Aus: Ausgabe vom 12.12.2018, Seite 15 / Antifa

Öko-Lifestyle in Braun

Während die AfD zur klimapolitischen Amokfahrt aufruft, geben sich Teile des völkischen Spektrums umweltbewusst

Von Claudia Wangerin
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NPD-Wahlplakat im Dorf Jamel bei Wismar, das etwa zur Hälfte von völkischen Siedlern bewohnt ist (Archivbild)

Auf den ersten Blick ist es ein Nischenthema, mit dem sich die Broschüre »Rechtsextreme Ideologien im Natur- und Umweltschutz«, herausgegeben von der Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN), befasst. Denn mit Ökologie hat der bei Wahlen erfolgreiche Teil der Rechten in Deutschland rein gar nichts am Hut. Eher verteidigt die AfD den Lebensstil des besserverdienenden weißen Mannes mit Auto, mehreren Flugreisen pro Jahr und mindestens 60 Kilo Fleisch im selben Zeitraum bis zur letzten Patrone. Weitgehend argumentfrei leugnen AfD-Politiker den menschengemachten Klimawandel. In der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes 2017 forderte ihre Spitzenkandidatin Alice Weidel eine Dieselgarantie bis zum Jahr 2050. »Auch wenn wir alle zu Fuß gehen, statt Autos zu bauen, nun alle Gendergagaisten werden und nur noch Brokkoli essen: Der Sonne ist das egal«, twitterte die AfD-Bundestagsfraktionsvize Beatrix von Storch während der Dürre im Juli 2018. Alexander Gauland, der mit Weidel die Fraktion anführt, bestritt zwar wenig später im ZDF-Sommerinterview nicht, dass ein Klimawandel stattfinde, betonte aber, dass er »Zweifel habe, dass der Mensch wirklich entscheidend zur Veränderung des Klimas beiträgt«. Alle drei Genannten sind zwar Akademiker, aber in Sachen Geophysik und Metereologie absolute Laien – Weidel ist Volks- und Betriebswirtin, von Storch und Gauland sind Juristen. Hinter dem mit Fachleuten besetzten Weltklimarat scheinen sie eine Verschwörung gegen die deutsche Kohle- und Automobilindustrie zu wittern.

Die im Durchschnitt jüngeren Anhänger der »Identitären Bewegung«, Teile der neofaschistischen NPD und erst recht völkische Siedler geben sich allerdings ökologischer und meinen dies zum Teil sogar ernst. Die 30 Seiten umfassende FARN-Broschüre dokumentiert Versuche, das Themenfeld Umwelt- und Naturschutz von rechts zu besetzen, und soll Argumentationshilfen dagegen bereitstellen. Herausgegeben wurde sie von den Naturfreunden Deutschlands und der Naturfreundejugend, gefördert vom Bundesfamilienministerium im Rahmen des Programms »Demokratie leben«.

In Deutschland würden »Umweltpolitik und ökologisches Denken oft mit alternativen Lebensweisen und einem emanzipatorischen Demokratieverständnis verbunden«, heißt es im Vorwort von Lukas Nicolaisen und Yannick Passeick. »Doch diese Annahme trifft nur bedingt zu.« Die deutsche Natur- und Umweltschutzbewegung sei Mitte des 19. Jahrhunderts aus einem »konservativen, romantischen und zivilisationskritischen Verständnis heraus« entstanden. Erst im Zuge der Proteste gegen Atomkraft und der Gründung der Grünen in den 1970er und 1980er Jahren habe die Bewegung »den Anschein einer vorwiegend linken Ausrichtung« erhalten.

Im folgenden Kapitel geht es um die Parole »Naturschutz ist Heimatschutz«, um völkische Siedlerbewegungen vom Kaiserreich bis heute und die nach wie vor aktiven »Ludendorffer«, die sich auf das antisemitische Verschwörungsdenken der Schriftstellerin und Generalsgattin Mathilde Ludendorff ebenso positiv beziehen wie auf das Ideal einer sauberen Umwelt. Hingewiesen wird auch auf Bestrebungen des rechten Projekts »Ein Prozent für unser Land«, Familien für die »Rückeroberung des ländlichen Raums« zu gewinnen. Dahinter stehen nach Recherchen der Autoren die Identitäre Bewegung, das von Götz Kubitschek gegründete neurechte Institut für Staatspolitik und das Revolverblatt Compact sowie Funktionäre vom völkisch-rechten Rand der AfD. Letzteres mag verwundern, da deren Positionen zu Umwelt- und Naturschutz mit »Nach uns die Sintflut« treffend beschrieben sind. So liegt auf der Hand, dass für ihre Bündnispartner eine drohende ökologische Katastrophe nicht zu den Hauptproblemen der Menschheit zählt – egal, wie oft Kubitschek sich beim Ziegenmelken filmen lässt.

Die AfD kommt allerdings in der Broschüre nur am Rand vor. Der gemeinsame Nenner zwischen ihr und den Ökonazis ist die Angst vor dem Bevölkerungswachstum im globalen Süden, obwohl dort der Ressourcenverbrauch pro Kopf sehr viel geringer ist – wenn auch größtenteils unfreiwillig durch bittere Armut. Das Kapitel »Die Mär von der Überbevölkerung« lässt zwangsläufig die Frage offen, wie globale Gerechtigkeit auch mit zwölf Milliarden Menschen umweltverträglich gestaltet werden könnte. Eine umfassende Antwort wäre an dieser Stelle zuviel verlangt. Weniger zwangsläufig bleibt der Autor die versprochene »feministische Perspektive« schuldig. Das Selbstbestimmungsrecht von Frauen wird aus seiner Sicht durch Stiftungen eingeschränkt, die Verhütungsmittel bereitstellen und »geburtenreduzierende Strategien« legitimieren. Dabei ist dieses Recht in vielen Ländern nicht nur durch das Fehlen solcher Mittel eingeschränkt, sondern auch durch patriarchale Strukturen, die Frauen gesellschaftliche Anerkennung nur durch mehrfache Mutterschaft ermöglichen, statt etwa durch Bildungschancen.

Tatsächlich sind völkische Siedler nicht zuletzt dadurch zu entlarven, dass sie ähnliche Rollenbilder propagieren, um die vermeintlich überlegene »weiße Rasse« zahlenmäßig zu stärken.


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