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Aus: Ausgabe vom 24.12.2018, Seite 6 / Ausland
Syrien

Christenfest in Syrien

Weihnachten ist offizieller Feiertag. Gläubige Gemeinden bereiten sich darauf vor
Von Karin Leukefeld
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Selfies vor dem Weihnachtsbaum: Syrerinnen in Damaskus am 14. Dezember

In den syrischen Städten Al-Hasaka, Tartus, Latakia, Maharda und Skelbia ist geradezu ein Wettbewerb über den höchsten und schönsten Weihnachtsbaum ausgebrochen. Ein besonders hohes Exemplar mit 14 Metern gibt es in Skelbia. Der Ort liegt in der Provinz Hama unmittelbar an der Frontlinie zu Idlib, wo noch immer bis zu 100.000 Kämpfer unter Waffen stehen und die Gebiete bedrohen, die von der syrischen Regierungsarmee kontrolliert werden.

In Maharda wurde auf dem zentralen Sankt-Georgs-Platz ein sechs Meter hoher Weihnachtsbaum aufgestellt. Auch Maharda liegt an der Front zu Idlib und wird immer wieder aus Ltamena, einem knapp zehn Kilometer entfernt liegenden Ort, von bewaffneten Gruppen beschossen. Im nordöstlich gelegenen Al-Hasaka wurde der Christbaum vor der syrisch-orthodoxen Kirche des Heiligen Georg erleuchtet. Fotos zeigen eine dichte Menschenmasse, die sich um das geschmückte Grün herum in warmer Winterkleidung versammelt hat.

An Weihnachten feiern auch die Christen in Syrien die Geburt von Jesus, dem »Botschafter des Friedens«. Frieden und Sicherheit seien für das kriegszerstörte Land und seine Bewohner nach wie vor das Wichtigste, betonte Bischof Maurice Amseeh von der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Al-Hasaka gegenüber Journalisten. Als Erzbischof der Dschasira- und Euphratregion trat Bischof Maurice im August 2017 sein Amt in Al-Hasaka an. Vier Jahre lang war der Posten unbesetzt gewesen.

Dschasira heißt »Insel«. So nennen die Syrer das Land, das sich im Norden Syriens zwischen Euphrat und Tigris erstreckt und mit Wasser, Weizen, Baumwolle, Öl und Gas über einen großen Teil der wichtigsten Ressourcen verfügt. Die christlichen Gemeinden in diesem Gebiet gehören zu den ältesten Kirchengemeinden im Nahen Osten. Nach dem Aufstieg des »Islamischen Staates im Irak und in der Levante« gehörten diese Gemeinden zu den ersten, die angegriffen wurden. Ihre Kirchen wurden gebrandschatzt und geplündert. Mehr als 30 Dörfer entlang des Flusses Al-Chabur, in denen auch viele assyrische Christen wohnten, wurden von den Islamisten zerstört.

Vor dem Krieg lebten 23 Millionen Menschen in Syrien, rund elf Prozent von ihnen gehörten den christlichen Kirchen an. Etwa die Hälfte der Christen, vor allem die junge Generation, hat Syrien verlassen.

Die Generation, die Syrien nach der Unabhängigkeit 1946 trotz großer interner und regionaler Konflikte aufgebaut hatte, wird auch dieses Weihnachtsfest oft ohne Familienangehörige erleben. Viele alte Menschen in Aleppo leben seit Jahren in Heimen, weil ihre Kinder und Enkel nach Europa, Kanada, Australien oder in die USA gegangen sind. Verschiedene Kirchen unterhalten Stationen, in denen die Alten von Schwestern betreut und gepflegt werden. Trotz aller Zuwendung gehören Krankheiten und Depressionen für diese Menschen zu ihren täglichen Begleitern, berichtete der Arzt Emile Katti gegenüber junge Welt. Er leitet ein privates Krankenhaus in Aleppo.

Die russischen Soldaten, die weiterhin in Syrien stationiert sind, werden auch in diesem Jahr an das Weihnachtsfest 2016 erinnern. Am 25. Dezember war damals ein russisches Flugzeug nach dem Start in Sotschi verunglückt und ins Schwarze Meer gestürzt. Die Maschine mit 92 Menschen an Bord befand sich auf dem Weg nach Syrien – niemand überlebte. 64 der Passagiere gehörten zu der berühmten Chor- und Tanzgruppe »Alexandrow-Ensemble« der russischen Armee. Sie sollten auf dem russischen Stützpunkt Hmeimin in der Nähe von Latakia bei einer Weihnachtsfeier auftreten. Bei dem Absturz kamen Journalisten verschiedener russischer Medien ums Leben und auch die Notfallärztin Elisaweta Glinka. Sie hatte seit 2012 die Stiftung »Faire Hilfe« geleitet und humanitäre Hilfe für krebskranke Kinder, Obdachlose und alleinstehende Mütter in Syrien organisiert.

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