Aus: Ausgabe vom 17.12.2018, Seite 11 / Feuilleton

Erwin der Bekenner

Der Verteidiger des Politischen. Zum 125. Geburtstag des revolutionären Theatermachers Erwin Piscator

Von Erik Zielke
Piscator-Portrait.jpg
Fast vergessener Theaterrevolutionär: Erwin Piscator

»Früher einmal nannte ich das Theater ein politisches Theater, heute möchte ich es eigentlich ein Bekenntnistheater nennen. Gerade dem Zweifel und dem lavierenden Unglauben entgegensetzen das Bekenntnis! Und selbst dann, wenn ein Bekenntnis primitiv wirken sollte, so ist es wichtiger als das komplizierte Kunstprodukt, das unverständlich bleibt.« So charakterisierte der Theaterkünstler und -leiter Erwin Piscator (1893–1966) das eigene Wirken. Die Abkehr vom Begriff des Politischen darf selbstredend nicht überbewertet werden: Piscators Bekenntnisse waren selbst schon Ausdruck des Politischen in einer Zeit, die von ausbleibender Auseinandersetzung mit Themen der Gegenwart und Geschichte gekennzeichnet war, und brachten ihm schließlich den Beinamen »der Bekenner« ein.

Schon kurz nach Beginn seiner Bühnenlaufbahn war Piscator das Gesicht der Avantgarde, der wohl bekannteste Theatermacher der Weimarer Republik. Als Regisseur verhalf er früh den Dramatikern Ernst Toller, Walter Mehring und Max Brod zu ihrem Recht. Ästhetisch betrat das KPD-Mitglied Neuland: Er entwickelte politische Revuen, spielte Klassiker ebenso wie zeitgenössische Stücke und fand Mittel wie Film- und Bildprojektionen, mit deren Hilfe das Theater nicht im Schatten der jungen Filmkunst stehenblieb. Als Gründer und Leiter von Bühnen in der Kulturmetropole Berlin versammelte er die fähigsten Künstler jener Jahre: von Heinrich Mann bis Erich Mühsam, von John Heartfield bis László ­Moholy-Nagy.

Noch vor 1933 verließ Piscator Deutschland in Richtung Sowjetunion und widmete sich hier einer Verfilmung von Anna Seghers’ Novelle »Aufstand der Fischer von St. Barbara«. Ende der 30er Jahre reiste er in die USA weiter, wo er zunächst eine Schauspielschule gründete und deren Leitung übernahm. Auf dem Höhepunkt des dortigen Antikommunismus musste er das Land verlassen und kehrte nach Europa zurück, das ihm fremd geworden war. Es war kaum möglich, an Erfolge der Zwischenkriegszeit anzuknüpfen. Allmählich und keineswegs ohne Widerstände konnte er jedoch in der BRD Fuß fassen, noch einmal ein Theater leiten: Von 1962 bis zu seinem Tod 1966 war er Intendant der Freien Volksbühne in Westberlin. Hier wirkte er aufklärerisch und brachte erneut wichtige Autoren zur Aufführung, die nicht vor bitteren Wahrheiten und ernsthafter Auseinandersetzung mit historischen Realitäten zurückschreckten – Heinar Kipphardt, Peter Weiss und Rolf Hochhuth. Die Frage, mit der das Theater umgehen musste, benannte er klar: »Was kann man aus sechs Millionen Toten lernen?« Piscator blieb zeitlebens ein Suchender – mit klarem Ziel vor Augen.

Anders als bei seinem Zeitgenossen Bertolt Brecht, der überdeutliche Spuren im Schreiben, Spielen und Nachdenken für und über das Theater hinterlassen hat, droht Piscators Werk zu verblassen. Heute wäre Erwin Piscator 125 Jahre alt geworden. Es gilt dringend, ihn wiederzuentdecken.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Feuilleton