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Aus: Ausgabe vom 17.12.2018, Seite 10 / Feuilleton

Herr Groll im Volksgarten

Von Erwin Riess
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Frohe Weihnachten: Für Oppositionelle gibt es in Viktor Orbans Ungarn einen Maulkorb

Herr Groll und der Dozent saßen auf einer Parkbank beim Theseustempel im Wiener Volksgarten, gleich hinter dem Burgtheater und in Rufweite des Bundeskanzleramts und der Hofburg, der Präsidentschaftskanzlei. Genauer gesagt, saß nur der Dozent, Herr Groll stand mit dem Rollstuhl neben der Bank. Sie waren auf dem Weg ins neu eröffnete »Haus der Geschichte« auf dem Heldenplatz. Der Dozent hatte gehört, dass in dieser offiziellen Geschichtsstätte der Republik schwere Geschichtsklitterung betrieben werde, und Herrn Groll wiederum war zu Ohren gekommen, dass das Haus der Geschichte im zehnten Jahr nach dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention nicht barrierefrei sei. So hatten beide bedeutende Ermittlungen durchzuführen.

Da aber nach Tagen nasskalten und unwirtlichen Wetters die Sonne über der Innenstadt durch den Nebel gebrochen war, genossen die beiden wie viele andere Müßiggänger die unverhoffte Wohltat. Sie blieben aber nicht untätig – sie fütterten keine Tauben oder jammerten über den Niedergang der Sozialdemokratie, sie schulten ihre politische Beobachtungsgabe, indem sie die ungarische Frage erörterten. Die andauernden nationalistischen Kampagnen des Orban-Regimes seien das eine, das andere aber sei die Degradierung der EU zur Geldmaschine für jene Staaten, die von der EU sonst nichts wollten, sagte der Dozent.

»Aber ist sie das denn nicht?« Groll blinzelte in die Sonne. »Denken Sie an die Ankäufe von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank, Dutzende Milliarden Euro wurden den Großbanken überlassen. Und der Witz dabei ist: um null Prozent. Also eine Geldmaschine für künftige Spekulationen und die Friedrich Merz’ dieser Welt.«

»Da widerspreche ich nicht«, meinte der Dozent. »Ich kann aber auch ein österreichisches Beispiel namhaft machen. Den Immobilientycoon René Benko, dem nicht nur die Goldene Meile in Wien und Dutzende Nobelimmobilien gehören, sondern auch Karstadt/Kaufhof, die zweitgrößte österreichische Möbelkette …«

»Und der sich jetzt an den führenden Tageszeitungen des Landes, Kronenzeitung und Kurier, beteiligt hat«, unterbrach Groll.

»Wobei jeder weiß, dass Benko es nicht lang bei Beteiligungen belässt, er will – wie Orban – die ganze Macht. Im Pester Lloyd habe ich gelesen, dass der Ungar soeben durch eine Stiftung sage und schreibe 471 Medien, Regional- und Spezialzeitschriften, überregionale Wirtschaftsblätter, Radio- und TV-Stationen unter einer Holding zwangsvereinigt hat …«

»Die von einem Parteifreund befehligt wird«, setzte der Dozent fort. »Den Pester Lloyd habe ich schon gelesen, als er noch in Budapest als Papierzeitung erschien.«

»Orban hat sich den perfekten Medienapparat einer autoritären Herrschaft zurecht gezimmert«, stimmte Groll bei.

»Was unterscheidet sie von einer Diktatur?« fragte der Dozent.

»Der Unterschied besteht darin, dass man im gegenwärtigen Ungarn dissenter Meinung zu Orban sein darf, es besteht aber keine Möglichkeit, sie zu veröffentlichen. In einer Diktatur steht auf abweichende Meinungen Gefängnis oder noch Schlimmeres.«

Immerhin verdanke Wien dem antisemitischen Furor Orbans die Central European University, die auf dem Gelände des einstigen Otto-Wagner-Spitals am Fuße des Wienerwalds in die dortigen Pavillons einziehen werde, bemerkte der Dozent. Das sei doch keine schlechte Nutzung für einen Gebäudekomplex, in dem zu Nazizeiten Hunderte behinderte Kinder ermordet wurden und nach dem Krieg psychisch kranke Menschen wie Gefängnisinsassen gehalten wurden.«

»Zum Teil von denselben Ärzten und Pflegern, die schon in der NS-Zeit in diesem Krankenhaus an der Ertüchtigung des Volkskörpers gearbeitet haben und einer Strafverfolgung entgangen sind, weil die Ärzte sich dem Bund Sozialistischer Akademiker (BSA) angeschlossen haben, was damals vor Verfolgung schützte. Immerhin verdankt Wien Viktor Orban elfhundert gehobene Arbeitsplätze und jede Menge zusätzlicher Steuereinnahmen durch den Konsum der angestellten Akademiker.«

»Es steht zu befürchten, dass die Mietpreise dadurch weiter steigen«, warf der Dozent ein.

»Man kann nicht alles haben«, schloss Herr Groll. »Weltoffenheit ist keine Billigware.«

Die Sonne verschwand hinter einer grauschwarzen Regenwolke. Die beiden machten sich auf den Weg.

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