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Aus: Ausgabe vom 10.12.2018, Seite 11 / Feuilleton
Droste

Wohlgeruch und Wundertaten

Wahre Tierrechte (56).
Von Wiglaf Droste

Durch die Tierhaltung war Jochen der Natur- und Kräuterheilkunde durchaus zugetan, konnte aber den zur Spiritualität aufgeblasenen Alternativkommerz nicht ausstehen und hätte sich eher auf einem öffentlichen Platz an den Pranger gestellt und sich vor aller Menschheit selbst geohrfeigt, als seine Kinder in einen Waldorf-Kindergarten zu stopfen oder auf einer Steiner-Schule lebendig zu begraben. Waldorf war ein Salat und sonst gar nichts, und Steiners Diktum »Studieren Sie die Rhythmen, Rhythmus trägt Leben« hatte soviel Groove wie ein Sack voller Grottenolme.

»Keine Bange«, sagte Lia, »mir geht diese Sprache auch furchtbar auf den Senkel, aber dieses Öl ist gut, ich habe es probiert. Die Blutergüsse gehen schneller weg, es trocknet die Haut nicht aus, und vor allem riecht es gut.« Sie öffnete das Ölfläschchen, schnuffelte kurz daran und gab es dann Jochen, der mit schnobernden Nüstern die Probe aufs Exempel machte. »Stimmt«, sagte er. »Riecht gut, und gut riechen ist wichtig.« Dann ließ er Lia machen, schloss die Augen und fühlte sich angenehm berührt.

»Es gefällt mir bei dir und bei euch«, sagte Lia unverhofft, während sie sich länger als nötig Jochens Prellungen widmete. »Ich fühle mich wohl hier, so wohl wie schon lange nicht mehr.«

»Das habe ich mit Freuden bemerkt«, gab Jochen etwas ungeschmeidig zurück, »und ich freue mich, dass du hier bist.« Er sah ihr in ihre blauen Augen und war ziemlich geplättet. »Ich sag’s noch mal: Es ist schön, dass du hier bist. Im Moment ist das alles wie ein Wunder für mich, die Tiere sind großartig, Andreas taucht plötzlich wieder auf, vielleicht können wir zusammen den Hof retten, du bist da und fasst mich an … hätte mir das letzte Woche jemand prophezeit, ich hätte ihn ausgelacht.«

»Und genau deshalb«, fuhr er fort, »kann ich gerade gar nichts versprechen. Ich veräppele dich nicht und halte dich nicht hin, ich muss das nur erst klarkriegen. Ich bin so gestrickt, alles andere macht mich woddelig.«

»Ich drücke ja auch gar nicht auf die Tube«, antwortete Lia, »ich drücke deine Rippen« – und tat genau das, bis Jochen Schmerzen simulierte und theatralisch um Gnade und Erbarmen bat.

Fortsetzung folgt

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