bekam der Autor in den »Wendetagen« gesagt: »Deine Oma schmeißt man nicht raus. Die entscheidet selbst, wann sie geht.« Rückblickend schätzt er ein: »Sie mochte Mielke mit seinem verrückten Überwachungsstaat schon als Volksbildungsministerin nicht. Heute weiß ich, dass es eine Stasi-Akte über meine Oma gab.«

Böse weise Oma

Margot Honecker, »die böse weise Oma«, kommt im Buch eigenartig überirdisch weg. Sie ahnte alles, sah alles voraus. Lange vor ihrem Erich war sie davon überzeugt, dass Michail Gorbatschow nicht der Reformator des Sozialismus sein würde, sondern sein Totengräber. Sie verachtete dessen Ehefrau Raissa für das Schaulaufen an der Seite ihres Mannes und lehnte ein solches Gehabe für sich ab: »Ich bin eine sozialistische Ministerin und keine Vorzeigeehefrau«. Margot war »klüger als viele Männer im Politbüro«, schreibt Yáñez. Für sie stand sofort fest, dass mit dem Sommer 1989 in der DDR alles mögliche kommen werde, aber sicher kein »demokratischer Sozialismus«.

Im »Wendeherbst« entschlossen sich Robertos Eltern, beide arbeitslos, nach Chile auszureisen. Der Vater floh nun also vor dem, was sich in Deutschland zusammenbraute. In Chile konnte Roberto die deutsche Schule besuchen, fand sich dort wieder unter Söhnen von deutschen Pinochet-Anhängern. Das alles hielt er im Kopf nicht mehr aus. Als Erich Honecker endlich nach Chile ausreisen durfte, »hatten wir uns nicht mehr viel zu sagen«.

Im Nebel von Alkohol und Marihuana erlebte Roberto Yáñez das letzte Kapitel. Die Trennung der Eltern, die erbärmliche Belagerung des Hauses seiner Großeltern durch Bild und Konsorten. Er erlebte aber auch anderes. Zu den Verdiensten der DDR gehört es, weltweit den Kampf gegen Unrecht und Unterdrückung unterstützt zu haben, was unsere »Aufarbeiter« nicht wahrhaben wollen, aber Jahrzehnte später kam es dem Ehepaar Honecker zugute. Yáñez: »Ehemalige Flüchtlinge, die in der DDR Asyl fanden, bekleideten jetzt in Chile hohe Regierungsämter.« Sie zeigten ihre Dankbarkeit und boten nun ihrerseits ein sicheres Asyl.

Die Urnen

Robertos Mitschüler schlossen von lateinamerikanischen Diktatoren auf die Honeckers: »Dein Großvater war doch Staatschef, da müsst ihr doch Geld haben.« Hatten sie nicht. Aber die DDR hatte vielen Befreiungsbewegungen »lange Zeit finanzielle und logistische Hilfen geleistet«, ihre Kader konnten »an Hoch- und Fachschulen studieren«, schreibt Yáñez: »Es ist plausibel, dass die damaligen Besucher von der PLO, der FSLN aus Nicaragua, der Befreiungsbewegung aus El Salvador … oder der ANC (…) die Honeckers mit Geld unterstützen«.

Als Erich Honecker starb, kamen rund 3.000 Menschen zur Trauerfeier. Westjournalisten konnten die Tränen auf den Gesichtern junger Chilenen nur als »einer falschen Ideologie nachtrauern« deuten, wie der Autor schreibt. Tatsächlich handelte es sich um junge Chilenen, »die in Berlin, Dresden oder Leipzig geboren wurden und erst seit kurzem in dem für sie fremden südamerikanischen Land leben mussten«.

Nach einem Klinikaufenthalt zog Roberto zu seiner nun allein lebenden Großmutter Margot und war dadurch »von der DDR wieder eingefangen«. »Ich wurde ihr letzter Bürger.« Die strenge Oma blieb sich treu, tat das Richtige, forderte Zuverlässigkeit und Aufgeräumtheit.

Vor zweieinhalb Jahren starb Margot Honecker. Die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet – auch sie hatte als Flüchtling in der DDR gelebt – schickte ein Beileidsschreiben, im Unterschied zu Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Urnen des Ehepaars Honecker stehen laut Roberto bei einem Freund in Santiago. Er meint, dass seine Großeltern »zur deutschen Geschichte gehören«, die Urnen also nach Deutschland, und zwar auf den Friedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde.

Roberto Yáñez, Thomas Grimm: Ich war der letzte Bürger der DDR. Mein Leben als Enkel der Honeckers. Insel-Verlag, Berlin 2018, 256 S., 20 Euro

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • E. Rasmus: Fest im Leben Das Anliegen von Roberto Yáñez, die Urnen seiner Großeltern in Berlin-Friedrichsfelde bestatten zu lassen, müsste das Anliegen aller linken Kräfte sein. Ich schlage vor, dass die Teilnehmer der diesjä...
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