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Aus: Ausgabe vom 28.12.2018, Seite 7 / Ausland
US-Rückzug aus Syrien

Dunkle Wolken über Rojava

US-Präsident Trump gibt Türkei grünes Licht für Einmarsch in Nordsyrien. Kurden bemühen sich um Abkommen mit Moskau und Damaskus
Von Nick Brauns
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Besatzungstruppen in Syrien: Türkischer Panzer in der Nähe der Stadt Afrin (23.1.2018)

In Rojava, der kurdischen Selbstverwaltungsregion in Nordsyrien, hat die christliche Bevölkerung das Weihnachtsfest gefeiert. Straßen in Kamischli (kurdisch: Qamislo), Al-Malikija (Derik), Al-Qahtaniyya (Tirbespi) und anderen Orten mit größeren christlichen Gemeinden sind mit Lichtern und Weihnachtsbäumen geschmückt. Gerade diese Städte an der Grenze zur Türkei waren bislang vom Krieg weitgehend verschont geblieben.

Doch mit dem von US-Präsident Donald Trump am Montag unterzeichneten Rückzugsbefehl für die bislang offiziell zum Kampf gegen den »Islamischen Staat« (IS) in Syrien stationierten US-Truppen droht nun ein Einmarsch der türkischen Armee. Es seien dunkle Wolken über der Region aufgezogen, warnte der Priester der St.-Marien-Kirche von Tirbespi, Seman Khori, nach dem Weihnachtsgottesdienst. »Die Völker Nord- und Ostsyriens leben in einem Klima des Vertrauens. Sie werden sich den Angriffsdrohungen des türkischen Staates gemeinsam entgegenstellen«, zeigte sich der Geistliche im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Anha von der Solidarität zwischen Kurden, Arabern und syrischen Christen überzeugt.

Trumps Entscheidung fiel zu einem Zeitpunkt, als der Kampf der Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDK) gegen die letzte IS-Hochburg östlich des Euphrats noch tobte. Der Beschluss erfolgte nach einem Telefonat mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und ohne Rücksprache mit den zuständigen Ministern. US-Verteidigungsminister James Mattis trat deswegen von seinem Posten zurück. Am Wochenende reichte auch der US-Sonderbeauftragte für die Anti-IS-Koalition, Brett McGurk, seinen Rücktritt aus Protest gegen diese »unbedachte« Entscheidung ein. Er kenne den noch von seinem Vorgänger Barack Obama im Jahr 2015 eingesetzten Diplomaten gar nicht, behauptete Trump daraufhin über den Kurzmitteilungsdienst Twitter.

In der Türkei galt McGurk als meistgehasster Mann, nachdem er eine Auszeichnung der syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG entgegengenommen hatte. In der türkisch-nationalistischen Presse wurde McGurk als neuer »Lawrence von Arabien« tituliert. Und so wie der britische Agent T. E. Lawrence nach dem Verrat Großbritanniens an den arabischen Aufständischen im Ersten Weltkrieg dürfte sich McGurk gefühlt haben, als Trump die kurdischen Verbündeten der Türkei auslieferte.

Erdogan habe ihn darüber informiert, dass er »ausrotten wird, was auch immer vom IS in Syrien übriggeblieben ist«, gab der US-Präsident in der Nacht zum Montag über Twitter (Ortszeit) grünes Licht für einen Einmarsch des NATO-Partners in das Nachbarland. Es scheint dem US-präsidenten entgangen zu sein, dass die Türkei bislang eher als Unterstützer des IS aufgetreten ist. Er werde die syrische Bevölkerung nicht der »Tyrannei« der YPG überlassen, machte Erdogan derweil deutlich, dass die kurdischen Verbände das Ziel des türkischen Militärs sein werden.

Im Nordosten der 2016 nach einem opferreichen Kampf der SDK vom IS befreiten syrischen Stadt Manbidsch stationierte die türkische Armee Mitte der Woche »Leopard II«-Panzer. Für einen Angriff auf die mehrheitlich von Arabern bewohnte Stadt stehen zudem Tausende dschihadistische Söldner der »Nationalen Armee« bereit. »Wir kommen, um die ungläubigen Kurden zu schlachten«, machte unterdessen ein Angehöriger der zur »Nationalen Armee« gehörenden Miliz »Ahrar Scharkija« mit einem demonstrativ gezogenen Messer in einem über das Internet verbreiteten Video kein Hehl aus deren Absichten.

Zwar verkündete ein Sprecher der »Nationalen Armee« am Dienstag einen baldigen Beginn der Schlacht um Manbidsch (kurdisch: Minbic). Doch noch patrouillieren dort neben US-Truppen französische Spezialkräfte. Außerdem sind russische und syrische Soldaten in Absprache mit den SDK in einen Stützpunkt in Arima (kurdisch: Erima) westlich von Manbidsch eingerückt. »Wir bemühen uns um ein Abkommen mit Moskau und Damaskus, um das Vakuum zu füllen, das die US-Amerikaner mit ihrem Rückzug hinterlassen«, bestätigte der SDK-Oberkommandierende Mazlum Kobani laut dem irakisch-kurdischen Sender Rudaw entsprechende Verhandlungen. Eine Delegation des Militärbündnis war deswegen über Weihnachten in Moskau gewesen.

Debatte

  • Beitrag von Thomas P. aus B. (28. Dezember 2018 um 03:58 Uhr)
    Brauns Artikel werden immer grotesker:

    1. Kein Wort davon, dass die USA völkerrechtswidrig die reichsten Öl-, Gas- und landwirtschaftlichen Gebiete Syriens (30 Prozent des Landes) besetzten, mit den Zielen:

    a) Syrien zu teilen;

    b) den Wiederaufbau Syriens zu verhindern;

    c) den Krieg nunmehr mit verstärkter Unterstützung von EU/NATO (vor allem Türkei), Saudi-Arabiens etc. fortzuführen bzw. das Blatt zu wenden (möglicher Sturz Assads) und den Iran abzudrängen.

    2) Kein Wort davon, dass die Kurden sich willig von den USA als Kanonenfutter einspannen lassen.

    Statt dessen der Mythos von den monolithisch progressiven syrischen Kurden (überall Rojava oder was?), die angeblich die Hauptlast im Kampf gegen den IS tragen. Merkwürdig nur, dass die USA geradezu im Handstreich die vom IS besetzten Gebiete östlich des Euphrat eroberten und den weiteren Vormarsch der Syrischen Arabischen Armee (SAA) mit massiver Gewalt verhinderten. Übrigens, was haben die Kurden im völlig verwüsteten a r a b i s c h e n Rakka zu suchen?

    3) Da ist der Mythos, die YPG kooperierten mit den USA auf »Augenhöhe«, bei vielen Linken besonders beliebt (O-Ton Brauns: »Leninsche Politik«). Der nette Mr. McGurk(e), ein neuer »Lawrence von Arabien« – von den bisher zuverlässigen Amis plötzlich schnöde im Stich gelassen. Die »Naivität« bzw. das »Vertrauen« der YPG-Kurden in die USA scheint grenzenlos; einige Beispiele:

    a) die USA haben den fast kampflosen Fall Afrins zugelassen (der schwarze Peter wird geschickt der SAA und Russland zugeschoben: Es wird einfach unterschlagen, dass deren Schutzangebote von den Kurden schlicht abgelehnt wurden. Soll die SAA etwa für einen unabhängigen Kurdenstaat kämpfen?);

    b) die gnadenlose Jahrzehnte dauernde Verfolgung der Kurden im NATO-Staat Türkei wurde und wird von den USA unterstützt (PKK – »Terrororganistion«);

    c) im 2. Golfkrieg wurden die aufständischen Kurden im Irak von den USA einfach fallengelassen.

    Ich finde es schlimm, dass Herrn Brauns das Völkerrecht am Arsch vorbeigeht; noch schlimmer, dass die jW-Redaktion ihm dabei sekundiert.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Darja Golubev: Friedenspolitik Russland begrüßt den Abzug der US-Soldaten aus Syrien – da könnte sich doch auch die junge Welt freuen. Alle wollen doch immer, dass die USA sich aus Krisenherden zurückziehen, und nun geschieht das s...

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