Aus: Ausgabe vom 07.12.2018, Seite 15 / Feminismus

Vom Verstehen und Kämpfen

Marxismus aus feministischer Perspektive: Sammelband diskutiert Rolle von Frauen im Kapitalismus

Von Eleonora Roldán Mendívil
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Teilnehmerin der Demonstration zum landesweiten Frauenstreik am 8. März in Spanien (Malaga)

Marxistische Theoriebildung wird heutzutage häufig als Domäne »alter weißer Männer« abgestempelt. Dabei wird verkannt, dass historisch sowie aktuell vor allem junge Menschen, Frauen und zum Teil rassistisch Ausgegrenzte – wie Jüdinnen und Juden, Schwarze und Indigene – sich marxistischer Werkzeuge bedienten und bedienen, um ihre eigene Realität und die der Gesellschaften, in denen sie leben, verstehen und verändern zu können. Eine ausgewählte Bestandsaufnahme der deutsch- und englischsprachigen feministischen Theoriebildung mit Hilfe von und im Spannungsfeld zu marxistischen Analysen präsentieren die Herausgeberinnen Alexandra Scheele und Stefanie Wöhl.

In fünf Kapiteln sammeln sich Beiträge von namhaften Feministinnen wie Frigga Haug, Nancy Fraser oder Gabriele Winkler. Der Fokus der Beiträge liegt dabei auf der Frage, wie die Sphäre der Reproduktion des Lebens mit der Sphäre der Produktion der Lebensmittel in Verbindung steht und welche kapitalistischen Regulierungen – wie von der Weltbank verpasste Strukturanpassungsprogramme – sich wie genau auf das Leben von Frauen auswirken.

Die Herausforderung besteht darin, zwischen marxistisch-feministischen und poststrukturalistisch-feministischen Diskussionen klar zu unterschieden – letztere befassen sich mit dem Ansatz, dass Sprache die Realität nicht nur abbilde, sondern auch herstelle – und trotzdem zu einem fruchtbaren Austausch zu kommen.

Während die marxistischen Argumente von einer eindeutigen Klassengesellschaft ausgehen und sauber zwischen Ausbeutungsverhältnis (Klasse) und den ideologischen Formationen, welche besondere Ausbeutung ermöglichen (wie Geschlechterrollen), unterscheiden, finden sich immer wieder auch Ansätze aus der »Intersektionalitätstheorie«. Für letztere ist der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, der sich in der Formation zweier Klassen manifestiert, nur ein weiteres Unterdrückungs- und Herrschaftsverhältnis. Patriarchat, weiße Vorherrschaft oder auch Altershierarchien sind nach dieser Theorie gleichwertige Unterdrückungsformen, mit eigenständigen »revolutionären« Subjekten.

Die lohnabhängige Klasse, das Proletariat, verkommt zu einer Identität unter vielen. Besonders verheerend spitzt sich diese Abkehr von einem marxistischen Klassenbegriff in dem Beitrag von Birgit Sauer zu. Unter dem Titel »Der Staat als gesellschaftliches Gewaltverhältnis. Eine (neo-)marxistisch-feministische Perspektive« versucht Sauer aufzuzeigen, warum der Staat, wie er heute zum Beispiel in Deutschland vorzufinden ist, nicht rein Klasseninstrument der Herrschenden ist, sondern durchaus auch für die Unterdrückten »Positives« erreichen kann. »Der Staat ist ein gegenüber ungleichen Geschlechterverhältnissen relativ autonomer Akteur, da sich auf dem staatlichen Terrain auch neue Kräftekonstellationen entwickeln können, die eine Veränderung ausbeuterischer Geschlechterverhältnisse ermöglichen.« Dabei nimmt Sauer Bezug auf sozialstaatliche sowie gleichstellungspolitische Gesetze und Institutionen.

Dass sich der bürgerliche Staat, wie die von ihm gesicherte kapitalistische Ökonomie, natürlich immer weiter entwickelt und immer wieder neu erfindet – und zwar ohne seinen expliziten Klassencharakter auch nur minimal zu verlieren – bleibt unerwähnt. Dass sozialstaatliche Maßnahmen stets zur »Befriedung« einer aufbegehrenden Bevölkerung oder erst nach jahrzehntelangen Kämpfen von unten errungen wurden, bleibt ebenso verschwiegen. Der affirmative Bezug auf Gleichstellungspolitik, in der ein Großteil der zweiten deutschen Frauenbewegung ab den 1970er Jahren aufging, ist ebenso fragwürdig.

Eine Gleichheit mit Männern innerhalb kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse ist keine Errungenschaft. Kapitalistinnen, Polizistinnen und Soldatinnen sind keine Errungenschaft und verändern nichts an der Gewalt, die die Mehrheit der Frauen im Kapitalismus als direkt oder indirekt Lohnabhängige erfahren. Der Kampf gegen den bürgerlichen Staat wird hier durch den Kampf um den bürgerlichen Staat ersetzt.

Der Beitrag »Finanzialisierung und die Produktion von Geschlechter- und Klassenverhältnissen« ist nicht nur der einzige auf englisch, sondern auch der Beitrag, der globale Arbeitsteilung und damit die Situation von Frauen in Ländern der imperialen Peripherie zentral aufgreift. Adrienne Roberts zeigt auf, wie Finanzialisierungsprozesse – entgegen der neoliberalen Erzählung – stets Frauen benachteiligen. Frauen sind die ersten, deren Arbeitsaufwand sich exponentiell verschlechtert, sobald staatliche Gesundheits- und Sozialprogramme im Rahmen von Sparmaßnahmen – oft erzwungen durch ausländische »Geber« – eingeschränkt oder abgeschafft werden. Reproduktive Arbeit – wie die Betreuung von Kindern sowie die Pflege von kranken oder alten Angehörigen – wird auf den Schultern von Frauen »reprivatisiert«. Hinzu kommt das System der Mikrokredite, die oft von Frauen aufgenommen werden, da sie mit ihrem Lohn ihr tägliches Überleben und das ihrer Familien nicht gewährleisten können. Diese Kredite werden als Form »feministischer Unabhängigkeit« und »Unternehmerinnentum« verklärt. Was wirklich dahinter steckt, sind die ausbeuterischen Klassenverhältnisse, die arme Frauen in eine Spirale der Kreditabhängigkeit stürzen.

»Feminismus und Marxismus« ist für akademische Debatten geschrieben und beleuchtet leider kaum die konkreten Kämpfe von Frauen aus der lohnabhängigen Klasse, die weltweit als antikapitalistische Frauenbewegung in Erscheinung treten. Dabei ist vor allem die eurozentristische Auswahl der Autorinnen auffällig. Analysen zur Bedeutung von Rassismus im Rahmen von transnationalen (Re-)Produktionsketten werden höchstens angeschnitten, jedoch in keinem Beitrag ausgeführt.

Alexandra Scheele/Stefanie Wöhl (Hrsg.): Feminismus und Marxismus. Beltz-Juventa, Frankfurt am Main 2018, 250 Seiten, 29,95 Euro


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