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Aus: Ausgabe vom 13.12.2018, Seite 16 / Sport
Fußball

Runder als der Ball

Die Doku »Take the Ball, Pass the Ball« führt in die Magie des Tiki-Taka ein
Von Felix Bartels
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Füße hoch mit Pep: Training beim FC Barcelona vor dem Champions-League-Sieg 2009

Als John Cleese 2006 in »The Art of Football« durch das Alphabet des Sports führte, war neben dem inhaltlichen auch ein artistischer Höhepunkt erreicht. Wenn die Fußball-Doku »Take the Ball, Pass the Ball« jetzt den Eindruck weckt, daran anzuschließen, so geschieht das weniger durch einen Willen zur Form. Es fehlt durchaus die tragende Idee in der Gestaltung – das Ästhetische ruht im Gegenstand selbst. Schöner Fußball war oft, nie aber wurde er so gravitätisch wie bei Guardiolas Barça. Das lag nicht allein an der Spielidee, über die sich ja streiten lässt, sondern darin, dass noch nie – irgendwie, irgendwo, irgendwann – eine Spielidee so vollendet auf den Platz gebracht wurde. Aber der Reihe nach.

Die Dokumentation von Duncan McMath bietet eine anschauliche Collage aus Filmfetzen und pointierten Interviews. Historische oder taktiktheoretische Erzählungen werden mit South-Park-artigen Animationen nachgezeichnet; die Rede geht so leicht, wie der Gegenstand schwer ist. Ganz dem Stil Barças entsprechend lässt der Film keine Minute nach; man muss dranbleiben, oder man hat den Ball (den Faden) verloren. Es scheint um Pep Guar­diolas Zeit bei Barça zu gehen, nur die Kapitelstruktur wirkt verworren. Einer Einführung in die Ära folgen die Rivalität zwischen Guardiola und Mourinho als Kampf zwischen Spiel- und Körperorientiertheit, die Besonderheiten der Barça-Familie, Abidals Krebserkrankung, die Entdeckung des exorbitanten Messi mitsamt Geburt der falschen 9 und schließlich Guardiolas Arbeit. Man kann die sprunghafte Erzählung vielleicht am besten einordnen, wenn man sie als Auxilium des Buchs »Barça« versteht, dessen Autor Graham Hunter auch das Skript zum Film geschrieben hat. Das Ensemble der Befragten ist breit. Das Bild, das sich so ergibt, ist runder als der Ball.

Eine wichtige Differenz macht der Film nicht: die Idee des Spiels von einer bestimmten Spielidee zu scheiden. Barças Stil markiert nur einen Pfad in der Geschichte der Taktik. Fabio Capello nennt Cruyff, Sacchi und Guardiola als die drei großen Sprünge und übergeht damit wichtige Momente: Die Geburt des Passspiels in Schottland, die Einführung des variablen Positionsspiels in der Sowjetunion durch Arkadiew, Vianis Entwicklung des Catenaccio oder die Erfindung des 4-4-2 unter Maslow. Wo immer neue Spielideen aufkamen, wurden sie von verschiedenen Trainern in verschiedene Richtungen entfaltet. Wer davon spricht, dass Guardiola einen vollkommenen Fußball hat spielen lassen, muss berücksichtigen, dass diese Vollkommenheit Vereinseitigung bedeutet. Es ist unmöglich, sein Prinzip des organisierten Spielaufbaus zu installieren und dabei die Explosivität des Umschaltspiels zu erhalten. In jedem Moment einer Balleroberung müssten elf Spieler ohne weitere Verständigung dieselbe Entscheidung treffen, ob sie nun die situative Unordnung des Gegners nutzen oder, wie von Guardiola bevorzugt, das Momentum vorbeiziehen lassen, um durch geduldige Zirkulation gezielt eine Unordnung zu erzeugen. Das ist der Grund, aus dem einige Elemente, die den Fußball auf andere Weise schön machen – Distanzschüsse, lang ausgeführte Eckstöße, schnelle Konter – aus Guardiolas schönem Spiel nach und nach verschwanden.

Zum anderen ist wichtig, Spielidee und Spielsystem zu unterscheiden. Die Idee Guardiolas ist nicht ursprünglich, sie gehört Johan Cruyff. Pep hat die Abläufe geschaffen, sie auf dem bislang höchsten Niveau auszuführen. Das ist die berühmte Revolution, von der immer alle reden. Diesem Verhältnis gönnt die Dokumentation erfreulich viel Raum. Cruyff ging es um das Bestreben, den Ball stets in Besitz zu bringen, ihn schnell laufen zu lassen, hoch zu stehen und den Gegner zu anstrengender Laufarbeit zu nötigen. Dadurch schafft man ein Höchstmaß an Spielkontrolle. Die eigentliche Funktion des Ballbesitzfußballs liegt in der Defensive.

Guardiolas Interpretation dieser Idee ist unverkennbar. Die Mannschaft zieht sich eng zusammen und bildet Dreiecke, die die Zirkulation des Balls ermöglichen. Nie dürfen mehr als zwei Spieler vertikal, nie mehr als drei horizontal auf einer Linie stehen. Bei Ballverlust geht man ins Gegenpressing und erobert den Ball zurück. Die Spieleröffnung erfolgt durch »Spiel von hinten«, den organisierten Aufbau, der den Gegner zum Fehler im Positionsspiel zwingt. Dieses System allein hätte aber keine Ära machen können, wären nicht die Spieler vorhanden gewesen, die es spielen können. Iniesta, Xavi, Messi oder Busquets haben die technischen Fähigkeiten, flache Pässe schnell und präzise zu spielen, mehr Überblick auf dem Feld zu behalten als der Gegner und die Lösung der konkreten Situation schneller zu finden.

»Take the Ball, Pass the Ball« ist ein Film für Menschen, die wie Louis van Gaal glauben, dass Fußball ein Gehirnsport ist. So mag man ihm fast nachsehen, dass die peinlichen Seiten des FC Barcelona unerörtert bleiben. Das paradoxe Verhältnis zur »katalanischen Sache« etwa, die für das Branding geschickt genutzt wird, während man das politische Ziel, den katalanischen Nationalstaat, naturgemäß fürchtet, da er vermutlich den sportlichen Abstieg des Vereins bedeuten würde. Oder das beharrliche Pflegen eines linken Images, dem nicht bloß die langjährige Geschäftsbeziehung zu Katar widerspricht. Auch die wahrscheinliche Verwicklung in den Doping-Skandal (Stichwort: Fuentes) findet keine Erwähnung, was keine Nebensache ist, da ja bei aller Orientiertheit auf Technik und Taktik die Frage bleibt, wie ein Team von ungewöhnlich kleinen und schmalen Spielern über eine lange Saison hinweg diese Resistenz aufbauen und halten kann.

»Take the Ball, Pass the Ball«, Regie: Duncan McMath, Spanien 2018, 109 min. DVD: 16,99 Euro

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