Aus: Ausgabe vom 15.12.2018, Seite 15 / Geschichte

Getarntes Verbrechen

Die »Aktion T 4« zwischen 1940 und 1945 war systematischer Massenmord an Menschen mit Behinderung. Vor 50 Jahren wurden die Verantwortlichen zu milden Strafen verurteilt

Von Ralph Dobrawa
ads.jpg
Verlegung von Behinderten im Rahmen der »Aktion T 4« aus der Pflegeanstalt »Schloss« Bruckberg

Zwischen 1940 und 1945 ermordeten die Nazis mehr als 70.000 Menschen mit körperlicher, geistiger und seelischer Behinderung. Namensgebend für diese systematische Ermordung, die nach 1945 die Bezeichnung »Aktion T 4« erhielt, war die in einer damaligen Villa in der Tiergartenstraße 4 untergebrachte Planungs- und Verwaltungsbehörde, in der das koordiniert wurde, was die Nazis verächtlich »Vernichtung lebensunwerten Lebens« nannten. Oft wurde allerdings auch der in diesem Zusammenhang völlig irreführende Begriff »Euthanasie« verwandt.

Über Leben und Tod

Getötet wurde zunächst durch den Einsatz von Kohlenmonoxid, später auch mit Medikamenten. Unter den Opfern waren mindestens 5.000 Kinder und Jugendliche. Bereits am 1. September 1939 hatte Hitler persönlich den Leiter seiner Kanzlei, Philipp Bouhler, und seinen zeitweiligen Leibarzt, Karl Brandt, beauftragt, »die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann«. Dieser »Führererlass« sollte angeblich »unmittelbar geltendes Recht« darstellen.

Geschäftsführer der geheimen »Zentraldienststelle« in der Tiergartenstraße war zunächst Gerhard Bohne, dann Dietrich Allers. Heil- und Pflegeanstalten wurden ausgewählt und aufgefordert, in Fragebögen konkrete Angaben zu dort befindlichen Patienten, deren Krankheitsbild und Heilungschancen zu machen. Im Vordergrund standen dabei Erkrankungen wie Schizophrenie, Epilepsie, »Schwachsinn« oder senile Demenz. »Gutachter« entschieden auf Grundlage der Angaben über Leben und Tod. Sukzessive wurden insgesamt sechs Tötungsanstalten errichtet, in Grafen­eck in Baden-Württemberg, in Brandenburg, Bernburg, Pirna-Sonnenstein, in Hadamar bei Limburg sowie in Hartheim in der Nähe von Linz. Die Mordaktionen wurden vertuscht. Angehörige erhielten »Trostbriefe«, in denen vorgegaukelt wurde, die Opfer seien auf natürlichem Wege gestorben, und behauptet, ihr Tod stelle eine Erlösung dar.

Die strafrechtliche Verfolgung von Verantwortlichen der Aktion T 4 verlief unterschiedlich. In den ersten Jahren nach 1945 wurden sowohl Todesurteile wie auch empfindliche Freiheitsstrafen verhängt. Die Taten wurden als Mord klassifiziert. Bereits Ende der 1940er Jahre änderte sich diese Rechtsauffassung, und die verhängten Strafen fielen deutlich milder aus, selbst Freisprüche erfolgten.

Dietrich Allers, Geschäftsführer der T-4-Zentrale seit 1941, wurde erst Mitte der 1960er Jahre von der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main angeklagt. Auch sein Vorgänger Gerhard Bohne sowie der Leiter der Transportabteilung, Reinhold Vorberg, und der frühere Leiter der Inspektionsabteilung, Adolf Gustav Kaufmann, waren von dieser Anklage erfasst. Vorberg hatte sich nach Spanien abgesetzt, wurde aber im Frühjahr 1963 von dort an die Bundesrepublik ausgeliefert. Bohne war nach Argentinien geflohen und wurde ebenfalls ausgeliefert. Allers befand sich bereits seit dem 27. August 1962 in Untersuchungshaft. Kaufmann wurde erst am 21. Juli 1965 verhaftet. Gegen alle vier wurde der Vorwurf erhoben, für die Ermordung der Insassen von Heilanstalten verantwortlich zu sein. Auch wenn sie nicht selbst Hand an die Opfer gelegt hatten, so waren sie doch für die Anordnung und Durchführung der Morde verantwortlich.

Anweisung zum Mord

Die Hauptverhandlung vor dem Landgericht Frankfurt am Main begann am 25. April 1967. Bereits kurze Zeit danach schieden Bohne und Kaufmann aus dem Verfahren aus, da Ärzte ihnen Verhandlungsunfähigkeit attestierten. Das Verfahren gegen beide wurde später eingestellt. Blieben noch Vorberg und Allers. Im Zuge der Beweisaufnahme wurden insgesamt 264 Zeugenaussagen in das Verfahren eingeführt. Sechs Bürger der DDR, deren nahe Angehörige bei der »Aktion T 4« ermordet worden waren, hatten sich dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen. Friedrich Karl Kaul vertrat deren Interessen. Nach Schluss der Beweisaufnahme und dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft konnte auch der DDR-Jurist sprechen. In seinem Schlussvortrag erinnerte er daran, dass es bei der »Aktion T 4« um die »erste von dem nazistischen System durchgeführte Massenmordaktion« gehandelt habe, die »sich in ihrer Zielsetzung und Durchführung in genau der gleichen Weise gegen die gesamte Menschheit wie die ihr folgenden, denen sie als Muster diente«, richtete. Kaul führte weiter aus: »Beide Angeklagte waren (…) keineswegs Gehorchende, die – einmal mit der Mordanweisung konfrontiert – glaubten, einem verbrecherischen Befehl Folge leisten zu müssen! Sie waren nicht vor die unausweichliche Alternative gestellt, mit der Masse von Komplizen zu Mördern zu werden oder, sich aus dieser Masse heraushebend, als einzelne die moralische Kraft aufbringen zu müssen, zum verbrecherischen Befehl ›nein‹ zu sagen (…). Sie wurden nicht dazu gezwungen, wie die armseligen Schächter, die ›Brenner‹, ›Pfleger‹ oder die Stenotypistinnen in der ›Trostbriefabteilung‹, die wir hier als Zeugen gehört haben. Nein, die Angeklagten Vorberg und Allers waren es vielmehr, die die Mordweisungen erteilten, die andere zu dem Verbrechen zwangen (…). Die Herren Vorberg und Allers brauchten sich ihre Hände nicht schmutzig zu machen. Nein, das haben sie in Hadamar und Brandenburg (…) anderen überlassen (…). Während Zehntausende stöhnend einen schweren Tod in den als Duschräumen getarnten Gaskammern starben, saßen die Herren Vorberg und Allers an ihren Schreibtischen, regelten sorgfältig die verlogenen Maßnahmen, die das Massenverbrechen vor Entdeckung schützen sollte, ließen immer neue Listen weiterer Opfer aufstellen, organisierten die Transporte dieser wehrlosen Opfer an die Stätten, an denen sie dann gewaltsam getötet wurden (…).«

Kaul beantragte, beide wegen Mordes zu lebenslänglichem Freiheitsentzug zu verurteilen. Das Landgericht Frankfurt war allerdings der Auffassung, es handele sich nur um Beihilfe zum Mord. Am 20. Dezember 1968 wurde Vorberg in 70.237 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt. Allers bekam acht Jahre Zuchthaus für die Beihilfe zum Mord in mindestens 34.549 Fällen. Sowohl beide Angeklagte wie auch Staatsanwaltschaft und Nebenklage legten mit unterschiedlicher Zielstellung gegen das Urteil des Landgerichts Revision ein. Der Bundesgerichtshof bestätigte den Urteilsspruch am 27. Oktober 1972 im wesentlichen und verwarf die eingelegten Revisionen. Da beide Angeklagte sich in dieser Sache länger in Untersuchungshaft befunden hatten und ihnen auch eine frühere Internierungshaft angerechnet wurde, galten die Strafen als verbüßt und mussten nicht angetreten werden.

Aus dem Urteil des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs vom 27. Oktober 1972:

Die Revisionen der Angeklagten, der Staatsanwaltschaft und der Nebenkläger gegen das Urteil des Schwurgerichts beim Landgericht in Frankfurt/Main vom 20. Dezember 1968 werden verworfen. (…)

Das Schwurgericht hat den festgestellten Sachverhalt zutreffend dahin gewertet, dass die im Rahmen der »Aktion T 4« umgebrachten Menschen »heimtückisch« getötet worden sind. Insbesondere ist von ihm nicht verkannt worden, dass der Begriff der »Heimtücke« eine »feindliche Willensrichtung des Täters gegen das Opfer zum Inhalt« hat. (…) Unter diesen Umständen hat das Schwurgericht die Handlungen der Angeklagten zunächst als Beihilfe zum Mord und nicht lediglich zum Totschlag gewürdigt. (…) Diese Bedenken waren für beide Angeklagten um so näherliegend, als sie erkannt hatten, dass die Massentötung unschuldiger Menschen den allgemeinen Rechtsvorstellungen zuwiderlief und dass sich dessen die Initiatoren ebenfalls bewusst waren. (…) Bezüglich des Angeklagten Allers ist, wie im angefochtenen Urteil zutreffend ausgeführt wird, zu beachten, dass das Schreiben Hitlers vom 1. September 1939 »auffallend kurz, unspezifiziert und in Form eines Auftrags an zwei Untergebene abgefasst war« und »ein solch lakonisches, in Briefform angefertigtes Dekret zur Massentötung von Menschen (…) selbst einem propagandistisch beeinflussten Volljuristen Anlass zu rechtlichem Bedenken geben und Zweifel in ihm aufkommen lassen musste, ob es sich hier um ein rechtsverbindliches Gesetz oder auch nur um eine Verlautbarung mit Gesetzeskraft handelte«.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Rainer Hesse: Leidensweg Wir sind eine Familie mit zwei schwer Behinderten. Mein Bruder und meine Schwester sind von Geburt an blind und hirngeschädigt. Vom Grad ihrer Behinderung her könnte man einschätzen, dass sie sich auf...

Ähnliche: