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Aus: Ausgabe vom 03.01.2019, Seite 2 / Ausland
Bildungsproteste in Kolumbien

»Universitäten privatisieren sich Stück für Stück«

Kolumbien: Studierende an öffentlichen Hochschulen streiken und fordern mehr Geld für Bildung. Ein Gespräch mit Sebastián Penilla Patiño
Interview: Jule Pauline Damaske, Bogotá
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Bildungsproteste in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá (15.11.2018)

Seit zwei Monaten befinden sich Studenten der öffentlichen Universitäten in Kolumbien im Streik. Was sind Ihre Forderungen und Ziele?

Unser Ziel ist, dass Bildung wieder zu einem Recht aller wird. In den letzten zwei Jahren wurden von der UNEES (Nationale Union der Hochschulstudenten, jW) zehn Forderungen herausgearbeitet. Unter anderem braucht es ein breiteres Angebot für humanwissenschaftliche und künstlerische Forschungen an Universitäten. Zur Förderung dieser Bereiche werden umgerechnet rund 210 Millionen Euro benötigt. Der aktuelle Präsident Iván Duque will jedoch Investitionen in Wissenschaft, Kunst und Kultur kürzen.

Wie kann man sich die Ausbildung an den Hochschulen vorstellen?

Wir werden unterrichtet, mit dem einzigen Ziel, aus uns Arbeiter zu machen. Die Studierenden werden an den Orten, an denen sie studieren, praktisch direkt an Firmen weitergereicht. Wir sind Objekte, unsere Interessen werden nicht berücksichtigt.

Das fehlende Geld ist eine Konsequenz aus dem Gesetz zur Finanzierung der öffentlichen Bildung aus dem Jahre 1992. Wie hoch ist das Defizit nach über 20 Jahren Kürzungspolitik?

Die UNEES beziffert den Bedarf auf mehr als fünf Milliarden Euro. Wir brauchen die Mittel, damit die Gebäude in Schuss gehalten werden und die Universitäten im allgemeinen funktionieren können. Die Hochschulen versuchen bereits, Gelder von außerhalb zu akquirieren, etwa durch Kredite und andere Finanzierungsprogramme.

Das Gesetz aus dem Jahr 1992 ist längst überholt. Die heutigen Universitäten sind im Vergleich zu den 90er Jahren stark gewachsen. Das wird kompensiert, indem etwa die Kosten für die Studierenden ansteigen, zum Beispiel müssen sie höhere Gebühren zahlen. Auf diesem Wege privatisieren sich die Universitäten Stück für Stück.

Gibt es Solidarität mit dem studentischen Streik?

Die erfahren wir von Gruppen, die an den Universitäten vertreten sind: Parteien, Studentenverbände und Gewerkschaften. Mittlerweile erhalten wir auch Unterstützung aus anderen Bereichen: Immer mehr Menschen sehen ein, dass das Thema Bildung alle Kolumbianer betrifft, und setzen sich deshalb für unsere Rechte ein. In den letzten Wochen schlossen sich zum Beispiel viele Bäuerinnen und Bauern, Indigene und Afrogemeinschaften an.

Wie geht die Polizei mit den Protesten um?

Uns wird jedesmal kalt, wenn friedliche Proteste von Polizisten gestürmt werden. Studierende, die das Recht zu demonstrieren haben, wurden mehrfach von der Esmad (Spezialeinheit zur Aufstandsbekämpfung, jW) angegriffen. Die Einsatzkräfte scheuen sich nicht davor, ihre Waffen gegen uns einzusetzen. Gegen Esmad-Angehörige gibt es viele Anzeigen aufgrund von Menschenrechtsverletzungen. Ihre Methode im Umgang mit unseren Protesten ist es anscheinend, die Demonstrationen in der unmenschlichsten Art niederzukämpfen.

Haben Sie Gespräche mit der Regierung geführt?

Bisher war es sehr schwierig, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Als sich am Anfang die verschiedenen Organisationen zusammentaten, um das Gespräch zu suchen, war die einzige Reaktion der Regierung, sich über unsere Forderungen lustig zu machen. Es hieß, unser Protest sei nichts Ernstes, man wolle sich damit nicht beschäftigen. Dennoch versuchen wir weiterhin, einen Dialog zu etablieren. Von den Streikteilnehmern wurden verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten vorgeschlagen, ohne dass sich die Politik aus den Taschen der ärmeren Bevölkerung bedient. Zum Beispiel könnten Steuern von multinationalen Konzernen erhoben werden, die bislang keine zahlen. Das Geld könnte für den Bildungsbereich genutzt werden.

Was sind die nächsten Schritte?

Wir wollen ein qualitativ gutes Bildungssystem – und zwar nicht nur für uns heute, sondern auch für alle, die nach uns kommen. Wenn wir die Situation jetzt nicht ändern, wird es niemand sonst tun. Die Regierung muss sich etwas überlegen, denn wir lassen nicht mehr zu, dass der sozial schwächere Teil der Bevölkerung ausgebeutet und bei denen Geld geraubt wird, wo doch eigentlich keines mehr zu holen ist. Wir sind erschöpft, doch wir fordern Gerechtigkeit!

Sebastián Penilla Patiño ist Student und Sprecher des Studienganges Grafikdesign an der Universidad Nacional de Colombia in Bogotá

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