Aus: Ausgabe vom 19.12.2018, Seite 5 / Inland

Mehr Geld und Gentechnik

Bauernverband interessiert an »dürreresistenten« Pflanzen. Naturschützer fordern Abkehr von industriellem Agrarsystem

Von Bernd Müller
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Für eine nachhaltige und am Gemeinwohl ausgerichtete Landwirtschaft fehlen die Voraussetzungen

Deutsche Bauern blicken mit gemischten Gefühlen auf das zurückliegende Jahr. Viele von ihnen haben besser verdient – bis die große Trockenheit kam. Mit Sorge schaue man aber auf das laufende Wirtschaftsjahr, »wenn die gestiegenen Kosten und vor allem die Dürre zu Buche schlagen«, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Joachim Rukwied, am Donnerstag in Berlin, als er den »Situationsbericht 2018/19« vorstellte. Angesichts der letzte Woche präsentierten Daten fordert nun der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), den Agrarsektor zu einer klimaschonenden Landwirtschaft umzubauen. Am Montag erklärte die Umweltorganisation gegenüber jW, damit solle den Bauern nicht nur kurzfristig geholfen, sondern diese auch vor künftigen Schäden bewahrt werden.

Um die negativen Folgen der Klimakrise zu begrenzen, müsse das industrielle Agrarsystem schrittweise, aber grundlegend umgebaut werden, erklärte der BUND. Wichtig sei beispielsweise, die Emission von Treibhausgasen wie Methan zu verringern. Dafür müssten einerseits die Tierbestände sinken, und andererseits sollten mehr Futtermittel aus der Region verwendet werden, statt Sojafutter zu importieren. Anlässlich der Reform der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (GAP) im Jahr 2020 müsse sich die Bundesregierung schon jetzt für stärkere Vorgaben zur klimaschonenden Landwirtschaft einsetzen.

Wie diese aussehen könnte, erklärte am Dienstag die agrarpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, Kirsten Tackmann, gegenüber jW. Das vorherrschende, auf den Export orientierte Agrarleitbild sei Teil des Problems und müsse letztlich aufgegeben werden, »weil auf Kosten von Mensch und Natur mehr produziert als gebraucht« werde. Statt dessen wolle sie unter anderem »eine nachhaltige, auf regionale Versorgung orientierte Landwirtschaft« und eine am Gemeinwohl ausgerichtete Agrarförderung.

Kritik an dem »Situationsbericht« übte auch die Umweltorganisation Greenpeace. »Der Bauernverband redet drängende Umweltprobleme schön oder verschweigt sie gleich«, erklärte deren Landwirtschaftsexperte Martin Hofstetter letzten Donnerstag. »Auf die Fragen, die sich aus den Folgen der Erderhitzung ergeben, liefert der Bauernverband keine Antworten«, so Hofstetter.

Ebenso lasse sich in dem Bericht kein Wort zu Tierschutz und Tierwohl finden. Steigende Güllemenge seien ein eindeutiger Beleg dafür, dass sich die Haltungsbedingungen weiter verschlechtert hätten. Mehr Gülle bedeute nämlich, »dass immer mehr Tiere auf Spaltenböden gehalten werden und nicht artgerecht in mit Stroh gestreuten Ställen«. Die Gülleflut sei damit nicht nur für das Grundwasser problematisch, sondern auch ein Anzeiger für kritische Haltungsbedingungen.

Als Verbandspräsident Rukwied letzte Woche vor die Presse trat, präsentierte er tatsächlich ganz anders gelagerte Forderungen, die sich mit wenigen Worten zusammenfassen lassen: mehr Geld vom Staat und Gentechnik auf den Feldern. Nach einem Bericht des Handelsblatts vom letzten Donnerstag sagte Rukwied, um sich für künftige Dürren zu wappnen, habe die Landwirtschaft ein großes Interesse an dürrerestistenten Pflanzen.

Im vergangenen Wirtschaftsjahr 2017/18 legten die Gewinne im Schnitt um fast ein Fünftel je Betrieb zu. Das ist aber für Rukwied kein Grund, nicht mehr Staatsgelder zu fordern. Die Betriebe seien in einer »sehr schwierigen und herausfordernden« Lage. Die Rücklagen reichten trotz höherer Erlöse nicht aus, um die trockenheitsbedingten Ausfälle auszugleichen. Nach Abzug der bewilligten Dürrehilfen von bis zu 340 Millionen Euro sei die Landwirtschaft mit einem Schaden von 2,3 bis 2,6 Milliarden belastet, sagte er laut Agrarzeitung vom letzten Freitag.

Nach einer Mitteilung des Landwirtschaftsministeriums seien bislang Anträge in Höhe von »nur« 288 Millionen Euro eingegangen. Das könnte aber auch an recht hohen Hürden liegen, so Kirsten Tackmann. Bei Genossenschaften müssten beispielsweise alle Mitglieder und ihre Eheleute einzeln ihre Bedürftigkeit nachweisen, während in Agrarholdings Anteile unter zehn Prozent nicht in die Prüfung einbezogen würden. Zudem würde es auch regionale Unterschiede geben. Während beispielsweise »in Brandenburg mehr als doppelt so viele Hilfen beantragt wurden, als von Bund und Land zur Verfügung stehen, sieht es in anderen Bundesländern deutlich entspannter aus«.


Debatte

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  • Beitrag von Helmut P. aus D. (19. Dezember 2018 um 22:18 Uhr)

    Laut Statistischem Bundesamt sind im Jahr 2017 745 Millionen Tiere geschlachtet worden. Davon 57,9 Millionen Schweine, 3,5 Millionen Rinder und 600 Millionen Masthühner. Wenn also die Schweine und Rinder artgerecht auf Stroh gehalten werden, ist die »Gülle-Scheiße« verschwunden? Und wie viele Quadratmeter sollen einem artgerecht gehaltenen Tier zugestanden werden? Wo und wie sollen die vielen Millionen Tiere artgerecht gehalten werden? Die Vorschläge zur klimaschonenden Landwirtschaft sind alle halbherzig. Genauso sinnlos, wie dem Kapitalismus ein menschliches Antlitz zu verpassen.

    Was ist eigentlich so schwer daran zu verstehen: Wer Fleisch und tierische Produkte konsumiert, zerstört absichtlich und wissentlich die Umwelt, das Klima, die Bodenqualität, das Trinkwasser und die Artenvielfalt. Mal davon abgesehen, dass es keine artgerechte Tierhaltung gibt. Artgerecht ist nur die Freiheit.

    Solange mit Fleisch viel Geld zu verdienen ist und viele Linke meinen, es müsste Schnitzel für alle geben, wird die Nutztierindustrie weiterhin Menschen und Tiere auf Kosten der Umwelt ausbeuten.

    Statt Milliarden an Subventionen für die Fleischindustrie und die hochindustrielle Landwirtschaft sollten die Gelder für einen Umbau in den bioveganen Landbau eingesetzt werden.

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Gefährliche Saat Ernährungssicherheit und Gen-Monopole

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