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Aus: Ausgabe vom 31.12.2018, Seite 12 / Thema
KPD-Gründung

Die radikale Partei

An die Anfänge der KPD erinnern heißt, die Themen ihrer Gründer ernst zu nehmen. Ausgewählte Stimmen des Gründungsparteitags
Von Leo Schwarz
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Ohne euch geht es nicht: Werbeplakat der KPD aus dem Jahr 1919

Die Gründergeneration der Kommunistischen Partei Deutschlands hat die Partei zur Jahreswende 1918/19 als Revolutionspartei konzipiert. Die Annahme, dass Kapitalismus und bürgerlicher Staat in eine ausweglose Krise geraten seien, die entweder mit der sozialen Revolution oder einer sozialen Katastrophe enden würde, einte alle Fraktionen und Strömungen der Partei. Eine bestimmte politische Taktik war damit allerdings noch nicht verbindlich vorgegeben. Die Debatten in der jungen Partei drehten sich deshalb vor allem um die Frage, wie diese Einsicht in die politische Praxis zu übersetzen sei – auf dem Gründungsparteitag in der Form einer Auseinandersetzung über die Wahlbeteiligung bzw. über die Gewerkschaften. Anfang 1922, als die ersten, aus diesen Konflikten resultierenden Abspaltungen nach links und rechts bereits erfolgt waren, hat August Thalheimer dieses zentrale Problem der Parteientwicklung in der Zeitschrift Die Internationale noch einmal umrissen: Es liege, so Thalheimer, auf der Hand, dass, sollte die Einschätzung, der Kapitalismus befinde sich in einer finalen Krise, sich als nicht zutreffend erweisen, »für die kommunistische Politik, und also für kommunistische Grundsätze und am Ende auch für die kommunistische Partei kein Boden mehr da ist. Wenn der Kapitalismus aus dieser seiner ungeheuren Krisis zu ›normaler‹ Funktion zurückkehrt, so folgt daraus politisch die Rückkehr zur ›normalen‹ sozialdemokratischen Politik und Partei, die ihre verschiedenen Färbungen und Flügel haben mag, in der aber keine grundsätzlich verschiedenen programmatischen und taktischen Einstellungen möglich sind.« Das hieß: Eine kommunistische Partei funktioniert, wenn sie sich selber ernst nimmt, nur in Krisenphasen, in denen die Möglichkeit der Revolution zumindest angelegt ist. Ein Plädoyer gegen »kommunistische Grundsätze« ist das gerade nicht: Es ist der Hinweis, dass auch eine politische Partei, die einmal mit solchen radikalen Grundsätzen angefangen hat, gefährdet ist, »zur ›normalen‹ sozialdemokratischen Politik« herabzusinken. Die Geschichte der kommunistischen Parteien im vergangenen Jahrhundert ist auch eine Geschichte dieses Verfalls. Ein Rundgang durch die großen Themen des Gründungsparteitages lohnt sich nicht zuletzt aus diesem Grund.

Kritik des »linken« Reformismus

Die USPD ist tot

»Wir sehen hier, wie die USP nicht nur in ihren Führern verderbt ist, sondern, allerdings wesentlich mit durch die Politik ihrer Führer, auch in den Massen sich der Zersetzungsprozeß in einer sehr deutlichen, in einer geradezu unerträglichen Weise geltend macht. Die Mitgliedschaften, und zwar hier unter Förderung durch den Parteivorstand, der dieser Politik noch nicht abgeschworen hat, sie gehen bei den Wahlen zusammen mit den Mehrheitssozialisten. Die Mitgliedschaften verschmelzen sich in immer größerem Umfange. Wir haben in dem einen seltenen, aber wahrscheinlich bald nicht mehr so seltenen Falle Eduard Bernsteins einen Fall der Zugehörigkeit zu beiden Parteien. Dieser Vorgang kennzeichnet die innere Zersetzung, die absolute Unhaltbarkeit der ganzen Partei, nicht nur in bezug auf einzelne Personen, sondern auch in bezug auf die Zusammensetzung der Mitgliedschaften selbst. Es ist eine Scheidung notwendig. Im Grunde ist die USP bereits heute tot, und im Grunde ist dieser Austritt aus dem Kabinett nichts anderes als ein mißglückender Versuch, den Leichnam noch einmal zum Leben zu erwecken.« (Karl Liebknecht)

Der große Trennungsstrich

»Es gilt nun heute, jetzt, vor aller Öffentlichkeit den großen Trennungsstrich zu ziehen. Wir haben keine Gemeinschaft mehr mit der USP, wir müssen eine selbständige Partei werden. Wenn wir heute auseinandergehen, muß eine neue Partei gegründet sein, eine Partei, die im Gegensatz zu den scheinsozialistischen Parteien steht, zu denen auch die USP zu rechnen ist, im Gegensatz zu den Parteien, die das Wort Sozialismus mißbrauchen, um die Massen zu verwirren und den herrschenden Klassen in die Hände zu arbeiten, eine Partei, die entschlossen und rücksichtslos die Interessen des Proletariats vertritt, eine Partei, die geschlossen und einheitlich zusammengesetzt ist im Geiste und im Willen, eine Partei, die ein klares Programm hat, eine Partei, in der das Ziel und die Mittel zum Ziele gewählt sind mit klarer Entschlossenheit, mit einer Entschiedenheit, die nicht verwirrt werden kann, [in der] die Mittel gewählt worden sind nach den Interessen der sozialistischen Revolution, nach den Interessen, die die sozialistische Weltrevolution erfordert.« (Karl Liebknecht)

Mitmacherei der USPD

»Die USP (…) entstand durch Zusammenschluß verschiedenartiger Elemente, die weder in den Grundsätzen noch in der Taktik übereinstimmen und in den offiziellen Instanzen überwiegend eine verhängnisvolle scheinradikale Impotenz verkörpern. Die Politik der USP war von Anbeginn niemals eine solche der sozialistischen Klarheit, des entschlossenen Klassenkampfes, des konsequenten Internationalismus, sondern nur eine solche der opportunistischen Verworrenheit, der ängstlichen Kompromisselei, der nationalen Rechnungsträgerei und so von Anfang an zur Aktionsunfähigkeit verdammt. Seit der Novemberrevolution hat sich die Halbheit und Unsicherheit dieser Politik bis zur völligen Prinzipienlosigkeit gesteigert. Obwohl die Mehrheitssozialisten schon am 9. November unzweideutig erklärten, daß sie eine proletarisch-revolutionäre Politik auch künftig ablehnen würden, traten Vertreter der USP in das paritätische Kabinett ein. Sie haben damit der Verwirrung und Versumpfung der Arbeiter- und Soldatenmassen stärksten Vorschub geleistet, indem sie den Ebert-Scheidemann als Feigenblatt dienten. Sie haben sich acht Wochen lang aller Verbrechen und Verrätereien der ›sozialistischen‹ Regierung, deren Ziel die Wiederherstellung und Erhaltung der kapitalistischen Klassenherrschaft ist, durch Duldung oder offene Mittäterschaft mitschuldig gemacht. Sie haben die Voraussetzungen für ein rapides Anwachsen der gegenrevolutionären Mächte schaffen helfen und in verderblichster Weise dazu beigetragen, die revolutionäre Kraft der Arbeiter zu schwächen.« (Resolution, gegen eine Stimme angenommen)

Wahlbeteiligung und Parlament

Funktion der Nationalversammlung

»Die Nationalversammlung wird ganz nach Wunsch der Bourgeoisie, ganz nach dem Wunsche ihrer Agenten Ebert und Scheidemann ein gefügiges Instrument in den Händen der Gegenrevolution sein. Es ist kein Zweifel, daß in dieser Nationalversammlung die Vertreter der entschlossenen revolutionären Richtung innerhalb des Proletariats in der Minderheit sich befinden werden. Parteigenossen! Trotzdem schlagen wir Ihnen vor, die Nationalversammlungswahlen nicht beiseite liegen zu lassen. Wir schlagen Ihnen vor, in diese Wahlen zur Nationalversammlung einzutreten mit aller Kraft. (Rufe: ›Niemals!‹ ›Nein!‹) Lassen Sie mich ausreden! Sprechen Sie Ihr ›Niemals!‹ erst am Schluß. Wir schlagen Ihnen vor, in diese Wahlen einzutreten und sie durchzukämpfen mit aller Erbitterung und aller Energie und aller Kampfesfreudigkeit, sage ich Ihnen, die Sie gezeigt haben in jedem Kampfe, um jede Position, die die Gegenrevolution bis jetzt vor Ihnen aufgerichtet hat. (Rufe: ›Vergeudung von Kraft!‹) Parteigenossen! Man sagt Vergeudung von Kraft. Ja, der Genosse hat recht. Wenn die Positionen, die die Gegenrevolution vor uns aufrichtet, genommen werden können ohne Kraftaufwand, ohne daß wir sie stürmen, dann hat der Genosse Kahlert recht. Solange die Bourgeoisie nicht bereit ist, das zu tun, solange wird sie uns den Kampf aufdrängen, solange sie freiwillig nicht einen Schritt zurückgeht, solange sie kämpft, solange ist es unsere Aufgabe, den Kampf mit der Bourgeoisie aufzunehmen um jede Position, in der sie sich befindet.« (Paul Levi)

Reformistischer Parlamentarismus

»Ich bitte Sie, das Folgende zu erwägen: Bedenken Sie die Geschichte des Parlamentarismus des deutschen Reichstags. Worin lag seine Schwäche? Seine Schwäche und die Schwäche der Sozialdemokratie im Reichstag bestanden darin, daß sie revolutionär wirken sollte in einem Parlament zu einer Zeit, wo keine revolutionäre Situation bestand. Lesen Sie etwa die Reden von Bebel aus den neunziger Jahren, noch aus dem Anfang dieses Jahrhunderts im deutschen Reichstag. Es sollte Revolution gemacht werden, wo keine war. Man beschränkte sich darauf, zu reden und zu prophezeien von der drohenden Revolution, und jener klaffende Widerspruch zwischen einer revolutionären Phraseologie und einer mangelnden revolutionären Situation in der Arbeiterschaft und dem Staate, der mußte im letzten Ende die sozialdemokratische Fraktion in jene äußere Untätigkeit hineintreiben, die wir alle miteinander am deutschen Reichstag verabscheuen.« (Paul Levi)

Revolutionärer Parlamentarismus

»Es ist heute ein anderes Ding geworden. Ihre Vertreter würden heute in das Parlament eintreten, nicht zum Reden, nicht zum Schwatzen, nicht zum Verbesserungsanträgestellen, nicht, um in Kommissionen mit den oder jenen Vertretern zu verhandeln, nicht, um hin und her zu lavieren. Sie werden stehen und fechten müssen mit der Androhung der offenen Gewalt, die hinter diesen proletarischen Vertretern steht. (Zwischenrufe: ›Dann hätten wir in der USP bleiben können!‹) (...) In Rußland haben bekanntlich auch die Bolschewiki sich stets an den Wahlen zur Nationalversammlung beteiligt. Die Bolschewiki haben es getan, obgleich sie wußten, daß sie in der Nationalversammlung eine verschwindende Minderheit werden würden. Und erst als im Laufe der Nationalratswahlen die Situation so wurde, daß objektiv die Nationalversammlung überholt war durch den Zustand, in dem Rußland sich befand, haben sie die Nationalversammlung auseinandergejagt. (Zwischenruf: ›Machen wir sofort!‹) (...) Mir scheint, daß die ganze Auffassung, die obwaltet, doch eine höchst äußerliche und rohe Auffassung ist von den Begriffen Revolution und Konterrevolution, die glaubt, daß man Revolution machen kann, und die glaubt, daß man die Gegenrevolution erwürgen kann, wenn man sich an irgendeinem beliebigen Symptom vergreift. So sind die Dinge nicht. Sie müssen jede Position, in denen die Bourgeoisie Ihnen die Stirn bietet, angreifen. Sie müssen von jeder Position im Wahlkampfe Besitz nehmen. (...) Es ist unsere Pflicht, in jenes Gebäude einzudringen, es ist unsere Pflicht, die Feuerbrände zu werfen in diese Schanzen, unsere Pflicht, auch so weit den Kampf aufzunehmen, wie wir ihn aufnehmen würden in jeder anderen Situation, wo die Bourgeoisie uns die Stirne bietet. Es kommt auf nichts anderes heraus als darauf, da, wo die Bourgeoisie sich aufbaut, wo sie noch einmal alle Kräfte zusammenballt, noch einmal bereit ist, den Kampf aufzunehmen, da sagen Sie, wir machen da nicht mit. Und ich sage Ihnen, Sie werden mit dieser Entscheidung sich selbst und unserer Bewegung den größten Schaden zufügen. (Lebhafter Widerspruch)« (Paul Levi)

Genug Opportunismus erlebt

»Ich bin gegen den Vorschlag Levi, uns an den Wahlen zur Nationalversammlung zu beteiligen. Noch vor wenigen Tagen war ich der Meinung, daß die Frage der Wahlbeteiligung für uns überhaupt indiskutabel ist. Ich wurde zu meiner großen Überraschung durch den Artikel der Roten Fahne eines anderen belehrt, und heute haben wir es erlebt, daß uns die Zumutung gestellt wurde, wir sollen uns an den Wahlen zur Nationalversammlung beteiligen. Gestern und heute haben wir uns von einem Leichnam befreit, den wir uns durch den Beschluß von Gotha aufgeladen haben, und betreten nun sofort wieder den Boden einer opportunistischen Kompromißpolitik. Wir haben mit Kompromissen und Opportunismus genug erlebt. Ich richte die dringende Mahnung an Sie, sich nicht auf diesen Boden zu begeben und die Beteiligung an den Nationalversammlungswahlen entschieden abzulehnen. Wir schweben dadurch vollständig in der Luft. Es ist selbstverständlich, daß mit dem Zustandekommen der Nationalversammlung die große Abwürgung der Arbeiter- und Soldatenräte vorgenommen wird. Müller vom Parteivorstand, Fräßdorf aus Dresden sind schon dafür eingetreten, daß mit dem Zustandekommen der Nationalversammlung das Ende der Räte gekommen ist. Wir müssen die lebende Politik der Straße immer weiter aufstacheln, wir dürfen die Bewegung nicht wieder einlullen, indem wir dem Arbeiter einen Stimmzettel in die Hand geben. Was sollen wir den Leuten sagen? Wählt uns in die Nationalversammlung, damit wir sie von innen aushöhlen und sprengen können, damit wir sie sabotieren, damit wir sie dem Gelächter der Welt preisgeben. Das verstehen die Leute einfach nicht. Wenn man gesagt hat, man muß den Frauen und Jugendlichen die Möglichkeit geben zu wählen. Ich weiß nicht, wie man ihnen klarmachen soll, daß sie uns hineinwählen sollen. Wir können diesen Parlamentarismus nicht mehr als unser Instrument ansehen. Wir wählen nicht zu einer Nationalversammlung. Ihr werdet Gelegenheit haben zu wählen, wenn es gilt, Vertreter aus Euren Betrieben zu den Räten zu wählen. Dieses allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht haben wir von der bürgerlichen Gesellschaft verlangt. Wenn wir erst einmal in der Macht sind, werden wir etwas anderes wollen, etwas anderes schaffen. Wir sind doch im Begriff, die Macht an uns zu reißen. Wenn wir die Macht haben, werden wir sie uns nicht wieder entwinden lassen durch die Nationalversammlung. jedenfalls liegen die Dinge so, wenn zwei oder drei Leute von uns in die Nationalversammlung hineinkommen, sie auch nicht die Tribüne haben werden, die sie erwarten. Der Reichstag ist auch nicht mehr die Tribüne für uns gewesen. Die kleinen Anfragen sind verschwunden, sind nicht mehr durchgelassen worden, die Zurufe sind nicht mehr ins Stenogramm hineingekommen, der Reichstag war längst nicht mehr die Tribüne für uns. Genosse Levi sagte, daß wir diese Tribüne brauchten. Wir haben jetzt andere Tribünen. Die Straße ist die großartigste Tribüne, die wir errungen haben und die wir nie wieder aus den Händen geben, wenn man auch auf uns schießt, wir geben sie nie wieder aus der Hand. Wir vergleichen sie gar nicht mit dieser lächerlichen, armseligen Parlamentstribüne, die wir in der Nationalversammlung haben, wo es vielleicht einem von unseren Rednern gelingt, zu sprechen. In den Zeitungen werden zwei bis drei Zeilen von seiner Rede stehen, das einzige Blatt, das die Rede wiedergibt, wird Die Rote Fahne sein.« (Otto Rühle)

Verfeinerter Radikalismus

»Aber ich bin verpflichtet, die Wege zu gehen, die sich aus meiner Auffassung über die Zustände in Deutschland ergeben. Die Aufgaben sind gewaltig, sie münden in die sozialistische Weltrevolution. Aber was wir bisher in Deutschland sehen, das ist noch die Unreife der Massen. Unsere nächste Aufgabe ist, die Massen zu schulen, diese Aufgaben zu erfüllen. Das wollen wir durch den Parlamentarismus erreichen. Das Wort soll entscheiden. Ich sage Ihnen, gerade dank der Unreife der Massen, die bis jetzt nicht verstanden haben, das Rätesystem zum Siege zu bringen, ist es der Gegenrevolution gelungen, die Nationalversammlung als ein Bollwerk gegen uns aufzurichten. Nun führt unser Weg durch dieses Bollwerk hindurch. Ich habe die Pflicht, alle Vernunft dagegen zu richten, gegen dieses Bollwerk anzukämpfen, hineinzuziehen in die Nationalversammlung, dort mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, des Volkes Wille ist das höchste Gesetz. Hier haben wir zu entscheiden. Wenn die Masse so reif ist, so wird sie ja das kleine Häuflein, die Minderheit, zur herrschenden Macht gestalten, so werden sie uns die Macht geben, von innen heraus diejenigen aus dem Tempel zu weisen, die nichts darin zu suchen haben, unsere Gegner, die Bourgeoisie, die Kleinbürger usw. Dazu kommen sie nicht. Sie müssen konsequent sein. Auf der einen Seite spekulieren Sie auf eine solche Reife der Verhältnisse, auf eine solche revolutionäre Macht und Bewußtsein der Massen, daß Sie in 14 Tagen versprechen, an Stelle der Nationalversammlung eine sozialistische Regierung zu setzen, auf der anderen Seite sagen Sie, kommt die Nationalversammlung zustande, so wird der Druck der Straße sie hinwegfegen. Bilden Sie sich doch nicht ein, daß, wenn wir ihnen vorschlagen, ihren Stimmzettel nicht in die Urne zu werfen, daß dann die Wahlen anders aussehen werden. Die Wahlen stellen ein neues Instrument des revolutionären Kampfes dar. Sie sind befangen in der alten Schablone. Für Sie existiert nur das Parlament des Deutschen Reichstags. Sie können sich nicht vorstellen, dieses Mittel zu gebrauchen im revolutionären Sinne. Sie verstehen: entweder Maschinengewehre oder Parlamentarismus. Wir wollen etwas verfeinerten Radikalismus. Nicht bloß dieses grobkörnige Entweder-Oder. Es ist bequemer, einfacher, aber das ist eine Vereinfachung, die nicht der Schulung und Erziehung der Massen dient.« (Rosa Luxemburg)

Wurmstichiges Argument

»Das unglückselige Referat, das heute Genosse Levi gehalten hat, wird in Erinnerung des Vormittags, den wir anwesenden Genossen niemals aus dem Gedächtnis verlieren werden, keinen Eindruck hinterlassen. In Anbetracht dessen halte ich den Nachmittag, wenn man das Fazit zieht, für beschämend, daß diese Frage noch stundenlang diskutiert werden muß. Wenn die Sache so liegt, wie die Genossen im Reich bekundet haben, braucht es keine großen Diskussionen mehr, das Urteil ist gefällt. Wenn man Argumente anführt bezüglich der hohen Warte der Gedanken, die uns tragen, diese Warte steht uns überall zur Verfügung. Die brauchen wir nicht auf der Tribüne der Nationalversammlung, die haben wir auf jeder Straßenecke, auf jedem Balkon, überall haben wir die Tribünen, um zu den Massen zu sprechen, die Massen aufzurufen. Wir halten die Beteiligung an der Nationalversammlung für eine Verwirrung in der jetzigen Situation. Die Zielklarheit, mit der wir bisher die Massen gewonnen haben, die darf nicht erschüttert werden durch die Machinationen irgendeiner zentralen Funktion. Es ist erfreulich, daß wir heute erklären können, wir haben uns frei gemacht von der Autoritätsduselei unserer Führer. Man hat mit allen autoritativen Mitteln gearbeitet, um die Massen den verkehrten Weg zu führen, sie haben die Gefolgschaft nicht geleistet. Es wird erklärt, wenn wir uns an den Wahlen nicht beteiligen, dann werden die Stimmen, die uns eventuell zugute kämen, den Unabhängigen zugute kommen. Das Argument ist so wurmstichig wie nur etwas. Das ist weiter nichts als wie Stimmenfang. Wollen wir Stimmenfang betreiben? Nein, wir wollen keine Stimmen, wir wollen Kämpfer. Zehn Mann auf der Straße sind mehr wert als tausend Stimmen bei den Wahlen.« (Gelwitzki, Delegierter aus Berlin)

Gewerkschaften

Zank um einen Pfennig

»Wir stehen jetzt im Jahre 1918 nach der Revolution wieder vor derselben Tatsache wie im Jahre 1914, dass nämlich, wie das Bürgertum einerseits sich mit den Scheidemännern verbrüdert, so haben jetzt andererseits das Unternehmertum und die Gewerkschaften die Arbeitsgemeinschaft abgeschlossen, und wir können tatsächlich in der Kapitalistenpresse lesen, dass die Unternehmer vor den Gewerkschaften gar keine Angst mehr haben, sondern im Gegenteil, dass die Kapitalisten besorgt sind, die Arbeiter könnten aus den Gewerkschaften austreten und die Arbeiter würden nicht mehr den Gewerkschaften beitreten. Wir haben neulich in der Vossischen Zeitung ein Lob der Gewerkschaften gelesen, das sie sehr maßvoll seien, und in dem Berliner Tageblatt wurde den Arbeitern zugerufen, sie sollen zurückkehren zu dem alten gewerkschaftlichen System, was nichts weiter bedeutet als einen Zank um einen Pfennig Lohnerhöhung, zurück zu dem alten kapitalistischen System, das heißt zurück von dem Gedanken an die Sozialisierung der Betriebe. Die Gewerkschaften betrachten es nicht als ihre Aufgabe, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu betreiben, sondern sie halten es günstigstenfalls für ihre Aufgabe, für einen Pfennig Lohnerhöhung sich herumzuschlagen. Die Aufgabe der Gewerkschaften, wie sie sie auffassen, ist nicht, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel herbeizuführen, sondern ein großer Teil der Gewerkschaftsbeamten sieht es geradezu als seine Aufgabe an, die Sozialisierung der Betriebe zu verhindern. Sie sagen, die Sozialisierung der Betriebe ist zur Zeit undurchführbar, vielleicht überhaupt undurchführbar, zumindest in der Gegenwart infolge der Kriegswirkungen nicht möglich. Das sind dieselben Leute, die gleich nach Kriegsausbruch durch die ganze Welt riefen. Sozialismus, wohin wir blicken! Wir haben es in den Gewerkschaftszeitungen gelesen, daß die Militarisierung der Betriebe damals der Arbeiterschaft angepriesen wurde als der Sozialismus. Dieselben Leute, die damals über den Sozialismus jubelten, die die Militarisierung der Betriebe begrüßten, sagen jetzt, ein wirklicher Sozialismus sei nicht durchführbar.« (Paul Lange)

Wir sind eine politische Organisation

»Man kann den Bergarbeiter nicht vertrösten auf unsere sozialistischen Ziele, sondern er will Taten sehen. Heute hat der bergbauliche Verein einerseits mit dem Verband andererseits ein Abkommen getroffen, daß Verhandlungen nur zwischen den beiden Organisationen stattfinden können. Es wurde vereinbart, daß Einzelstreiks, die ohne Zustimmung des Verbandes ausbrechen, erwürgt werden sollen. Man sagt, die Arbeiter sollen sich totstreiken, dann werden sie ihre Leiter, die sie jetzt gewählt haben, totschlagen. (...) Wir sagen den Arbeitern, daß sie Betriebs- und Fabriksräte bilden müssen, und sie folgen schon unserem Beispiel. Was sollen wir aber den Arbeitern antworten, wenn sie zu uns kommen und fragen, was tun wir mit den Gewerkschaften, mit den Verbandsbüchern? Zum Teil schmeißen sie die Verbandsbücher schon heute weg. Wir müssen den Arbeitern klarmachen, daß wir eine politische Organisation sind.« (Hammer, Delegierter aus Essen)

Klare Entscheidung

»Es ist unbedingt notwendig, dass wir hier eine klare Entscheidung in der Gewerkschaftsfrage herbeiführen. Es fragt sich, ob wir es verantworten können, dass unsere Arbeitsgenossen jetzt noch in diesen Gewerkschaften bleiben. (...) Ich bin mir klar darüber, dass dieses Problem reif ist nur für die Wirtschaftsgebiete, in denen der Großbetrieb vorherrschend ist. Aber ich habe es als einen Mangel empfunden, dass die Genossen vom alten Spartakusbund, die doch noch eine Reihe von Beziehungen hatten zu der Presse der USP, auf diese Frage nicht ein einziges Mal eingingen, dass sie es zuließen, dass die Leipziger Volkszeitung die Parole ausgab: Nicht aus den Gewerkschaften heraus, sondern in die Gewerkschaften hinein! Man gab sich dem irrigen Glauben hin, wenn wir drin sind, dann machen wir die Gewerkschaften kaputt. Wir haben gesehen, dass dies innerhalb der alten Partei nicht möglich war, innerhalb der Gewerkschaften ist es erst recht nicht möglich. Weil vor allen Dingen das Finanzwesen und die Verhältnisse im Angestelltenwesen zugeschnitten sind auf das bürgerliche Recht und wir mit revolutionären Mitteln nur gegen das bürgerliche Recht kämpfen können und nicht mit dem bürgerlichen Recht im Bunde. Es ist unmöglich, die Gewerkschaften zu gewinnen dadurch, daß man hie und da einen radikalen Vorstand in einer Ortsgruppe wählt. Für uns kann es nur die Parole geben: Heraus aus den Gewerkschaften!« (Paul Frölich)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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