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Aus: Ausgabe vom 20.12.2018, Seite 10 / Feuilleton

Slow Media

Von Thomas Wagner
Was ist los mit der Jugendkultur? – „Club 2“ mit Nina Hagen u.a.
Was ist los mit der Jugendkultur? – »Club 2« mit Nina Hagen u. a., Gesprächsleitung Dieter Seefranz (ORF 9.8.1979)

Kennen Sie noch den »Club 2«? Das war eine auch in der BRD ausgestrahlte Diskussionsendung des österreichischen Fernsehens, die manchen Zuschauern deshalb noch in Erinnerung ist, weil ein Auftritt von Nina Hagen vom 9. August 1979 für einen Skandal sorgte und der betreffende Ausschnitt gelegentlich in anderen Sendeformaten wiederholt wird. Die Sängerin veranschaulichte damals unter Verwendung eindeutiger Gesten, wie Frauen über die Stimulation ihrer Klitoris zu einem Orgasmus gelangen könnten. Unvergessen ist zudem eine Sendung ein Jahr zuvor, in der Daniel Cohn-Bendit und Rudi Dutschke sich mit dem Springer-Journalisten Matthias Walden und dem Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer über die Folgen der linken Studentenrevolte austauschten – sozusagen die Mutter aller darauf folgenden 68er-Fernsehdebatten. Was die Sendung von anderen TV-Talkshows unterschied, war weniger ihr nicht selten bemerkenswerter Inhalt, als ihre Form. Die von 1976 bis 1995 jeweils am Dienstag und Donnerstag gegen 22.30 Uhr nach der Hauptnachrichtensendung im Zweiten Programm ausgestrahlten Folgen kannten keinerlei Zeitbegrenzung. Zum Ende kamen die Sendungen erst, wenn sich ein Thema nach Ansicht von Gästen und Moderatoren erschöpft hatte oder sie einfach zu müde waren, die Diskussion fortzuführen.

Nun mag man sich fragen, was die Erwähnung eines Fernsehklassikers aus der analogen Ära in einer Kolumne über die digitale Welt zu suchen hat. Ganz einfach: Es gibt von akademischer Seite einen Vorschlag, das Konzept in digitaler Form zum neuen Leben zu erwecken, um der darniederliegenden Diskussionskultur einen neuen demokratischen Impuls zu geben: den der Entschleunigung. »Hochgeschwindigkeitsdiskussionen«, so schreibt Christian Fuchs in seinem vor einigen Monaten erschienenen Buch »Digitale Demagogie. Autoritärer Kapitalismus in Zeiten von Trump & Twitter«, »lassen keine Zeit zur Entwicklung von Argumenten, was angesichts des Umstandes, dass die Gesellschaft und ihre Probleme komplex sind, besonders problematisch ist.« Der Kurznachrichtendienst Twitter beispielsweise erscheint dem marxistischen Medienwissenschaftler als ein Medium, das durch seine Geschwindigkeit und die Knappheit der zur Verfügung stehenden Zeichen demokratische Diskussionen nicht befördere, sondern geradezu unterbinde. Die Aufmerksamkeitsspannen der Nutzer werde immer kürzer. Was ist dagegen zu tun?

Fuchs fordert eine Entschleunigung des Medienbetriebs und die Zurückdrängung des Kommerzes: »Wir brauchen ›Slow Media‹«, so seine Devise. Der Wissenschaftler gibt ein Beispiel. Idealerweise zeichneten sich entschleunigte Medien durch einen zeitlich unbeschränkten Raum aus, wie er für den Club 2 charakteristisch gewesen sei. In diesem Zusammenhang lädt er seine Leser dazu ein, sich das folgende Szenario vorzustellen. Donald Trump sitze mit einem seiner schärfsten Kritiker auf der Couch eines solchen Formats. »Es gibt dabei«, so der an der Westminster University in London lehrende Forscher, »kein Twitter, über das provokante Kurzkommentare aus der Ferne in einen anonymen Diskursraum eingeworfen werden, sondern es gibt eine Livediskussion von Angesicht zu Angesicht, in der Behauptungen und Gegenbehauptungen erkundet, Ideologien in Frage gestellt werden, grundverschiedene Meinungen direkt aufeinandertreffen usw. Club 2.0 würde ein Stück Dialektik in eine eindimensionale Welt bringen, in der die Öffentlichkeit unter Beschuss des autoritären Kapitalismus steht.«

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