Aus: Ausgabe vom 18.12.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Interessenvertretung unerwünscht

In Peru schikaniert Handelskonzern Cencosud Gewerkschafter. Eigentümer ist Deutsch-Chilene

Von André Scheer

Antonio Guevara arbeitet seit vielen Jahren in Peru für den Lebensmittelkonzern Cencosud in dessen zentralem Fleischverarbeitungszentrum Cedicar in Lima. Von dort aus gingen Steaks, Koteletts und Würste in die Filialen der Supermarktketten »Metro«, »Wong« und »Paris«. Sie gehören ebenfalls zu dem chilenischen Konzern, der in mehreren Ländern Südamerikas Einzelhandelsketten und Shoppingtempel betreibt. Das Unternehmen ist mehrheitlich in Besitz der Familie des deutschen Unternehmensgründers Horst Paulmann. Dieser 1935 in Kassel geborene Mogul war kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit seinem Vater, SS-Sturmbannführer Werner Paulmann, über die »Rattenlinie« nach Südamerika gekommen. Paulmann senior legte dann in den 50er Jahren in Chile den Grundstein für das spätere Handelsimperium, das Horst Paulmann ab 1976 unter der Diktatur von Augusto Pinochet aufbaute. Über die Details der Kooperation zwischen dem Deutschen und dem Diktator und insbesondere über Paulmanns Verbindungen zur Foltersekte »Colonia Dignidad« redet man in Chile bis heute nicht gern. Das Magazin Forbes schätzt das Vermögen Paulmanns auf 2,8 Milliarden US-Dollar.

Die Beschäftigten haben davon nichts. Die Arbeitsbedingungen bei Cencosud in Peru waren lange extrem schlecht, Schichten von elf oder zwölf Stunden die Regel. In Stoßzeiten wurden Beschäftigte sogar gezwungen, bis zu 30 Stunden lang zu arbeiten. Nur nachts hätten sie sich für drei Stunden auf dem Fußboden hinlegen dürfen, um etwas Schlaf zu bekommen, berichtete 2016 ein Funktionär der internationalen Dienstleistungsgewerkschaft UNI Américas im Gespräch mit junge Welt.

Die Kolleginnen und Kollegen begannen, sich gegen die unhaltbaren Zustände zu wehren und gründeten 2013 die Betriebsgewerkschaft Sutragrucep. 33 Beschäftigte waren es zu Beginn, vor allem aus dem Fleischzentrum – nicht viele bei einer Gesamtzahl von rund 10.000 Angestellten des Konzerns in Peru. Doch die Unternehmensleitung sah in ihnen eine Gefahr. Fünf der Gründungsmitglieder wurden mit lukrativen Posten gekauft. Auch Guevara, der von den Kollegen zum Generalsekretär gewählt worden war, erhielt verlockende Angebote. »Ich sollte mehr Lohn und eine höhere Stellung bekommen oder Sportangebote wahrnehmen können«, berichtete er junge Welt. Er habe sie ausgeschlagen, weil er bessere Leistungen für alle Beschäftigten erreichen wollte.

Das Cedicar wurde zu einer Hochburg der gewerkschaftlichen Aktivitäten bei Cencosud, und im April 2016 konnte schließlich sogar ein Tarifvertrag erkämpft werden. Doch der Konzern schlug zurück. Die Herstellung der Fleischprodukte wurde ausgegliedert und insbesondere die als engagiert bekannten Kolleginnen und Kollegen in Supermärkte versetzt, obwohl sie keine Erfahrungen im Verkauf hatten und auch keine Einarbeitung vorgesehen war. Für Guevara bedeutete das nicht nur einen Einkommensverlust von 700 Soles (rund 183 Euro), sondern zusätzlich zu Arbeitszeiten bis 23 Uhr einen doppelt so langen Arbeitsweg. Offenkundig sollen die Gewerkschafter auf diese Weise mürbe gemacht werden, damit sie »freiwillig« das Unternehmen verlassen oder sich auf eine Abfindung einlassen.

Doch Guevara bleibt standhaft. Er verklagte das Unternehmen wegen der Gehaltskürzung und der willkürlichen Versetzung. Seine Rechtsanwältin Raquel Morales prangert eine Verletzung der Gewerkschaftsfreiheit in Peru an, denn von 38 betroffenen Arbeitern gehörten nur drei nicht der Sutragrucep an. »Deshalb ist es offensichtlich, dass diese Versetzung der Arbeiter direkt darauf abzielte, die gewerkschaftliche Organisation zu schwächen, zumal sie im Kontext laufender Tarifverhandlungen erfolgte«, erklärte die Juristin gegenüber junge Welt. Allerdings habe die zuständige Arbeitsinspektorin bei einem Termin lediglich erklärt, dass das Unternehmen das Recht habe, seine Angestellten zu versetzen. Die damit verbundenen Nachteile wie viel längere Arbeitswege und die fehlende Schulung der Betroffenen für ihre neuen Aufgaben habe sie nicht berücksichtigt.

Das Verfahren vor dem Arbeitsgericht in Lima läuft noch. Wann ein Urteil fällt, ist offen.


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