Aus: Ausgabe vom 08.12.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Im Paradies

Der beste »Conan«-Film, der nie gedreht wurde: Eine Reportage vom »Metal Hammer Paradise«-Festival

Von Frank Schäfer
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Wenn man hier immer wieder erlebt, wie die älteren Jahrgänge gerade von den jungen Hoffnungsträgern schwärmen, dann erinnert das tatsächlich ein wenig an Elternstolz.

Wir sind etwas zu spät, die Parkplätze sind schon belegt, das gibt uns die Gelegenheit, ein wenig das Areal abzufahren. Seit 2013 gastiert das Festival des auflagestärksten Metal-Spartenmagazins, das »Metal Hammer Para­dise«, in dieser tristen, auf eine irgendwie gepflegte Weise heruntergekommenen Ferienanlage am Weissenhäuser Strand in Schleswig-Holstein. Der grau-beige Betontrabant aus Bungalows, Apartmentklötzen und einem Hotel direkt vorm Deich versprüht den düsteren Charme der alten Bundesrepublik. »BRD Noir«. Er wurde in den Siebzigern verklinkert und danach nicht mehr angerührt und ist so erlesen hässlich, trist und vorgestrig, dass man ihn sofort zum Weltkulturerbe erklären möchte. So haben also tatsächlich Menschen mal Urlaub gemacht. Später erzählt mir ein sympathischer Kuttenträger, er sei »sowieso immer hier«. Normalerweise mit der Familie, jetzt eben mal mit den Kumpels und der richtigen Musik.

Der Weg in die Halbidylle allerdings ist nicht weit, ein paar Minuten an einer Magerweide vorbei, den kleinen Huckel hinauf, schon liegt die Ostsee vor einem, plan wie ein Brett, und der obligatorische kilometerlange Sandstrand. Diese Mischung aus Pseudo-Urbanität inmitten der Natur war mal das Erfolgsrezept solcher Ferienburgen, und für Festival-Weekender wie das »Metal Hammer Paradise« sind sie ideal – weil die Infrastruktur stimmt und weil man um diese Zeit nicht so viele gewöhnliche Touristen stören kann. Außerdem passt das abgerockte Ambiente hervorragend zu den 4.000 abgerockten Gestalten, die hier am ersten Novemberwochenende einfallen.

Wacken für alte Leute

Man muss schon lange suchen, aber dann findet man tatsächlich ein paar Teenager hier, für die Heavy Metal mal erfunden wurde. »Gibt es noch mehr von eurer Art?« frage ich zwei von ihnen, Junge und Mädchen, offenbar Geschwister. Die beiden grinsen. »Nicht viele, das ist ja das Wacken für alte Leute hier.« Sie müssen es wissen, besuchen das Festival schon zum dritten Mal – mit ihren Eltern. Eine Konstellation, die vermutlich in keiner Subkultur so häufig vorkommt wie in der Metal-Szene, nur die Hippies haben bei ihrem Nachwuchs ähnlich gute Konditionierungsarbeit geleistet. Aber für einen Familienausflug ist es denn doch zu teuer – etwa 300 Euro kostet eine Karte nebst Unterbringung in einem Ferienapartment pro Person –, und so bleiben die Altvorderen mehr oder weniger unter sich.

Ein »Indoor-Komfort-Festival« soll das »MHP« sein. Was wir Metaller eben so unter Komfort verstehen. Es gibt ein Bonsai-Spaßbad mit Tunnelrutsche, das von den Anwesenden gern genutzt wird, um am Mittag des zweiten Tages mal wieder den Kopf freizukriegen. Ein Eiscafé, eine Fettschmelze, ein Italiener und ein gutkleinbürgerliches teutonisches Restaurant sind in Reichweite, auch ein Edeka, falls man sich verschätzt hat und für die Aftershow-Mischung auf dem Zimmer noch mal schnell ein paar Prozente nachlegen will. Kein Ahnung, ob das Komfort ist, mir reicht er jedenfalls.

In den Gängen der Ferien-Mall bieten Händler Platten und CDs feil, und sie machen ihr Geschäft, denn Metalbrothers und -sisters kaufen tatsächlich noch physisch. Die älteren zumal. Ohne sie müsste die Musikindustrie noch schneller einpacken. In der Spielhalle mit Old-School-Flipper-Geräten, Billard­tischen und kleiner angeschlossener Bowlingbahn läuft am Samstag nachmittag natürlich auch Bundesliga. Ein paar Hannoveraner kommen mir mit einer ziemlichen Schippe entgegen. Schalke hat ihre Mannschaft gerade vom Platz gefegt.

»Wer hat eigentlich diese blöde Idee gehabt?« fragt einer von ihnen seine Bezugsgruppe. »Das ganze schöne Wochenende im Arsch!« Sie lachen ihn herzlich aus. Aber auch seine Züge hellen sich sofort auf. Er ist jetzt erst einmal Metalhead, und danach kommt lange Zeit gar nichts. »Armored Saint!« sagt er nur, das muss als Erklärung reichen und reicht auch. Wenn etwas die Stimmung eines wahren Metallers heben kann, dann ist es der Name dieser Band, die auch schon in den Achtzigern mit von der Partie war, aber es nie geschafft hat, ihren Ruhm in kommerziellen Erfolg umzumünzen.

Die gebuchten 27 Bands verteilen sich auf drei Bühnen: der Maximum Metal Stage im beheizten Zelt für die großen Acts, dem Baltic Ballroom für die B-Ware und schließlich der kleinen, wegen seiner interessanten Kiefernholzvertäfelung von allen nur als »die Sauna« bezeichneten Riff Alm, in der die Newcomer und kommenden Stars spielen.

Vor allem am Freitag erweist sich diese Lokalität als hoffnungslos unterdimensioniert. Bands wie Dead Lord, Skull Fist, Portrait und Bullet sind zwar jung, aber in der Szene etabliert und gerade bei der True-Metal-Hörerschaft überaus beliebt. Die harte Security an der Tür zählt durch und lässt genau 200 Menschen hinein, damit die Luft nicht zu schlecht wird und ein reibungsloser Verkehr zur Theke jederzeit gewährleistet ist. Das ist wichtig! Es kommen jeweils mehr als doppelt so viele Interessenten, die dann wieder weggeschickt werden oder in der Kälte draußen ausharren und auf dem Bildschirm mitverfolgen, wie sich die Bands drinnen verausgaben. Das passiert hier wirklich. Der Sound klingt zwar tatsächlich nach Sauna, Kiefernholz kills Rock ’n’ Roll, aber das kümmert keinen, weil Acts auf diesem Niveau mit lausigen Clubs umgehen können, indem sie den Einsatz verdoppeln und saunagemäß schwitzen.

Auf die Fresse

»So richtig auf die Fresse gibt es hier ja nicht«, kann man zwischendurch mal hören. Will sagen, die Extremspielarten ­Death und Black Metal, Grindcore oder auch nur Sludge fehlen. Übrigens auch die derzeit wieder mal sehr rührige Metal-Avantgarde, die sich durch eine friedliche Übernahme artfremder Genres weiterhin um Grenzerweiterung bemüht. Dies ist ein Festival für die Alten, entsprechend fühlt man sich hier einer Ästhetik verpflichtet, die schon drei oder mehr Jahrzehnte auf dem Buckel hat.

Neben den Klassikern dieser Alterskohorte, in diesem Jahr Accept, Armored Saint, Axel Rudi Pell, Hammerfall und Ross the Boss, legt auch das hier anwesende junge Gemüse viel Wert darauf, uralt zu klingen. Sie spielen Musik aus den 70er und 80er Jahren, die sie kaum selbst oder doch jedenfalls nicht bewusst erlebt haben. Den Kanon, auf den sie sich berufen, haben sie sich erarbeitet, er ist ihnen nicht einfach so zugefallen via Sozialisation, sondern das Produkt eines kalkulierten Lern- und Bildungsprozesses. Das erklärt auch den heiligen Ernst, mit dem sie sich ihren Stammvätern widmen, und die Akkuratesse, mit der sie ihre Stilmimikry ins Werk setzen.

Dead Lord etwa lassen Thin Lizzy in einer Frische aufleben, als wären zweistimmige Gitarrenmelodien gerade erst erfunden worden, nämlich von ihnen. Auch Portrait wissen, was sie tun. Versuchen sie sich in Interviews gern mal Plagiatsanwürfen (»Mercyful-Fate-Kopie«) mit juveniler Hybris zu erwehren, schrumpfen die fünf Schweden in der »Sauna« wieder zu sympathischen Newcomern, die um die Anerkennung der 200 Glücklichen buhlen, die hier Einlass gefunden haben. Die bekommen sie dann auch. Denn die Altmetaller wissen den Einsatz der Jungen wohl zu würdigen. »Warum soll ich mir Accept auf der Main Stage ansehen, wenn ich hier Bullet haben kann?« erklärt mir ein Mann in der Schlange vor »der Sauna«. »Accept sind Profis, die ziehen ihr Ding durch, die alten Säcke, aber die Jungen gehen echt ab.« Und seine Augen weiten sich. Bei mir rennt er sowieso offene Türen ein. Hätte er mich gefragt, hätte ich ihm dasselbe gesagt, und meine Augen wären mindestens so groß gewesen wie seine.

Die ganze Liebe

Wenn man nach der Gravitationskraft des Genres sucht – das Pendant zu seinen Fliehkräften, dem Drang nach Transgression, nach Grenzüberschreitung, dem Movens der Erneuerung und Weiterentwicklung –, dann ist es die Idee des Traditionszusammenhangs, der in einem solchen Festival wie dem »Metal Hammer Paradise« in besonderer Weise zum Ausdruck kommt. Die Jüngeren arbeiten sich an den Alten ab, sie spielen nach, adaptieren, assimilieren Sounds, Kompositionsweisen, die Gesten und Ikonographie und stiften dadurch immer wieder aufs neue einen historischen Zusammenhang. Man hat oft das Konzept der Familie bemüht, um die Selbstgewissheit des Genres zu beschreiben. Wenn man hier immer wieder erlebt, wie die älteren Jahrgänge gerade von den jungen Hoffnungsträgern schwärmen, dann erinnert das tatsächlich ein wenig an Elternstolz. Die Altvorderen erfreuen sich daran, dass es weitergeht, dass der vermeintliche Nachwuchs mit dem gleichen Feuer ihre Musik zelebriert, und dafür gewähren sie ihnen ihre Gunst, überschütten sie mit all der Liebe, zu der nur eine Subkultur fähig ist, in der die Tradition eine so konstitutive Rolle spielt.

Night Demon sind die Newcomer der Stunde, denen es zur Zeit am besten gelingt, einen Konnex zwischen den Generationen zu stiften. Sie machen genau dort weiter, wo sich 1979 der Hard Rock zur New Wave of British Heavy Metal ausmendelte, klingen wie eine Mischung aus Angel Witch, Tank und Jaguar und dürfen damit sogar schon auf die große Zeltbühne. So hoch ist der Euphorie­pegel allenfalls noch bei den ganz Großen wie Accept und Armored Saint und wird später nur noch gesteigert von Hammerfall, der absoluten Konsensband in diesem Jahr. Gegründet bereits 1993, also auf dem Höhepunkt der Grunge-Epidemie, um dem ziemlich darniederliegenden klassischen Metal wieder auf die Beine zu helfen, sind Hammerfall so etwas wie die Quadratur des Kreises – Retroklassiker. Mehr geht nicht. Zumindest nicht hier am Weissenhäuser Strand. Es ist der 106. und letzte Gig ihrer Tour, und das hört man. Sie spulen ihr Set nach DIN-Norm herunter, mit einer fast schon industriellen Fertigungspräzision. Da sitzt jeder Break, jedes Solo und noch jedes Komma in den wie aufgesagt wirkenden Ansagen exakt an Ort und Stelle und exakt so wie am Abend zuvor. »Geil abgeliefert«, schwärmt man neben mir. Ich sehe das anders und lasse mir zum Abschluss lieber noch etwas kühle Seeluft um die durchgewalkten Ohren wehen.

Dabei ist die Lautstärke hier im Gegensatz zu anderen Festivals gar nicht das Problem. 98 Dezibel dürfen die Mixer auf der Hauptbühne fahren. Das ist für ein Metal-Festival sehr moderat, führt aber dazu, dass ausgerechnet auf der Maximum Metal Stage die Hosenbeine partout nicht schlackern wollen. Man muss schon nah vor die Bühne gehen, damit der Schalldruck echte Wirkung zeitigt. Auch das ist offenbar eine Konzession an die älteren Herrschaften, die sich nebenbei eben auch noch gepflegt beim Bier unterhalten wollen.

»Hail and kill«

Wer seine Ruhe haben will, geht sowieso an den Strand. Fürs Schwimmen in der Ostsee ist es zu kalt, hält aber natürlich einige gestählte Nordmänner nicht davon ab. Alles Manowar-Fans, die sonst eigentlich im Blut ihrer Feinde baden und Ross the Boss pumpen, den einzigen, den wahren Gitarristen dieser Band. Als hätte er in den letzten dreißig Jahren keinen einzigen Riff mehr geschrieben, enthält sein Set ausschließlich Band-Traditionals. Dass bei den ersten Songs ständig die Gitarre ausfällt und der Sound während des ganzen Sets rumpelt und pumpelt, knattert und poltert, ist schlicht egal. Die Crowd singt jede Songzeile mit. Intelligente Wesen, die es eigentlich besser wissen (müssten), grimassieren und geifern und grölen Dinge wie »Hail, hail – hail and kill«. Dieses Konzert ist der beste »Conan«-Film, der nie gedreht wurde.

Die Leute, die da mitspielen, sind übrigens dieselben, die davor bei den Yacht­rockern von The Night Flight Orchestra an Bord waren. Bei den Schweden zeigt sich einmal mehr die Macht der Nostalgie. Sie reproduzieren ziemlich authentisch jene Musik, die der Headbanger in den Achtzigern gerade noch so goutieren konnte, wenn er auf einer Party außerhalb seiner Bezugsgruppe weilte. Boston, Toto, Loverboy, REO Speedwagon – man nahm das hin. Die Gitarre spielte auch mal ein verzerrtes Riff oder langte im Solo hin. Es war allemal besser als das, was sonst auf dem Plattenteller landete. Jetzt, im Abstand von drei Dekaden, preisen alle, auch die Härtesten, Wildesten, dieses akustische Besser-als-nichts mit viel Geschrei. Man merkt, es ist ihnen nicht ganz geheuer, sie geben ein paar Ironiesignale, zeigen die Zunge in der Backe, aber eigentlich gefällt es ihnen ganz unironisch. Einfach so. Skandalöserweise geht es mir genauso.

Nicht immer verspürt man an diesem Wochenende jenes wohlige Gefühl, Teil der Familie zu sein. Auch bei Kadavar komme ich nicht mit. Das Berliner Trio hat mal in »der Sauna« angefangen, sich in den letzten Jahren in der Retro-/Stoner-Rock-Szene aber eine ziemliche Reputation erspielt und darf nun folglich auf der nächstgrößeren Bühne Krach machen, im Baltic Ballroom. Ihr in den Frühsiebzigern lokalisierter Heavy Psychedelic Rock macht zwar ziemlich Druck, erscheint mir aber ohne chemische Unterstützung etwas arg nudelig. Spätestens nach drei Songs werde ich deutlich stärker in den Bann gezogen von der schicken Ausdruckstänzerin in Schlaghose am linken Bühnenrand, die unverdrossen ihren Schlangentanz vollführt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, entweder sie steht unter Strom oder ist die Freundin des Gitarristen. Die Musik allein kann für diesen schön anzusehenden Bewegungsenthusiasmus nicht verantwortlich sein. Oder wie es Big Mama Metal neben mir auszudrücken beliebte, die vom Leben viel, vielleicht zu viel gesehen, aber ihren Durchblick trotzdem nicht verloren hatte. »Von Ekstase hat keiner was gesagt!«

Frank Schäfer lebt und arbeitet als Schriftsteller, Musik- und Literaturkritiker in Braunschweig. Ende November erschien im Ventil-Verlag der von ihm herausgegebene Band »Hear ’em All. Heavy Metal für die eiserne Insel«.

An dieser Stelle schrieb er zuletzt in der Ausgabe vom 21./22. Oktober 2017 »Nicht leben, was nicht Leben war« über Henry David Thoreau.


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