Aus: Ausgabe vom 10.12.2018, Seite 11 / Feuilleton

Es wird nie genug sein

Antifakrimi: Gudrun Lerchbaums »Wo Rauch ist« überzeugt durch atmosphärische Dichte

Von Gerd Bedszent
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Atmosphäre der Aggression: FPÖ-Anhänger in Wien (2017)

Olga Schattenberg war eine militante Linksradikale; ihre Polizeiakte weist diverse Festnahmen wegen Landfriedensbruch und Widerstand gegen die Staatsgewalt auf. Aber das ist Vergangenheit. Heute sitzt sie ihm Rollstuhl, und ihre staatsfeindlichen Aktivitäten beschränken sich im wesentlichen darauf, sich einen Joint nach dem anderen reinzuziehen. Dann kommt die Beerdigung ihres Exmannes, eines aus der Türkei stammenden Journalisten. Die frustrierenden Erlebnisse bei der Grablegung reißen Olga aus ihrer krankheitsbedingten Lethargie. An die offiziell verkündete Todesursache glaubt sie nicht. Schließlich ist Cans Laptop mit brisanten Rechercheergebnissen spurlos verschwunden – ein Mordmotiv.

Olga versucht herauszubekommen, was wirklich geschehen ist. Und erhält unerwartete Unterstützung von einem professionellen Grabredner und einer gerade aus dem Knast entlassenen Kriminellen. Ein deutsch-türkischer Faschist taucht auf und sucht ebenfalls nach den Unterlagen. Dann stehen zwei Kriminalbeamte vor ihrer Tür und stellen unangenehme Fragen. Die sie nicht beantworten will. Schließlich heißt das Land, in dem dieser ungewöhnliche Krimi handelt, Österreich und hat einen rechten Innenminister.

Olgas Exgatte ist keines natürlichen Todes gestorben. Es stellt sich nur die Frage, ob er einem Attentat des türkischen Geheimdienstes zum Opfer gefallen ist oder ob einheimische Neonazis den Schergen Erdogans die Drecksarbeit abgenommen haben. Oder war es gar jemand ganz anderes?

Gudrun Lerchbaums »Wo Rauch ist« besticht weniger als Krimi denn als Antifaroman. Es geht im wesentlichen um die Recherchen des ermordeten Journalisten, um die darin belegte Zusammenarbeit deutscher und österreichischer Neonazis mit dem türkischen Geheimdienst. Was nur auf den ersten Blick verwunderlich ist, schließlich liefern die Aktivitäten radikaler Islamisten perfekte Steilvorlagen für die rechte Propaganda. Umgekehrt nutzen türkische Rechte die rassistischen Anschläge auf Menschen mit Migrationshintergrund, um sich als Beschützer des muslimischen Glaubens und der türkischen Kultur zu inszenieren. In dem Bestreben, soziale Konflikte generell in ethnische umzudeuten, sind sich letztlich alle Rechten einig.

Lesenswert ist das Buch auch aufgrund seiner Beschreibung einer gesellschaftlichen Atmosphäre voller Düsternis und Frustration, Aggressivität und Hoffnungslosigkeit, wie sie in der Vergangenheit stets den Vormarsch der Rechten begünstigte. Gegen Ende des Buches formieren sich auf der Straße militante Neonazis, denen die Politik der Rechtsregierung nicht weit genug geht, die ganz offen die sofortige Einrichtung von Internierungslagern sowie die gnadenlose Rückführung aller türkischstämmigen Österreicher nach Anatolien fordern. Olga bringt die Situation auf den Punkt: »Es wird nie genug sein für die. Wenn sie einen Sündenbock brauchen, lügen sie sich die Welt zurecht. Ist ja nicht das erste Mal.«

Gudrun Lerchbaum: Wo Rauch ist. Argument-Verlag, Hamburg 2018, 285 Seiten, 13 Euro


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