Aus: Ausgabe vom 18.12.2018, Seite 2 / Inland

Alle Jahre wieder

Erneut Streiks bei Amazon. Geschenkelieferungen gefährdet

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On and off again: Seit fünf Jahren streiken die Amazon-Beschäftigten in der Adventszeit für Verbesserungen

Mitten im Weihnachtsgeschäft hat die Gewerkschaft Verdi abermals zu Streiks beim Versandhändler Amazon aufgerufen. An den Standorten Leipzig und Werne legten Beschäftigte zum Wochenbeginn in der Frühschicht die Arbeit nieder. »Es besteht die Gefahr, dass Weihnachtsgeschenke nicht rechtzeitig ankommen«, sagte ein Sprecher von Verdi der Deutschen Presseagentur (dpa) in der Nacht zum Montag. Amazon widersprach dem. Die Gewerkschaft kämpft seit 2013 erfolglos für einen Tarifvertrag für die rund 16.000 Beschäftigten des US-Händlers in Deutschland.

Verdi rief Amazon-Beschäftigte des Versandhandelszentrums Sachsen in Leipzig auf, bis Heiligabend zu streiken. Am Standort Werne in Nordrhein-Westfalen sollen sie zunächst bis Dienstag abend streiken. Der Ausstand könnte jedoch bald auf mehr Standorte und längere Zeit ausgeweitet werden, wie dpa bezugnehmend auf einen Verdi-Sprecher meldete. Die Gewerkschaft hatte die Beschäftigten am Standort Rheinberg nahe Duisburg bereits vergangene Woche zum Arbeitskampf aufgerufen.

Verdi-Streikleiter Thomas Schneider erklärte am Montag gegenüber jW, an den Streiks hätten sich etwa 400 Beschäftigte beteiligt. Sorgen, dass Geschenke nicht rechtzeitig zu Weihnachten ankommen könnten, seien Amazon zufolge aber unbegründet. Man sei gut vorbereitet. Der Streik habe keinen Einfluss auf »die Einhaltung unseres Lieferversprechens», hieß es laut dpa am Montag. Die »überwältigende Mehrheit« der Angestellten arbeite »normal«. Schneider bezweifelt diesen Optimismus der Geschäftsführung. Der Streik von 400 Beschäftigten habe natürlich Auswirkungen. Der Gewerkschafter gab zu bedenken, warum Amazon sonst 20 Euro Streikbrecherprämie am Tag zahlen sollte.

Mit dem Streik will Verdi die Forderung unterstreichen, Arbeitsbedingungen tarifvertraglich zu regeln. Die Gewerkschaft fordert Amazon seit mehr als fünf Jahren dazu auf, Tarifverhandlungen analog zum Einzel- und Versandhandel zu führen. Der US-Konzern lehnt dies ab. Amazon sieht sich als Logistikunternehmen und verweist darauf, dass die Bezahlung in den elf deutschen Versandzentren am oberen Ende dessen liege, was in der Logistikbranche üblich sei. Schneider zufolge hätten die Amazon-Beschäftigten hierzulande nach zwei Jahren einen Stundenlohn von 12,58 Euro und ein Bruttogehalt von 2.100 Euro im Monat.

Der gewerkschaftspolitische Sprecher der Linkspartei, Pascal Meiser (MdB), solidarisierte sich am Montag mit den streikenden Amazon-Beschäftigten. »Es ist doch obszön, dass Amazon-Chef Jeff Bezos inzwischen zum reichsten Mann der Welt geworden ist«, während seine Angestellten, so Meiser, zum Teil nicht wüssten, wie sie ihrer Familie ein schönes Weihnachtsfest bescheren sollen. »Und das nur, weil Amazon ihnen das im Versandhandel übliche Weihnachtsgeld verweigert.« Meiser sagte, Amazons Lohndumping gehe nicht nur zu Lasten der Beschäftigten, sondern auch zu Lasten der Konkurrenz im stationären wie im Versandhandel, die noch »anständige« Tariflöhne zahle. Susanne Knütter


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