Aus: Ausgabe vom 15.12.2018, Seite 10 / Feuilleton

Begrabt eure Zwietracht

Die Manifest-Diskussion ist eröffnet. Zur neuen Ausgabe der Melodie & Rhythmus

Von Alexander Reich
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»Alphabetisieren bedeutet im übrigen auch ...« – Titelgrafik der neuen M & R

Dem Kapitalisten kann herzlich egal sein, wer sich für ihn krumm macht. Wenn es ihm angesagt erscheint, lässt er Faschisten seine Herrschaft sichern. Ansonsten hat er überhaupt nichts gegen »Pop-Spektakel« für den »bunten Wirtschaftsstandort«. Das merkt die neue Melodie & Rhythmus zum großen »Wir sind mehr«-Konzert vom 3. September in Chemnitz an. Etwas zu hämisch, Stichwort: »Konsens-Antifa«, aber in der Sache richtig. Und wo wäre das sonst zu lesen gewesen?

Die neue M & R also. Ein mittleres Wunder, und keines, das vom Himmel gefallen ist. Anfang des Jahres schien die traditionsreiche Zeitschrift (Gründungsjahr 1957) am Ende. Um aus den roten Zahlen zu kommen, waren deutlich mehr Abonnenten nötig. Über 1.700 konnten seitdem zusätzlich gewonnen werden, und das in Zeiten von Rechtsruck und Zeitschriftensterben – nur wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Schwerpunkt des aktuellen Heftes (1. Quartal 2019, seit Freitag am Kiosk) ist der Entwurf eines »Manifestes für Gegenkultur«. 38 Programmpunkte sind da mit römischen Ziffern durchnumeriert. Vom Hurra-Gestus klassischer Vorläufer könnten sie kaum weiter entfernt sein. Man denke etwa an die Kubofuturisten um Majakowski. »Nur wir sind das Gesicht unserer Zeit«, deklamierten die Ende 1912. »Lasst uns Puschkin, Dostojewski, Tolstoi etc. pp. vom Dampfer der Gegenwart stoßen.«

Ganz anders geht es in dem M & R-Entwurf um die Verständigung auf einen historischen Kanon. Um Klassiker, auf die wir uns einigen können. Marx und Adorno zum Beispiel, Brecht, Hacks, Alfred Hrdlicka, Gustav Mahler und Victor Jara, Frantz Fanon … Aus deren Erbe werden »kunst- und kulturtheoretische Ankerpunkte« aufgeführt, wie sie »sich in der Gegenwart weniger finden« (Editorial). Mit dieser Gegenwart hält sich der Manifest-Entwurf auch nicht groß auf. Es gibt da wenig mehr als knappe Invektiven (gegen »Kanzleramts-Komiker« und »Mont-Pèlerin-Society-Poeten«, also Neoliberale) und in der langen Heldenreihe überhaupt nur einen, dessen Werk nicht abgeschlossen ist: Paolo Cirio, 39, aus Turin – Beispielgeber für künstlerische Subversion im Internet.

Auch abseits des Entwurfs, den »kritische Künstler und Intellektuelle« noch »gründlich kommentieren und diskutieren« sollen, etwa auf einer Konferenz im Juni, geht es im Heft viel um Bewahrenswertes, das im Orkus der Geschichte entsorgt zu werden droht. Kein Standard weit und breit, der nicht noch unterschreitbar wäre. Durchs ARD-Fernsehen marschierten vor nicht allzu langer Zeit die Freiheitskämpfer vom »Euromaidan« in Kiew »mit der Wolfsangel auf den Helmen und anderen faschistoiden Symbolen«, ohne dass die Text-Bild-Schere der Redaktion auch nur eine Bemerkung wert gewesen wäre, erinnert Max Uthoff im Interview. Seine ZDF-Kabarettsendung »Die Anstalt« sei unter solchen Umständen als eine Art »›Sendung mit der Maus‹ für Erwachsene« für Fernsehliebhaber unentbehrlich. Wer würde da widersprechen? Enrique Ubieta Gómez vom ZK der KP Kubas erörtert den sozialistischen Kampf »gegen den Strom der hegemonialen Konsumkultur« und gibt in einer Klammer mit: »Alphabetisieren bedeutet im übrigen auch, dass die europäischen Arbeiter verstehen, dass ihre Feinde nicht die Migranten des Südens, sondern nationale und transnationale Oligarchen sind.« Die Fotostrecke von Robert Newald (Der Standard) zeigt Neofaschisten in Österreich, Burschenschafter im vollen Wichs, und FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache lächelt ins Handy eines Naziskins; zu ertragen fast nur mit einem Beitrag von Arnold Schölzel zum illusionslosen Antifaschismus Thomas Bernhards, der die große »Weltzerstörungsmaschinerie« »für unbesiegbar hielt« und doch verlachte. In einem schönen Text über die – auch im Gundermann-Film unvermeidliche – Herabsetzung der DDR-Kultur schließlich schreibt Gerd Schumann: »Neulich traf ich eine junge, landläufig als gebildet geltende Frau mit Abitur und Bachelor of Arts. Sie kannte Konrad Wolf nicht und auch nicht Christa Wolf.«

Was kann man noch voraussetzen? Es geht um Grundkurse, ums kleine Einmaleins. Etwa 380.000 Hektar genossenschaftlichen Bodens verkaufte die Treuhand bis 1995, schreibt Schumann. »Nicht nur die Revolution ist keine, wenn sie die Eigentumsverhältnisse unangetastet lässt, auch die Konterrevolution nicht.« Des Pudels Kern. Wenn dieser Groschen fällt, ist das verbunden mit der Einsicht, dass allein der Fortschritt der ganzen Gesellschaft den Fortschritt aller ihrer Teile garantieren kann. Dokfilmerin Susanne Fasbender (»Brand«, 2018) war beim Kampf um die kläglichen Reste des Hambi (200 von mehr als 4.000 Hektar) dabei, und erklärt im Interview mit M & R, »wir als Gesellschaft« müssten die Rohstoffe »als Gemeingut besitzen«. Wenn das so weitergeht, wird sich die parlamentarische Linke noch an den Grundgesetz-Artikel 15 erinnern, der die Vergesellschaftung von »Grund und Boden, Naturschätzen und Produktionsmitteln« vorsieht, deren Überführung »in Gemeineigentum« per Gesetz, auch wenn das bis jetzt keine Rolle gespielt hat.

Unter dem Kapital gekrümmt, dämmert dem Arbeiter, dass es ihm gar nicht soviel anders geht als wie den Böden oder wie dem Nutzvieh. Man muss das alles ja auch erst mal an sich ranlassen, die Hungertoten, die Aussätzigen, die zerstörten Landschaften. Der Kapitalist mag beim schwerelosen Dahingleiten in der Limousine aufrichtig den Schwund an Insektenkörpern auf der Frontscheibe bedauern – seine Klasse wird deshalb kein Interesse am Erhalt unserer Lebensgrundlagen entwickeln.

Ein später Höhepunkt im Heft sind die Seiten 102 bis 105 zum 100. Todestag von Rosa Luxemburg. Gedichte von Erich Weinert und Paul Celan (»... musste schwimmen, die Sau, / für sich, für keinen, für jeden – / Der Landwehrkanal wird nicht rauschen«) und Brecht (»Getötet im Auftrag / Deutscher Unterdrücker. Unterdrückte / Begrabt eure Zwietracht«), Auszüge aus einem Brief von Luxemburg an Sophie Liebknecht: »Gestern las ich gerade über die Ursachen des Schwindens der Singvögel in Deutschland: Es ist die zunehmende rationelle Forstkultur, Gartenkultur und der Ackerbau, die ihnen alle natürlichen Nist- und Nahrungsbedingungen: hohe Bäume, Ödland, Gestrüpp, welkes Laub auf dem Gartenboden – Schritt für Schritt vernichten. Mir war so sehr weh, als ich das las. Nicht um den Gesang für die Menschen ist es mir, sondern das Bild des stillen, unaufhaltsamen Untergangs dieser wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, dass ich weinen musste.«

Jetzt reden Sie darüber mal mit einem Lebenden. Humor nicht verlieren, Gräben zuschütten (das nächste Mal bei »Wir sind mehr« vielleicht mit einem K.I.Z.-Fan über die »Dimitroff-Formel« ins Gespräch kommen), und auf das fertige Manifest darf man gespannt sein.

Melodie & Rhythmus, 1/2019, 116 S., 6,90 Euro


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