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Aus: Ausgabe vom 29.12.2018, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Nummer 2 lebt!

Wenn der Vater mit dem Sohne: Der Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger
Von Gerhard Henschel
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»Man kann nichts von ihm lernen«: Arno Schmidt, Archivfoto von 1964

Der 22 Jahre alte Schriftsteller Hans Wollschläger ist noch ein Nobody, als er 1957 den Briefkontakt zu Arno Schmidt aufnimmt, den er verehrt. Schmidt, rund zwanzig Jahre älter, arriviert, aber ein Außenseiter im Literaturbetrieb, geht freundlich auf jeden Brief ein. Von Wollschläger, der im Bamberger Karl-May-Verlag arbeitet, erhofft sich Schmidt nähere Auskünfte über Karl Mays schlampig edierte Werke, während Wollschläger von Schmidt eine Art Ritterschlag erwartet. Und so geschieht es auch: Schmidt empfiehlt Wollschläger weiter, lobt ihn, spornt ihn an, gibt ihm Ratschläge für seine literarische Arbeit und empfängt ihn mehrmals zu Besuch. Im Laufe der sechziger Jahre entwickelt sich aus der Brieffreundschaft eine Arbeitsgemeinschaft, als Schmidt und Wollschläger die Werke Edgar Allan Poes übersetzen. Aber dann zieht Schmidt sich in sein Schneckenhaus zurück und lässt den Schüler Wollschläger, den einzigen, den er je persönlich erzogen hat, ohne Angabe von Gründen fallen.

Ein Problem

Im nun erschienen Briefwechsel der beiden ist einerseits rührend zu lesen, wie sie einander Mut zusprechen und sich gegenseitig in ihrem Hass auf die Welt, egoistische Verleger, vertrottelte Lektoren und unzuverlässige Redakteure bestärken, und andererseits beklemmend: Die beiden Brieffreunde verstehen sich als einsame Außenposten einer geistigen Republik und äußern sich dennoch oft in einem schauerlich landserhaften Ton. Im Juli 1962 schreibt Wollschläger, dass sich »ein für die Nerven ziemlich widerliches ›Problem‹« ergeben habe, nämlich die ungewollte Schwangerschaft seiner Freundin, woraufhin Schmidt in seinem Tagebuch notiert, Wollschläger habe »seine Freundin angeknallt! Der Arme!« In den nächsten Briefen erörtert Wollschläger die Bemühungen um eine Abtreibung in der Schweiz, und im Oktober kann er vermelden, dass seine Freundin und er »mit vier blauen Augen davongekommen seien«. Auf die Möglichkeit, das Kind am Leben zu lassen, gehen weder Wollschläger noch Schmidt auch nur mit einer Silbe ein; es existiert nur als widerliches Problem, das der Freundin »angeknallt« worden ist. Gibt es überhaupt noch ein rüderes Synonym für das Verb »schwängern«?

Nach Offizierskasino klingt es auch, wenn Wollschläger den Amerikanern bescheinigt, sie seien »ein unnachahmlich doofes Völkchen, was die Literatur betrifft«, oder wenn Schmidt befindet, dass Vladimir Nabokovs Prosa von Anspielungen auf Shakespeare wimmele »wie ein Zigeuner von Flöhen«. Dabei hätte man gerade von zwei formbewussten Artisten der Sprache erwarten dürfen, dass sie ihrer Zeit etwas weiter voraus gewesen wären.

Was den beiden viele Jahre lang nicht aufzufallen scheint, ist Wollschlägers stilistische Unselbständigkeit. Er übernimmt viele von Schmidts orthographischen Eigenheiten und Marotten und ahmt auch den sprachlichen Gestus nach, so dass vielfach nicht einmal auf den zweiten Blick zu erkennen ist, ob ein Brief von Schmidt oder von Wollschläger stammt, wenn man es nicht nachprüft. Für Schriftsteller, ebenso wie für Musiker, Schauspieler, Regisseure, Architekten und bildende Künstler, ist die Imitation geliebter Vorbilder ein normales Durchgangsstadium; außer Franz Kafka ist schließlich noch niemand als Originalgenie auf die Welt gekommen. In seinen Briefen findet Wollschläger jedoch nie zu einem eigenen Sound. Und fatalerweise eignet sich Schmidts ausgeprägter Individualstil besonders schlecht für Anleihen oder gar für eine Kopie durch andere Autoren. Uwe Johnson hat es einmal auf den Punkt gebracht: »Ich bewundere Arno Schmidt sehr, aber man kann nichts von ihm lernen.«

Stilistischer Mimikry

Allem Anschein nach ist auch die erste Fassung von Wollschlägers Debütroman »Der Fall Adams« ein Fall stilistischer Mimikry. Darauf lässt der Absagebrief schließen, den der Rowohlt-Lektor Fritz J. Raddatz Anfang 1963 abschickt: Der Roman mute »auf weite Passagen wie ein originaler Arno-Schmidt-Text an, und zwar nicht etwa nur durch die äußeren Mittel und gewisse ähnliche Verschränkungen, sondern bis hinein in die Wortwahl und ins Bild. Überspitzt könnte man sagen, dass dieses Manuskript, wäre Arno Schmidt der Autor, sofort angenommen würde, aber eben nicht von einem Arno Schmidt Nummer 2.« Wollschläger teilt Schmidt das alles mit und merkt dazu an, er sei zwar »so etwas wie ein Schüler« von ihm, doch er glaube nicht, dass Raddatz »in diesem engeren Sinne recht hat«, und der Satz vom »Arno Schmidt Nummer 2« sei »natürlich nicht nur ›überspitzt‹, sondern schlichtweg blöde«.

Schmidt wiederum erklärt die Kritik von Raddatz für gegenstandslos (»wie mögen Sie sich nur so zu Herzen nehmen, was 1 LeckToren=Vieh, das der Herr in seiner unerforschlichen Gnade bei Rowohlt’s an die Spitze gelangen ließ, über Ihr Buch daherschwätzt!«), worauf Wollschläger erwidert, dass dieser Brief ihn »gleich wieder mit den schönsten Energien versorgt« habe – und schon schreibt er in gewohnter Weise weiter, ohne sich noch länger um die Einwände zu scheren.

Um so unbegreiflicher erscheint ihm 1971 Schmidts endgültiges Verstummen. Bereits drei Jahre zuvor hat er die Atmosphäre in dessen Haus bei einem Besuch als »bedrückend« empfunden: »Einsamkeit von AS’s Existenz sehr entsetzend.« Das Ende der Korrespondenz kränkt ihn tief. Er behilft sich mit einer Notlösung, indem er einen Briefwechsel mit Schmidts Frau Alice aufnimmt. Im Oktober 1979, kurz nach Schmidts Tod, erhält sie Besuch von Wollschläger und trägt in ihr Tagebuch ein: »Er war ergriffen und sagte: ER war mein Vater.«

Es ist ein hochproblematisches Vater-Sohn-Verhältnis gewesen, aber Wollschläger sieht sich als legitimen Erben an und verkündet öffentlich, vollends närrisch geworden: »Ich betrachte mich, nun da Arno Schmidt tot ist, als den zurzeit verantwortlichen Statthalter der Sprache in Deutschland – verstehen Sie’s, wie Sie mögen.«

Um an diesem Briefband Freude zu haben, muss man Schmidt und/oder Wollschläger recht innig lieben – oder auch Karl May, mit dessen Werken sie sich unermüdlich befassen. Am schönsten ist es, wenn zwischendurch die Selbstironie so witzig aufblitzt wie in Schmidts Bemerkung, sein Opus magnum »Zettel’s Traum« werde voraussichtlich »25 Pfund wiegen: wir haben vor, es mit Trageriemen binden zu lassen, und den größten Teil der Auflage unserer Bundeswehr, für Gepäckmärsche, zu offerieren«.

Arno Schmidt: Der Briefwechsel mit Hans Wollschläger. Hrsg. von Giesbert Damaschke. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2018, 1.034 Seiten, 68 Euro

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