Aus: Ausgabe vom 12.12.2018, Seite 10 / Feuilleton

Schlegel, Wischnewski

Von Jegor Jublimov

Obwohl er mit nur fünf Spielfilmen zwischen 1975 und 1983 ein schmales Werk hinterlassen hat, gilt der 2013 verstorbene Egon Schlegel als einer der wichtigen Regisseure im Bereich des DEFA-Kinder- und Jugendfilms. Morgen vor 80 Jahren in Zwickau geboren, wurde er zunächst Hochspannungsmonteur, nahm dann zu Beginn der 60er ein Regiestudium in Babelsberg auf. In dem Diplomfilm »Ritter des Regens« thematisierten er und Dieter Roth unterschiedliche Lebensentwürfe zweier Generationen. Mit der Freiheit, die der Sohn im Gegensatz zum Vater anstrebt, wie auch mit der realistischen Filmsprache (mit surrealen Einsprengseln) eckten sie an und konnten den zu zwei Dritteln abgedrehten Film nach dem 11. Plenum des ZK der SED von 1965 nicht fertigstellen. Roth ging ans Theater, Schlegel zur DEFA-Gruppe 67, wo er erste Dokumentarfilme drehte. Der phantasievolle Kinderfilm »Abenteuer mit Blasius« (1975), Schlegels erster Spielfilm, nahm das, was wir heute »Künstliche Intelligenz« (KI) nennen, auf amüsante Weise aufs Korn. Es folgte »Wer reißt denn gleich vorm Teufel aus« nach den Gebrüdern Grimm und »Das Pferdemädchen« nach Alfred Wellms Roman, den die Berliner Zeitung 1979 als »schönsten und künstlerisch gelungensten Kinderfilm« bezeichnete, der je bei der DEFA entstanden sei. In seinen beiden letzten Filmen »Max und siebeneinhalb Jungen« und »Die Schüsse der Arche Noah« gelang es Schlegel, das Grauen des Faschismus für Kinder auf eindringliche Weise begreifbar zu machen. Wir hätten sie heute nötig.

Das erwähnte 11. Plenum brachte auch einen Einschnitt für Klaus Wischnewski, der gestern 90 Jahre alt geworden wäre. Er ist 2003 gestorben. Anfang der 50er studierte er in Weimar-Belvedere Theaterwissenschaften und arbeitete am Theater. Ende der 50er Jahre wurde er Chefdramaturg beim DEFA-Spielfilmstudio, betreute Klassiker wie »Der Fall Gleiwitz« (1961) oder »Die besten Jahre« (1965). Damals zählte er zu den jungen Funktionären, die eine offenere Diskussion in der Kunst befördern wollten und zeichnete 1965/66 für Filme wie »Berlin um die Ecke«, »Fräulein Schmetterling« und »Spur der Steine« mitverantwortlich, die allesamt in den Kellern verschwanden.

Wischnewski musste die DEFA verlassen, konnte aber am Deutschen Theater weiterarbeiten. Später trug er als Autor und Dramaturg beim Dokumentarfilmstudio dazu bei, dass beispielsweise Karl Gass’ »Das Jahr 1945« ein großer Kinoerfolg wurde. Daneben war er Publizist. Als Filmkritiker der Weltbühne nannte er sich Peter Ahrens und blieb seiner Art, Probleme deutlich zu machen, treu. So bemängelte er 1978 in der Kritik zu einem Kriminalfilm: »Ich glaube, wir sind im künstlerischen Umgang mit unserer Alltagswirklichkeit ungenügend geübt, so dass wir manchmal schon die Benennung konflikthaltiger oder kritikwürdiger Züge und Haltungen für ausreichend aufregend halten.« Er gehörte nicht zu denen, die erst hinterher klüger waren.


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