Aus: Ausgabe vom 28.12.2018, Seite 15 / Feminismus

»Seiltänzerin« blickt zurück

Frigga Haug und die Ethik der Emanzipation

Von Annette Schlemm
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Demonstration zum Internationalen Tag für das Ende der Gewalt gegen Frauen am 25. November in Berlin

Der Sammelband »Selbstveränderung und Veränderung der Umstände« umfasst zu unterschiedlichen Zeiten geschriebene Texte der Feministin und Marxistin Frigga Haug, die sich inhaltlich auf die »dritte Feuerbachthese« beziehen, in der Karl Marx vom »Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit« sprach.

So kommt auch das Leben der heute 81jährigen Autorin hinein in die Re-Lektüre ihres Lebenswerks: Was weckte ihr Interesse an der »Frauenfrage«? Warum verfocht sie ihre Thesen so stark, dass sie mehrmals ihre politische Heimat und Freundschaften aufs Spiel setzen musste? Ihr Thema ist nicht nur eine linke Soziologie über Menschen in Gesellschaft – es geht auch um eine »kritische Selbstbearbeitung der eingelassenen Personen«. So hat Frigga Haug Perspektiven eröffnet, die bereichernd und orientierend wirken können. Als Soziologin und Philosophin befasste sie sich kritisch mit den Rollen, die den Menschen in der Gesellschaft angetragen werden, sie stieg ein in die Frauenforschung und ging davon aus, dass diese Arbeit »von vornherein nur im Kollektiv aufgenommen werden« könne.

Frauen erforschen dabei sich selbst als Subjekte und Akteurinnen. Auch ihre eigene Rolle als »organische Intellektuelle« – ein Begriff des von ihr geschätzten Antonio Gramsci –, also als Leitende und Lehrende, wird von Haug ebenso selbstkritisch reflektiert wie frühere Standpunkte und Verhaltensweisen. Häufig gerät sie »zwischen alle Stühle«, erhält sich dadurch aber eine besondere Beweglichkeit. So ist vielen Feministinnen ihre marxistische und sozialistische Orientierung befremdlich; unter Marxisten und Sozialisten kritisiert sie deren Festlegung auf männliche Praxis- und Theoriemuster. Als sozialistische Feministin fühlte sie sich deshalb wie eine »Seiltänzerin zwischen der Verteidigung der herkömmlichen Klassenorganisation und dem Beharren auf der Autonomie der Frauenbewegung«. Inhaltlich rührt sie an schmerzliche Fragen: Sind wir als Frauen oder als anderweitig Beherrschte nur Opfer der Unterdrückung, oder was tragen wir selbst dazu bei, unterdrückbar zu sein?

Manche lesen daraus nur eine Schuldzuweisung an die Opfer, während es eigentlich darum geht, den Unterdrückten nicht auch noch in der Betrachtung den Subjektstatus zu nehmen und sie wieder nur als Objekte zu behandeln. Frigga Haug redet auch hier nicht nur »über« andere, sondern flicht ein eigenes Beispiel ein: Sie hatte sich dabei ertappt, dass sie den Wunsch, ein eigenes Zimmer zu nutzen, selbst unbemerkt boykottiert hatte, weil sie alles um sich herum hören und unter Kontrolle haben wollte.

Als ethisch-moralische Debatten hochkochten, wies sie diese Sichtweise zuerst ab. Das Beschwören der Tugend von Individuen trete nur auf, wenn entsprechende gesellschaftliche Regelungen fehlten: Gut zu sein sollte keine abstrakte Forderung an Menschen sein, sondern die Gesellschaft sollte so verfasst sein, dass Menschen sich gut verhalten wollen und können. »Unsere Abneigung gegen eine Erziehung zur Moralität hat ihren Grund in der Unhinterfragbarkeit, zu der bei wertgeleiteter Erziehung die Regelung der menschlichen Gesellschaft zusammengeschmolzen wird.« Sie fand keinen Anhaltspunkt, wie »das Gute im Moralischen zu retten sei«. Trotzdem bezieht sie sich später positiv auf eine »feministische Ethik«. Denn noch sind die Gesellschaftsstrukturen nicht vermenschlicht, noch müssen wir mit den Widersprüchen in der Gesellschaft und in uns ringen. Diese Ethik der Emanzipation gibt keine Richtlinien vor, aber sie regt dazu an, auch an den in uns selbst verborgenen Widersprüchen zu arbeiten. »Wenn wir unser Wollen an die Stelle des gesellschaftlichen Sollens setzen, müssen wir dieses Wollen, welches wir in dieser Gesellschaft erwarben und welches daher auch Wünsche und Träume für Unterdrückung und Unterwerfung enthält, also herrschaftsbejahend sein kann, bearbeiten.«

Viele weitere Themen wie Bildung, Medientheorie – ausgehend von dem Punkt »Als mich ein Film berührte, den ich schlecht fand …« –, Angst bei Frauen und revolutionäre Realpolitik können hier nur aufgezählt werden. Aus der Perspektive der Verschränkung von Individuellem und Gesellschaftlichem werden ungewöhnliche Facetten sichtbar. Das liegt auch an der Methode, die nicht nur das Lesen abwechslungsreich gestaltet, sondern auch inhaltlich begründet ist. Im Rahmen der »Wiedervorlage nicht abgegoltener früher Texte« agiert Frigga Haug in verbindenden Zwischenpassagen als Rezensentin ihrer Selbst und konstatiert »Lernfortschritt von Text zu Text«, denn »immer werden neue Dimensionen als wesentliche hinzugenommen«. So können Leserinnen ihren Erkenntnisweg begleiten und Anknüpfungspunkte finden, um in früheren Büchern die Grundlagen ihrer Konzepte nachzulesen. Diese Praxis des kritischen Hinzunehmens und Abklopfens auf Brauchbares kann selbständig weitergeführt werden. Eine Erstarrung verhindert schon die Methode, immer die eigene Erfahrung zu befragen und Erfahrungen anderer einfließen zu lassen. Damit kommt Frigga Haug oft zu anderen Bestimmungen psychologischer und soziologischer Begriffe als die Lehrbuchwelt. Gerade die Methode der »Erinnerungsarbeit« zeigt, dass nicht nur Texte von einer Generation zur anderen übergeben werden, sondern auch Methoden und Praktiken. Man kann nur hoffen, dass die Praxis der »Erinnerungsarbeit« nicht zu sehr an die Person Frigga Haug gebunden ist, sondern sich weiter verbreitet – auch heute, da konzentriertes längerfristiges Arbeiten in Gruppen ziemlich out ist.

Es ist zu wünschen, dass dieser »Rückblick in die Vergangenheit« als »Lehrstück« angenommen wird. Dieses Buch ist durch den Wechsel von auch persönlichen, einführenden Kommentierungen mit den zum Teil verkürzten Ursprungstexten gut lesbar und so abwechslungsreich, dass es auch in die heutige kurzatmige Zeit passt.

Mit jedem Stück gelebter Praxis daraus verändert man sich auch selbst ein wenig. Was heute eher fehlt, ist das »gemeinsame Projekt von Gesellschaftsgestaltung«, das laut Frigga Haug für das Zusammenfallen der Veränderung der Umstände und der Selbstveränderung nötig ist. Aber wenn der Mangel erst einmal empfunden wird, kann er auch behoben werden.

Frigga Haug: Selbstveränderung und Veränderung der Umstände. Argument-Verlag, 2018, 250 Seiten, 24 Euro


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