Aus: Ausgabe vom 14.12.2018, Seite 1 / Titel

Mobilmachung in Rojava

Nordsyrische Selbstverwaltungsregion bereitet sich auf türkischen Angriff vor. Großoffensive Ankaras unwahrscheinlich

Von Nick Brauns
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Seit Jahren stehen sich türkische Truppen und kurdische YPG-Kämpfer in Syrien gegenüber (22.2.2015)

Der Exekutivrat der Autonomieverwaltung von Nord- und Ostsyrien – das oft auch Rojava genannt wird – hat nach der Drohung eines türkischen Militäreinmarsches zur Mobilmachung aufgerufen. Zuvor hatte der türkische Präsident ­Recep Tayyip Erdogan am Mittwoch angekündigt, »in Kürze« eine weitere Militäroperation in Syrien zu beginnen, um die Gebiete östlich des Euphrat von »separatistischen Terroristen« – gemeint sind die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG – zu »säubern«.

Erdogans Drohung richte sich gegen die territoriale Unversehrtheit Syriens, heißt es in einer am Donnerstag von der kurdischen Agentur ANF verbreiteten Erklärung der Autonomieverwaltung, die darin »an das gesamte ehrenhafte Volk Syriens« appelliert, »sich vereint gegen die Besatzungspolitik des türkischen Staates zu stellen«. Während der Kampf gegen die letzte Bastion der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) östlich des Euphrat bei Deir Al-Sor vor dem erfolgreichen Abschluss stehe, solle mit der türkischen Drohung die Existenz des IS verlängert werden. Die Autonomieverwaltung rief die syrische Regierung in Damaskus, die Vereinten Nationen, die NATO und die US-geführte Koalition gegen den »Islamischen Staat« dazu auf, gegen Erdogans Drohungen Stellung zu beziehen.

Ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums bezeichnete gegenüber dem Sender CNN einen militärischen Alleingang der Türkei in Nordostsyrien als »inakzeptabel«. Dadurch werde US-Personal gefährdet und vom Kampf gegen die Dschihadisten abgelenkt, so Pentagon-Vertreter Sean Robertson.

Bereits am Mittwoch verlegte die türkische Armee weitere Militärfahrzeuge in das Grenzgebiet bei Ceylanpinar gegenüber der syrischen Stadt Serekaniye (Ras Al-Ain). Türkische Soldaten sollen zudem damit begonnen haben, die Grenzmauer bei Ceylanpinar an zwei Stellen zu entfernen.

Im Januar 2013 hatten aus der Türkei eingedrungene Dschihadisten um die Al-Nusra-Front in Serekaniye ein Schreckensregime errichtet. Erst Monate später gelang es den YPG, die von Kurden, Arabern und syrischen Christen bewohnte Stadt zu befreien. Die Bevölkerung bereitet sich seit längerem auf einen türkischen Angriff vor. So bilden Mitglieder kommunistischer Organisationen aus der Türkei, die vorher in den Reihen des »Internationalen Freiheitsbataillons« gegen den IS gekämpft hatten, Zivilisten zur Selbstverteidigung an der Waffe aus.

Eine türkische Großoffensive gegen die Selbstverwaltungsgebiete östlich des Euphrat erscheint zum jetzigen Zeitpunkt allerdings unwahrscheinlich. Noch am Sonntag hatte sich der Sprecher der um die YPG gebildeten Militärallianz »Syrische Demokratische Kräfte« (SDK), Kino Gabriel, in einem Interview mit der Nachrichtenwebsite Kurdistan 24 überzeugt gezeigt, Washington werde so einen Angriff nicht zulassen. Schließlich hatte die US-Armee nach vorangegangenen türkischen Artillerieattacken im Oktober Beobachtungsposten entlang der syrisch-türkischen Grenze errichtet, damit die SDK ihre Offensive gegen die letzte vom IS kontrollierte Region um Hadschin bei Deir Al-Sor wiederaufnehmen konnte.

Ein Ziel Ankaras könnte es sein, durch einen begrenzten Einmarsch zunächst in einem nur schwach besiedelten Gebiet einen Brückenkopf zu errichten, um die Verbindung zwischen den Kantonen Rojavas zu behindern. Wenn die USA nach einem Sieg der SDK über die letzten IS-Kämpfer ihre temporären Verbündeten fallenlassen, könnte die Offensive dann auf das ganze Selbstverwaltungsgebiet ausgeweitet werden.


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