Aus: Ausgabe vom 08.12.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Krieg der Welten

Von Sebastian Carlens
RTS28V6I.jpg
Im »Handelskrieg«: Chinas Staatspräsident Xi und sein US-amerikanischer Amtskollege Trump am vergangenen Samstag in Buenos Aires

Die liberale Wochenzeitung Die Zeit ist empört. Der G-20-Gipfel, der am Wochenende in Argentinien stattfand, hat in der Redaktion Argwohn erregt. Denn die Vertreter der Länder, die sich dort versammelt hatten, benahmen sich tatsächlich wie Sachwalter der Interessen unterschiedlicher Staaten. Sie zankten, waren anderer Meinung und schüttelten »Autokraten« die Hände. Ein »Nationalistenball«, zürnt Zeit online. Dabei war doch längst geklärt, dass sogenannte Entwicklungsländer gut daran tun, die Direktiven des Westens umzusetzen. Sonst drohen »humanitäre Interventionen«, die unbotmäßige Nationen solange mit Brunnen und Mädchenschulen bombardieren, bis auch der Widerspenstigste einsieht, dass alles außer »freedom and democracy« nur Verheerung und Elend nach sich zieht.

Diese letzte große koloniale Erzählung ist an ihre Expansionsgrenze gelangt. Seitdem die USA ihren Status als imperiale Ordnungsmacht halb aufgegeben, halb verloren haben, machen die »G 20« eben das, was ihrer Natur entspricht: Sie artikulieren Interessen. Man muss deutscher Liberaler sein, um hierüber in Wallung zu geraten.

Mit dem Moratorium, das Trump und Xi in Buenos Aires beschlossen haben, ist der amerikanisch-asiatische Wirtschaftskrieg ausgesetzt. Der Krieg der Welten aber schreitet voran. Den bürgerlichen Ideologen liberaler Provenienz stellt dies vor gewisse Herausforderungen, ist es doch der enge Waffenbruder Trump, der die Eskalationsspirale aggressiv antreibt. Und es sind die eigenen Verbündeten wie Saudi-Arabien und die Türkei, die islamistischen Fundamentalismus in aller Welt befördern. In China hingegen spielt spiritueller Wahn kaum eine Rolle. Der Staat lässt diejenigen, die es wollen, glauben, an was sie wollen. Und er schützt den Rest vor ihnen. Dieses in Sachen Religion tatsächlich liberale Land sollte, zumal es auch noch den Freihandel verteidigt, geradewegs der natürliche Verbündete sein.

Oder? Punktgenau zum Streit beim Gipfel brandet eine antichinesische Propagandawelle gegen die Religionspolitik des Vielvölkerstaates auf. Seit Wochen werden, bar jeder Kenntnis der Einwohnerzahl ihrer Heimatprovinz, in den deutschen Medien »Millionen Uiguren« in chinesische »Umerziehungslager« gesperrt. »Angst vor Gott?«, fragt allen Ernstes der Deutschlandfunk, denn »die Volksrepublik geht systematisch gegen Religionen vor«. Das in trüben Gewässern fischende Blättchen Epoch Times, mittlerweile eine Art Zentralorgan bei Pegida, hat seine eigentliche Mission, die Hetze gegen China, ebenfalls nie vergessen: »Was das bösartige kommunistische Gespenst hingegen will, ist eine totalitäre Politik, um die Menschen dazu zu bringen, die Tradition und Moral abzulehnen«.

Tradition und Moral sind hehre Begriffe, in deren Namen bislang noch jeder Gotteskrieger, Selbstmordattentäter und religiöse Fanatiker getötet hat. Nur in China und von China ausgehend nicht. Diese Stabilität, die nur mit einer anderen Gesellschaftsordnung zu erklären ist, versetzt die Ideologen des Kapitals in blanke Wut. Sie und ihresgleichen sind dort von der Macht ausgeschlossen, und »in Diktaturen wie dem von der Kommunistischen Partei beherrschten China wird man lang auf einen Politikwechsel warten müssen«, zaudert die Zeit.

Um dann das ganze intellektuelle Desaster des Westens in kristalline Reinform zu bringen: »In den liberalen G-20-Staaten gibt es weiterhin politische Bewegung. Leute wie Trump, Bolsonaro oder Salvini kommen an die Macht, aber sie werden auch irgendwann wieder abgewählt.« Genau so und nicht anders haben ihre geistigen Vorgänger vor 80 Jahren schon das Regime Hitlers der Alternative, einen Sozialismus wie in der UdSSR zu errichten, vorgezogen. Das Ende (auch das der »Liberalen«) ist bekannt.

Es drohen »humanitäre Interventionen«, die unbotmäßige Nationen solange mit Brunnen und Mädchenschulen bombardieren, bis auch der Widerspenstigste einsieht, dass alles außer »Freedom and demo­cracy« nur Verheerung und Elend nach sich zieht.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage
  • Der beste »Conan«-Film, der nie gedreht wurde: Eine Reportage vom »Metal Hammer Paradise«-Festival
    Frank Schäfer
  • Ina Bösecke
  • Gespräch mit Alexander Rahr. Über das historische und aktuelle Verhältnis von Russland zum übrigen Europa, die Vision der Eurasischen Union sowie Chinas Rolle
    Reinhard Lauterbach
  • Zwanzig Jahre nach dem Karfreitagsabkommen ist die Lage in Nordirland längst nicht entspannt
    Gabriel Kuhn
  • Kurz nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis setzte sich Rosa Luxemburg im Herbst 1918 für die Befreiung ihrer Mitgefangenen ein