Aus: Ausgabe vom 08.12.2018, Seite 11 / Feuilleton

Kurzer Lehrgang

Thomas Irmer hat Anekdoten über Heiner Müller gesammelt

Von Ronald Weber
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Nicht ohne meine Zigarre: Heiner Müller, frei nach Brecht

Denkt man an Heiner Müller, fallen einem sofort ein paar Attribute ein: die dicke Brille, hinter der er sich versteckte, die Brecht-Zigarren, der obligatorische Whiskey. Und als Ort natürlich die Kantine des Berliner Ensembles. Hier saß der 1995 gestorbene DDR-Dramatiker, zuletzt Intendant der Brecht-Bühne, mit seinen Adepten und Verehrern (gerne auch mit Journalisten), plante, diskutierte und erzählte. Legendär sind Müllers Witze, ebenso seine knappen, oft sibyllinischen Erzählungen. Volker Braun war gar der Meinung, die Anek­dote sei Müllers »letzte Kunstart« gewesen.

Nichts liegt also näher, als ein Anek­dotenbändchen über Heiner Müller zu veröffentlichen, ja, man fragt sich, wieso eigentlich bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist. Kurze fiktive oder verbürgte Erzählungen über bekannte Persönlichkeiten erfreuen sich seit jeher großer Beliebtheit. Schon im Altertum erschienen Anekdoten über Sokrates oder Cicero. Bis heute berühmt sind die Kalendergeschichten Johann Peter Hebels und die Anekdoten Heinrich von Kleists, die die kleine Gattung auch zu literarischem Ruhm führten. Ihre sozialistischen Nachfolger, beide Meister ihres Fachs, heißen F. C. Weiskopf und Eduardo Galeano.

Was die Personalanekdote im besten Falle leisten kann, ist, eine charakteristische Begebenheit zu schildern und damit ein Schlaglicht auf die Person zu werfen. Dabei verzichtet sie, der Novelle ähnlich, auf lange Hinführungen. Ihr Stil ist konzentriert, am Ende steht eine Pointe. Ein Beispiel: »In einem Seminar für Studenten der Theaterwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität Ende der siebziger Jahre wurde HM nach seinen Erfahrungen in den USA gefragt. Ein ganz Eifriger forderte ihn zum direkten Vergleich mit der DDR auf. ›Natürlich ist hier alles viel schlimmer. Aber das ist ja auch die Hoffnung.‹«

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»Früher hätte uns Alfred Kurella davor bewahrt.« Heiner Müllers Witze sind fast so legendär wie seine Querelen mit der DDR-Kulturpolitik (Proben zu Müllers »Ödipus Tyrann« am DT, 1967, links Benno Besson)

Nicht jede der von dem Herausgeber Thomas Irmer zusammengetragenen Anekdoten veranschaulicht den dialektischen Witz Müllers in so treffender Weise. Manchen fehlt überhaupt die Pointe. Aber das lässt sich wohl kaum vermeiden. Ein jeder hat seine Vorlieben, und was dem einen langweilig erscheinen mag, ist dem anderen erst recht interessant.

Ein Manko aber muss benannt werden: Dem Bändchen fehlt jede erklärende Zutat. Eine Pointe lässt sich nun einmal nur dann genießen, wenn sich ihre ganze Tragweite erschließt. Vieles in bezug auf die DDR ist den jüngeren Lesern schlicht nicht mehr präsent, den Westdeutschen ohnehin nicht. Ein Personenverzeichnis nebst kurzer Erläuterung wäre hier hilfreich gewesen. Denn man muss schon wissen, dass Alfred Kurella, genannt »Kulturella«, seit den späten 1950er Jahren einer der prägenden Kulturpolitiker der DDR war, mit denen Müller so seine Erfahrungen gemacht hatte, um zu verstehen, worauf im folgenden angespielt wird: »Kurz nach der Wende ging HM durch die Ausstellung in einer soeben gegründeten Galerie in Ost-Berlin mit junger Kunst. Beiläufig: ›Früher hätte uns Alfred Kurella davor bewahrt.‹«

Thomas Irmer spricht angesichts der enormen Fülle von Geschichten, die von Müller selbst in die Welt gesetzt worden sind oder über ihn kursieren, von einer »offenen Sammlung« und ruft dazu auf, Weiteres für spätere Auflagen zu ergänzen. Müller, der nicht viel von Gattungsstrenge und Geschlossenheit hielt, hätte das sicher gefallen. Lebte er noch, er würde wohl eigens noch ein paar Anekdoten erfinden.

Thomas Irmer (Hg.): Heiner Müller – Anekdoten. Mit zwei Erinnerungen von Katja Lange-Müller und Lothar Trolle. Theater der Zeit, Berlin 2018, 110 Seiten, 10 Euro


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