Aus: Ausgabe vom 15.12.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Unter fremder Flagge

Am 21. Dezember 1918 untersuchte Rosa Luxemburg in der Roten Fahne die Rolle der SPD als Instrument der bürgerlichen Gegenrevolution

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»Klasse gegen Klasse, Programm gegen Programm, Schild gegen Schild«: Umzug der Sozialdemokraten zur Wahl für die Nationalversammlung in Frankfurt am Main (1919)

In allen früheren Revolutionen traten die Kämpfer mit offenem Visier in die Schranken: Klasse gegen Klasse, Programm gegen Programm, Schild gegen Schild. Und hat es in jeder Gegenrevolution Zettelungen, Ränke und Schliche gegeben, so waren es eben notorische Zettelungen, Ränke und Schliche der Gegenrevolution, der Royalisten, Aristokraten, reaktionären Militärs. Es waren stets Anhänger des gestürzten oder bedrohten Systems, die im Namen und zur Rettung dieses Systems gegenrevolutionäre Maßnahmen ergriffen. Es genügte, die kompromittierten Schilder und Wappen aus dem Dunkel ans Licht zu zerren, damit die Volksmenge mit lautem Hallo die alten Vogelscheuchen zerpflückte.

In der heutigen Revolution treten die Schutztruppen der alten Ordnung nicht unter eigenen Schildern und Wappen der herrschenden Klassen, sondern unter der Fahne einer »sozialdemokratischen Partei« in die Schranken. (…) Würde die Kardinalfrage der Revolution offen und ehrlich Kapitalismus oder Sozialismus lauten, ein Zweifeln, ein Schwanken wäre in der großen Masse des Proletariats heute unmöglich.

Allein so einfach, so bequem macht es uns die Geschichte nicht. Die bürgerliche Klassenherrschaft kämpft heute ihren letzten weltgeschichtlichen Kampf unter fremder Flagge, unter der Flagge der Revolution selbst. Es ist eine sozialistische Partei, es ist das ureigenste Geschöpf der Arbeiterbewegung und des Klassenkampfes, das sich in das wuchtigste Instrument der bürgerlichen Gegenrevolution verwandelt hat. Kern, Tendenz, Politik, Psychologie, Methoden – alles ist gut kapitalistisch. Nur Schilder, Apparat und Phraseologie sind vom Sozialismus übriggeblieben. Und doch genügen Schilder, Apparat und Phraseologie, um breite Massen über Kern und Inhalt der Politik zu täuschen (…)!

Das ist die Schule der deutschen Sozialdemokratie, das ist die Quittung über die letzten 25 Jahre ihrer Tätigkeit. Der Geist des 4. August 1914 herrschte über dem Sitzungssaal des Rätekongresses (vom 16. bis zum 22. Dezember 1918 tagte in Berlin der 1. Allgemeine Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands, auf dem die Vertreter der SPD dominierten; mit dem Beschluss, am 19. Januar 1919 die Wahlen zu einer Nationalversammlung durchzuführen, die die weitere Regelung übernehmen sollte, und der Wahl eines Zentralrats, dem nur das Recht zugebilligt wurde, Gesetzesvorlagen der Regierung zu beraten, entschied der Kongress sich zugunsten des bürgerlichen Staates statt der Rätemacht. jW) das alte vorrevolutionäre Deutschland der Hohenzollern, der Hindenburg und Ludendorff, des Belagerungszustandes und der Henkerarbeit in Finnland, Baltenland und der Ukraine war noch intakt im Saal des Abgeordnetenhauses – trotz Zusammenbruchs auf den Schlachtfeldern Frankreichs und trotz des 9. November!

Und doch: Jenes Deutschland besteht nicht mehr. (…) Der Ausbruch des 9. November, so schwach, so unzulänglich, so verworren er war, er hat zwischen dem Gestern und dem Heute einen Abgrund gegraben, über den es keine Brücke mehr gibt. (…) Dieser Prozess der Erschütterung und des Umsturzes der bürgerlichen Klassenherrschaft kann keinen anderen Ausweg finden als den Triumph der sozialen Revolution, weil aus dem Bankrott des Imperialismus kein Ausweg, keine Rettung mehr übrigbleibt denn im Sozialismus.

Jeder Tag verschärft die Situation, jeder Tag meißelt das weltgeschichtliche Dilemma schroffer, unerbittlicher heraus.

Die zurückflutende Masse der Soldaten verwandelt sich allmählich in Arbeitermasse, zieht die Livree des Imperialismus aus und den Proletarierkittel an. (…) Zugleich steigen die Riesenprobleme der Arbeitslosigkeit, der wirtschaftlichen Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit, des finanziellen Staatsbankrotts auf. Die innere Auflösung der kapitalistischen Wirtschaft zeigt ihren Medusenkopf. Hier in dem wirtschaftlichen Gegensatz ist die heiße Esse, aus der mit jedem Tage neue Gluten des Klassenkampfes emporlodern werden.

Und damit ist gegeben, dass die revolutionäre Spannung, dass das revolutionäre Bewusstsein der Masse mit jedem Tage akuter und schärfer wird. (…) Nur Unklarheiten, Halbheiten, nur Schleier und Nebel sind der Sache der Revolution gefährlich. Jede Klarheit, jede Enthüllung ist Öl ins Feuer der Revolution. (…)

Von der Stunde ab, da die Rätedelegierten ausgeredet haben, haben die Arbeiter- und Soldatenräte in ganz Deutschland, haben die Arbeitermassen das Wort. Sie werden reden, und sie werden handeln. Der Sieg der Ebert-Regierung wird – wie alle Siege der Gegenrevolution – ein Pyrrhus­sieg bleiben (ein Konflikt, aus dem der Sieger ähnlich geschwächt hervorgeht wie der Besiegte. Benannt nach dem König Pyrrhos I. von Epirus, der zwar 279 v. u. Z. die Römer in einer Schlacht schlug, aber am Ende den Krieg verlor. jW).

Rosa Luxemburg: Ein Pyrrhussieg. In: Die Rote Fahne (Berlin), Nr. 36 vom 21. Dezember 1918. Hier zitiert nach: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band 4. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 470–473


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