• Wochenendgespräch

Aus: Ausgabe vom 15.12.2018, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Diese Männer behandelten uns wie Tiere«

Ein Gespräch mit Nodschud Harfusch und Suhair Ali. Über das Martyrium in der Gewalt des »IS« und die Aussicht auf Versöhnung in Syrien.

Interview: Karin Leukefeld
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Ein Inhaftierter der »Freien Syrischen Armee«. Er wurde verdächtigt, Informationen an Regierungstruppen weitergegeben zu haben. (Oktober 2014)

Sie wurden von bewaffneten Gruppen in der östlichen Ghuta drei bzw. vier Jahre lang festgehalten. Wie kam es zu dieser Geiselhaft?

Suhair Ali: Meine Frau und ich, wir wunderten uns, als bewaffnete Kämpfer am Morgen unsere Wohnung angriffen. Doch dann fanden wir heraus, dass sie alle Häuser in Adra attackierten, in denen Leute lebten, die beim Staat angestellt waren. Erst klopften sie, und als wir nicht öffneten, schlugen sie die Tür ein. Sie beschimpften uns mit Worten, die ich nicht wiederholen kann. Sie schlugen mich, stießen mich die Treppe hinunter auf die Straße. Dort waren schon andere Männer, und mit ihnen wurde ich über die Straße getrieben. Ich sah viele Leichen auf der Straße und auf den Gehwegen liegen. Männer, Frauen, Kinder, alte Leute. Wir wurden gezwungen, in Busse zu steigen. Dort wurden uns die Augen verbunden, und die Busse fuhren los. Lange Zeit wusste ich nicht, was aus meiner Familie geworden war.

Sie sagten, die Männer seien maskiert und bewaffnet gewesen. Wissen Sie dennoch, wer sie waren?

Suhair Ali: Die Personen kannte ich nicht. Sie nannten sich »Armee des Islam«, »Löwen des Islam«, andere waren von der Fatah-Al-Scham-Front. Vielleicht waren noch andere Gruppen dabei, denn als sie Adra überfielen, waren sie viele, viele Kämpfer. (An die Interviewerin gerichtet:) Sie kommen aus Europa, aus Deutschland, Sie müssen darüber berichten. Die internationalen Hilfsorganisationen, die UNO und die ausländischen Regierungen müssen wissen, was hier geschieht. Diese Männer kennen keinen Respekt. Es muss endlich aufhören, dass diese Gruppen von Ländern und Regierungen unterstützt werden.

Ich gehörte zu einer Gruppe von 30 Männern. Sie verschleppten uns nach Adra Al-Balad, dem alten Ortskern von Adra. Wenn wir transportiert wurden, geschah das in einer sehr brutalen Weise. Diese Männer kennen keinen Respekt, keine Menschlichkeit. Sie behandelten uns wie Tiere. Die Fahrzeuge, in denen wir später transportiert wurden, hatten verdunkelte Fensterscheiben. Sie brachten sie uns in das Baton-Gefängnis, nach Duma. Dort wurden wir verhört. Die ganze Zeit wurden wir sehr schlecht behandelt.

Das Baton-Gefängnis, ist das ein offizielles, ursprünglich staatliches Gefängnis?

Suhair Ali: Nein, es ist kein offizielles Gefängnis, es ist ein großes, unterirdisches Lager. Die hygienischen Verhältnisse waren verheerend. Es gab wenig zu essen, wir bekamen vielleicht eine Tasse Reis am Tag oder Bulgur (vorgekochter Weizen, jW). Einmal am Tag erhielten wir ein Stück Brot. Die Qualität des Essens war nicht gut. Wenn wir eine Frage stellten, wurden wir beschimpft. Es war schrecklich. Meist waren wir 30 Männer in einer Zelle, manchmal mehr, manchmal weniger.

Nodschud Harfusch: Wir wurden einige Tage später verschleppt und in Adra in einen unterirdischen Raum gesperrt. Wir waren ungefähr 40 Frauen und Kinder. Unsere Söhne waren alle jünger als neun Jahre. Bei unseren Töchtern gab es diese Beschränkung nicht. Der Raum, in dem wir festgehalten wurden, war so eng, dass wir uns nicht hinlegen konnten. Wir haben im Stehen geschlafen. Weil ich ein kleines Kind hatte – Mahmud war noch keine drei Jahre alt, als wir entführt wurden – hat man mir einen Stuhl gegeben. Ich konnte also Mahmud auf den Schoß nehmen. Mein Mann wusste nicht, dass meine Kinder und ich auch gefangengenommen worden waren. Wir wurden etwa fünf Monate in Adra festgehalten. Dann hat man uns nach Arbin gebracht. Dort waren wir 18 Tage, bevor sie uns nach Duma verlegten. Dort blieben wir ein Jahr und neun Monate gefangen. Die nächste Station war Ain Tarma. Dort waren wir etwa neun Monate. Dann kamen wir frei.

Suhair Ali: Auch uns Männer hat man durch die verschiedenen Orte der östlichen Ghuta geschleppt. Ich war in Duma, Harasta, Irbin, Masraba, Ain Tarma, Samalka, Hamurija.

Wie konnten Sie wissen, wo Sie jeweils waren?

Nodschud Harfusch: Sie haben uns manchmal rausgelassen. Als wir beispielsweise in einer Schule festgehalten wurden, habe ich auf dem Hof, wo wir herumlaufen konnten, Schulhefte gefunden. Ich hob eines auf und sah den Stempel darin: Oberschule von Ain Tarma. Da wusste ich, dass wir in Ain Tarma waren.

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Blick vom Dach des Hauses von Suhair Ali und Nodschud Harfusch in Baramanat Al-Mascheich

Suhair Ali: Sie haben uns Geiseln immer in Gebiete gebracht, wo es gefährlich war. Und die Männer mussten arbeiten. Wir haben in den Tunneln gearbeitet, manchmal hat man uns befohlen, Minen zu vergraben, manchmal mussten wir die Toten bergen, die an der Frontlinie lagen. An der Front zwischen der syrischen Armee und den Gruppen. Wenn man uns aus dem Gefängnis geholt hat, um zu arbeiten, haben wir gefragt, wo wir seien. Viele der jungen Gefangenen kamen bei den Einsätzen um. Minen explodierten. Oder sie wurden bei Schusswechseln getötet.

Können Sie sich erklären, warum Sie entführt wurden? Haben die Gruppen Ihnen etwas vorgeworfen?

Nodschud Harfusch: Mein Mann war der Direktor des staatlichen Textilbetriebes, das hat man ihm vorgeworfen.

Suhair Ali: Was diese Gruppen mit uns gemacht haben, hat überhaupt keine juristische Grundlage. Kein Gesetz auf der Welt würde das gutheißen. Ja, vielleicht haben sie mich verschleppt, weil ich Direktor dieses Betriebs war, aber sie haben auch einfache Angestellte geholt. Ich bin Zivilist, kein Militär. Ich habe nicht mit der Armee gearbeitet, ich habe nicht mal eine Waffe zu Hause gehabt.

In Europa spricht man auch von einem Religionskrieg in Syrien, hatte Ihre Verschleppung religiöse Gründe?

Suhair Ali: In unserer Fabrik haben Syrer aus dem ganzen Land gearbeitet, aus Tartus, aus Latakia, aus Duma, aus den östlichen Vororten. Alle Religionen waren in unserer Fabrik vertreten, das hat nie eine Rolle gespielt, wir haben alle zusammengearbeitet. Ich bin überzeugt, dass diese Männer aus dem Ausland den Auftrag erhalten hatten, unser Land zu zerstören. Unsere Gesellschaft sollte zerstört werden. Hier in Syrien leben so viele verschiedene Religionen miteinander, das sollte zerstört werden, sie wollten Zwietracht zwischen uns säen. Religion war früher für uns kein Thema, sie war selbstverständlich. Die einen waren Muslime, die anderen Christen, wieder andere waren Alawiten und so weiter. So war das. Dann erst wurden die verschiedenen Religionen zum Thema gemacht. Um unser Zusammenleben zu zerstören. Die USA haben ihnen diesen Plan eingeimpft, Israel, andere Staaten. Es ist ihnen nicht gelungen.

Haben die Gruppen sich vielleicht an Ihnen gerächt, weil die syrische Armee gegen sie vorging?

Suhair Ali: Vielleicht, ja. Sie hatten eine sehr schlechte Meinung über die syrische Armee. Sie haben nicht verstanden, dass die syrische Armee sich verhält wie jede andere Armee. Es gibt Regeln, Gesetze, junge Männer müssen Wehrdienst leisten. In der Armee ist die ganze syrische Gesellschaft vertreten, alle Landesteile, alle Religionen. Christen, Muslime, Alawiten – alle dienen in der Armee, die unserem Land dient. Aber die Gruppen haben das abgelehnt, sie haben nur über die Religion geredet.

Haben diese Gruppen, die Männer, die Sie bewacht haben, mit Ihnen gesprochen?

Suhair Ali: Nein. Sie haben uns nur angeschrien, beleidigt, Befehle erteilt.

Nodschud Harfusch: Wir wurden von Frauen bewacht. Sie haben kaum mit uns geredet, und wenn, war es mit großer Verachtung. Sie haben uns sogar drangsaliert, wenn wir zur Toilette gehen wollten. Mahmud wollte einmal zur Toilette, er war erst dreieinhalb Jahre alt. Die Wärterin fragte ihn: Magst du Baschar Al-Assad? Und Mahmud sagte: Ja, ich mag ihn. Dann hat sie ihm verboten, zur Toilette zu gehen. Und zu mir hat sie gesagt: Lass den Jungen doch sein Geschäft in seine Kleidung machen. Ich bat und bat, schließlich durfte Mahmud doch zur Toilette gehen. Es war entwürdigend.

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Sie haben gesagt, dass Sie furchtbare Dinge gesehen haben?

Suhair Ali: Ich kann es gar nicht beschreiben, diese Brutalität hat mit menschlichem Verhalten, wie wir es gelernt haben, nichts zu tun. Vor unseren Augen haben sie die Menschen getötet, ihnen den Kopf abgeschlagen. Ein Mann wurde mit seiner Familie in seinem Geschäft eingeschlossen, dann haben sie das Geschäft in Brand gesteckt.

Unter den Männern, die Sie verschleppt haben, waren ja auch solche, die früher Ihre Nachbarn waren …

Suhair Ali: Das war unterschiedlich. Einige waren hier aus der östlichen Ghuta, darunter war auch ein Mann, der es später ermöglicht hat, dass ich erfahren konnte, wo meine Frau ist. Und man ließ uns sehr viel später sogar miteinander telefonieren. Aber in der Fatah Al-Scham-Front waren sehr viele Ausländer. Sie kamen vom Golf und aus weiteren anderen Ländern.

Nodschud Harfusch: Es gab bei der Stadtverwaltung von Adra Leute, die mit den Gruppen sympathisierten. Sie haben ihnen Register der staatlichen Angestellten übergeben, die in Adra lebten. Einige dieser Angestellten wurden gezielt getötet, andere entführt. Mein Mann war in der Gewalt der »Armee des Islam«. Ich und die Kinder wurden von einer Gruppe zur nächsten gereicht. Die Gruppe Failak Al-Rahman hat uns dann nach fast drei Jahren freigelassen.

Was ist mit diesen Menschen passiert, die früher Ihre Nachbarn waren, von denen einige vielleicht sogar in Ihrer Fabrik gearbeitet haben?

Suhair Ali: Es ging ihnen gut vor dem Krieg. Sie hatten Arbeit, konnten ihre Familien ernähren, sie waren gute Leute. Aber in diesem Krieg sind sie vom Weg abgekommen. Sie haben aus dem Ausland viel Geld bekommen, auch Waffen wurden geliefert. Sie haben das angenommen und haben ihr früheres Leben vergessen. Sie haben nur noch über die Religion gesprochen, über den Islam. Aber die Art, wie sie darüber gesprochen haben, was sie angeordnet haben, hat mit dem Islam, den wir hier in Syrien praktizieren, nichts zu tun. Unsere Kultur ist älter als 10.000 Jahre, wir haben gelernt, mit allen Religionen zu leben. Hier in der östlichen Ghuta gab es eine alte jüdische Gemeinde, in Dschobar. Bis heute steht dort eine Synagoge.

Sie leben jetzt weit weg von Damaskus, hier in Ihrem Heimatdorf. Können Sie sich vorstellen, wieder in Ihre Wohnung nach Adra zurückzukehren?

Suhair Ali: Ich muss erst einmal wieder richtig gesund werden. Als ich freigekommen bin, war ich so schwach, dass ich nicht laufen konnte. Und immer muss ich an das denken, was ich und die anderen Gefangenen erlebt haben.

Aber würden Sie Ihren früheren Nachbarn wieder vertrauen können? Können Sie sich in Ihrer alten Wohnung wieder sicher fühlen?

Nodschud Harfusch: Nein. Ich nicht.

Suhair Ali: Doch, ich kann ihnen wieder vertrauen. Sie sind von ihrem Weg abgekommen. Sie sind Syrer, sind unsere Mitbürger. Es wurden Vereinbarungen getroffen, sie haben verstanden, dass sie sich falsch verhalten haben. Sie sind nur vom Weg abgekommen. Wir werden uns wieder versöhnen.

Aus dem syrischen Küstengebirgsort Baramanat Al-Mascheich stammt Suhair Ali, bis Dezember 2013 Direktor der staatlichen Gesellschaft für Spinnerei und Weben. Ausgebildet worden war der Ingenieur in Moskau, wo er seine erste Frau Olga kennenlernte. Aus dieser Ehe, die inzwischen geschieden ist, hat Suhair Ali zwei Kinder, Marjam und Samer. 2010 heiratete Suhair Ali seine zweite Frau, die Lehrerin Nodschud Harfusch. Aus dieser Ehe stammt Mahmud Ali, der heute sieben Jahre alt ist. Bis auf Samer, der in Moskau arbeitete, lebte die Familie in Adra, einem östlichen Vorort von Damaskus. Das Haus in Baramanat Al-Mascheich war für die Familie Ferien- und Wochenenddomizil. Beide Ehepartner arbeiteten, die Tochter studierte in Damaskus, in Adra hatten sie eine Wohnung in einer für staatliche Angestellte errichteten Siedlung. Suhair Ali war ein viel beschäftigter Mann, die syrischen Textilien waren wegen ihrer hohen Qualität international gefragt. Seine Frau Nodschud unterrichtete Englisch am Gymnasium in Adra. Die älteste Tochter Marjam studierte in Damaskus, als 2011 die Proteste in Syrien begannen, aus denen sich ein Krieg entwickelte. Am 11. Dezember 2013 wurde die Familie von maskierten und schwerbewaffneten Männern in ihrer Wohnung überfallen. Suhair Ali wurde entführt. Nodschud Harfusch brachte sich mit den Kindern Marjam und Mahmud Ali im Keller des Gebäudes in Sicherheit. Sie und die Kinder wurden wenige Tage später verschleppt. Erst drei Jahre später, im Dezember 2016, wurden sie freigelassen. Ihr Mann Suhair Ali kam erst nach vier Jahren wieder frei, im Dezember 2017. Karin Leukefeld traf die Familie in ihrem Heimatort Baramanat Al-Mascheich.

Aus dem syrischen Küstengebirgsort Baramanat Al-Mascheich stammt Suhair Ali, bis Dezember 2013 Direktor der staatlichen Gesellschaft für Spinnerei und Weben. Ausgebildet worden war der Ingenieur in Moskau, wo er seine erste Frau Olga kennenlernte. Aus dieser Ehe, die inzwischen geschieden ist, hat Suhair Ali zwei Kinder, Marjam und Samer. 2010 heiratete Suhair Ali seine zweite Frau, die Lehrerin Nodschud Harfusch. Aus dieser Ehe stammt Mahmud Ali, der heute sieben Jahre alt ist. Bis auf Samer, der in Moskau arbeitete, lebte die Familie in Adra, einem östlichen Vorort von Damaskus. Das Haus in Baramanat Al-Mascheich war für die Familie Ferien- und Wochenenddomizil. Beide Ehepartner arbeiteten, die Tochter studierte in Damaskus, in Adra hatten sie eine Wohnung in einer für staatliche Angestellte errichteten Siedlung.Suhair Ali war ein vielbeschäftigter Mann, die syrischen Textilien waren wegen ihrer hohen Qualität international gefragt. Seine Frau No­dschud unterrichtete Englisch am Gymnasium in Adra. Die älteste Tochter Marjam studierte in Damaskus, als 2011 die Proteste in Syrien begannen, aus denen sich ein Krieg entwickelte. Am 11. Dezember 2013 wurde die Familie von maskierten und schwerbewaffneten Männern in ihrer Wohnung überfallen. Suhair Ali wurde entführt. No­dschud Harfusch brachte sich mit den Kindern Marjam und Mahmud Ali im Keller des Gebäudes in Sicherheit. Sie und die Kinder wurden wenige Tage später verschleppt. Erst drei Jahre später, im Dezember 2016, wurden sie freigelassen. Ihr Mann Suhair Ali kam erst nach vier Jahren wieder frei, im Dezember 2017.


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