Aus: Ausgabe vom 10.12.2018, Seite 2 / Ausland

Panzerfahrzeuge in Paris

Frankreich: Mehr als 100.000 Demonstranten landesweit

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Straßenblockade auf der Autobahn in Biarritz im Südwesten Frankreichs am Samstag

Die Proteste der »Gelbwesten« haben Frankreich am Wochenende erneut in Atem gehalten. Landesweit waren weit mehr als 100.000 Demonstranten auf den Straßen, allein in Paris am Samstag mindestens 10.000. Im ganzen Land wurden Autobahnen blockiert, in verschiedenen Städten lieferten sich Demonstranten Straßenschlachten mit der Polizei.

Erstmals waren im Zuge der neuen Proteste auch gepanzerte Fahrzeuge in der Hauptstadt unterwegs, um Barrikaden zu räumen. Das Aufgebot an Polizisten und anderen Ordnungskräften war nach den Demonstrationen der Vorwoche erheblich aufgestockt worden. Nach Angaben des Innenministeriums waren landesweit 120.000 Polizisten, Gendarmen und Feuerwehrleute im Einsatz.

Besonders konfliktgeladen war die Lage wie schon vor einer Woche auf dem Boulevard Champs-Elysées. Vermummte Demonstranten zielten mit Pflastersteinen oder Knallkörpern auf Polizisten. Diese rückten mit Helmen und Schutzschilden vor und feuerten Tränengas ab, auch Blendgranaten und Wasserwerfer kamen zum Einsatz.

»Die Regierung benutzt die Randalierer, um die Gelbwesten zu diskreditieren«, empörte sich ein 50jähriger Demonstrant, der von Anfang an bei den Protesten dabei ist, gegenüber einem AFP-Korrespondenten. Innenminister Christophe Castaner hatte am Freitag von einem »Monster« gesprochen, das seinen Schöpfern entgleitet, und hat damit viele Demonstranten empört. »Macron, gib das Geld zurück«, stand auf einem gelben Banner, das zwei von ihnen trugen. Sie fordern neben höheren Löhnen und Renten eine Wiedereinführung der Vermögensteuer, deren Abschaffung den früheren Investmentbanker Emmanuel Macron in den Augen vieler Franzosen zum »Präsidenten der Reichen« gemacht hat.

»Macron, wir kommen dich holen«, skandierte eine Gruppe Protestierenden. Der Aufruf zu einem »Sturm« auf seinen Amtssitz, den Élysée-Palast, lief ins Leere: Die Umgebung war weitgehend abgeriegelt. Helikopter kreisten über der Innenstadt, Sirenen waren zu hören.

Angesichts der andauernden Proteste gerät Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron immer stärker unter Druck. Vertreter der »Gelbwesten«, der Opposition und der Stadt Paris forderten Antworten des Präsidenten. Regierungssprecher Benjamin Griveaux kündigte eine Stellungnahme Macrons für den Beginn der Woche an.

Landesweit wurden an diesem Wochenende nach Angaben des Innenministeriums mehr als 1.700 Menschen festgenommen. 1.220 Menschen kamen in Gewahrsam – das heißt, sie können nach französischem Recht im Regelfall bis zu 24 Stunden festgehalten werden, etwa weil sie im Verdacht stehen, eine Straftat begehen zu wollen. Mehr als 250 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt, darunter rund drei Dutzend Sicherheitskräfte. (dpa/AFP/jW)


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