Aus: Ausgabe vom 07.12.2018, Seite 12 / Thema

Ertragreiches Gedenkjahr

Mit der Neueröffnung des Winckelmann-Museums und der dazugehörigen Bildungseinsrichtung in Stendal endet das Jubiläum des Begründers der neueren Kunstgeschichte

Von Max Kunze
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Im Zentrum Stendals steht das Winckelmann-Denkmal des Bildhauers Ludwig Wilhelm Wichmann. In direkter Nachbarschaft befindet sich das dem Leben und Wirken des Altertumsforschers Johann Joachim Winckelmann gewidmete Museum, das nun wieder besucht werden kann

Das Doppeljubiläum Johann Joachim Winckelmanns (1717–1768), des Wegbereiters des Klassizismus, Begründers der Archäologie und der neueren Kunstgeschichte, war ereignisreich: Es erschienen zahlreiche Krimis zu Winckelmanns Ermordung in Triest, wissenschaftliche Untersuchungen zum Werk, ein umfassendes Handbuch sowie Kataloge verschiedener Ausstellungen in Deutschland, der Schweiz und Polen. In Rom, Neapel, Florenz, Mailand und Triest waren Präsentationen über den Deutschrömer Winckelmann zu sehen, das Archäologische Museum Triests führt zudem seit Juni den Namen »J. J. Winckelmann«. Die Winckelmann-Gesellschaft organisierte internationale Kongresse zur europäischen Rezeption und Wirkung Winckelmanns in der Wissenschafts-, Kultur- und Bildungsgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. In Berlin luden die Winckelmann-Gesellschaft und die Mainzer Akademie für Literatur und Wissenschaft zu einem Kongress zum Thema »Kunst und Freiheit« ein, ein Thema, dass Winckelmann besonders am Herzen lag und ihn angesichts der Französischen Revolution zum Sänger der Liberté machte.

Gut vernetzt

Die Ideen Winckelmanns fanden ein vielfältiges Echo. Das Interesse für den Wegbereiter des Klassizismus in Europa sowie in Latein- und Nordamerika ist heute längst kein vorrangig deutsches und italienisches mehr. Winckelmann ist international geworden. Er war, wie wir heute wissen, Teil der internationalen Bewegung der Aufklärung und leitete die Rückbesinnung auf die antike Kunst ein. Aber er interessierte sich nicht nur dafür, sondern auch für spanische Megalithgräber, für das englische Stonehenge und sammelte bei Streifzügen durch die Albaner Berge bei Rom fossile Versteinerungen für seinen Mecklenburger Freund. Er war Europäer, publizierte in deutscher, aber auch in italienischer und französischer Sprache. Sein Erstlingswerk, die »Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in Malerei und Bildhauerkunst« von 1755 wurde ein Bestseller und sogleich mehrfach übersetzt. Er war damit der erste deutschsprachige Schriftsteller, der in ganz Europa gelesen wurde. Von Spanien bis zum Baltikum vernetzt mit Künstlern, Kennern und Gelehrten, Diplomaten, Fürsten und Klerikern gehörte er mehreren europäischen Akademien und Gesellschaften an; in Preußen, wo er erste kulturelle und soziale Erfahrungen sammelte, in Dresden, wo er seine Kenntnisse am international ausgerichteten Hof verfestigte, und schließlich in Italien, wo er sich in Rom niederließ. Er war fest verankert in der europäischen Republik der Gelehrten, in der er sich in zentralen Fragen der öffentlichen Diskussion persönlich zu positionieren wusste. Die Wirkung Winckelmanns macht heute vor Fächergrenzen nicht halt: Sein Werk berührt Grundfragen der Historiographie, der Kunst, der Ästhetik und der Archäologie.

Nachdem die zahlreichen Leihgaben, die zwei Jahre durch die verschiedenen Ausstellungen gingen, wieder nach Stendal zurückgekehrt sind, steht nun die Neueröffnung des umgebauten und erweiterten Winckelmann-Museumsquartiers in der Geburtsstadt Stendal an. Bereits in der Vergangenheit gab es ein kleines Museum in der Hansestadt. Es war 1955 gegründet worden. Die Jubiläumsjahre 1967/68 aber waren fast unauffällig begangen worden, mit drei kleinen Ausstellungen in Halle, Weimar und Jena.

Kurz nach seinem Tod war Winckelmann vergessen. Die Erinnerung an ihn kam zu Beginn des 19. Jahrhunderts von außen. 1805 erschien Johann Wolfgang von Goethes Buch »Winckelmann und sein Jahrhundert«. Goethe bezeichnete ihn als den »neuen Kolumbus«, der das 18. Jahrhundert überrage. In Weimar machte man sich bald daran, eine kommentierte Ausgabe aller Schriften Winckelmanns herauszugeben. Ein Anstoß für ein Erinnern in Form eines Denkmals kam wenig später aus Triest. Winckelmanns gewaltsamer Tod in der Adriastadt, der die Gebildeten Europas aufgeschreckt hatte, war noch im Bewusstsein der Bürger, die 1822 ein Kenotaph, einen marmornen, mit Reliefs geschmückten Sarkophag für den Deutschrömer in Auftrag gaben. Er steht dort noch heute im Garten des Archäologischen Museum.

Bald danach regte sich auch etwas in seiner Geburtsstadt. Seit 1826 bemühten sich Bürger hier ebenfalls um ein Denkmal. Sie hatten Goethe um Unterstützung gebeten, hofften auf Genehmigung und Geld vom preußischen König und versuchten selbst, Spenden zu sammeln. Es sollte aber mehr als 30 Jahre dauern, ehe es zur Aufstellung einer Bronzestatue kam. Selbst als Berlin die Skulptur bezahlte und der Künstler auf sein Honorar verzichtete, tat sich die Stadt schwer damit, die Kosten für den Sockel zu übernehmen. Die Altmärker Bürger sowie namhafte Künstler und Archäologen hatten eigens einen Verein gegründet und viel Geduld aufbringen müssen, ehe es 1859 zur Errichtung eines Denkmals kam, das der Berliner Bildhauer Ludwig Wichmann geschaffen hatte. Zu diesem Zeitpunkt standen monumentale Büsten Winckelmanns bereits in Rom, München, Berlin, Sankt Petersburg und in der bayerischen Walhalla. Sie alle sind zeittypische Zeugnisse einer spätklassizistischen Denkmalkultur, die vor allem den Heros Winckelmann feiert.

Das lange Warten

In den Jahren des Wartens auf das Stendaler Winckelmann-Denkmal erinnerte man sich an sein Geburtshaus. 1844 wurde die vormalige Lehmstraße in Winckelmannstraße umbenannt, und im Jahr der Aufstellung der Statue 1859 wurde eine Bronzeplakette an seinem Elternhaus angebracht. Angeblich, so berichtete ein Stendaler Monatsblatt im Jahr 1835, wurde in dem ehemaligen Geburtshaus noch immer ein Kämmerchen, in dem die Wiege des großen Archäologen gestanden haben soll, gezeigt, eine heute zum Schmunzeln anregende Legende. Denn längst war das Haus umgebaut, mit dem Nachbarhaus verbunden und um ein Stockwerk erhöht worden. Die Familie Winckelmann hatte in dem kleinen strohgedeckten Fachwerkhaus auf engstem Raum gelebt, denn der Vater Martin, ein Schuhmacher, hatte die »Frau mit dem Haus« geheiratet, wie es in einer Urkunde heißt. Das Haus hatte lediglich zwei Fenster neben der Eingangstür, einen schmalen Flur mit einer Garküche, vom dem man in das Zimmer gelangte, das als Wohn- und Schlafzimmer sowie Werkstatt diente. Davon war nichts mehr erhalten, als sich die Stadt 1955 entschloss, eine kleines »Memorial-Museum« in der unteren halben Etage des noch bewohnten Fachwerkhauses einzurichten.

Das war vergleichsweise spät. Ein erstes Leipziger Schiller-Museum war bereits 1842 eröffnet worden, von Bürgern, die sich zu einem Verein zusammengeschlossen hatten. Auf die antinapoleonischen Befreiungskriege und die industrielle Revolution folgte eine Rückbesinnung auf die deutsche Geschichte – was oft genug in einen aggressiven Nationalismus mündete. Zahlreiche Geburts- und Wohnstätten von Schriftstellern und Gelehrten wurden zu Museen umgebaut. Das bürgerliche Publikum interessierte sich vor allem für das Interieur. Nicht was, sondern wie ein Dichter einst geschaffen hatte, stand im Fokus. Der pietätvolle Dichterkult führte zu jenem Konservatismus, der viele das Wort »museal« mit »verstaubt«, selten mit »kurios«, gleichsetzen ließ. Der Schritt von diesen Anfängen bis zu den heutigen Museen ist enorm.

Das Stendaler Winckelmann-Haus hatte viele Eigentümer und Funktionen, die mit baulichen Veränderungen einhergingen. Es gab einen Verkaufsladen, dann eine Knopffabrik, eine »Winckelmann Klause«, also eine Kneipe, dann eine Autoreparaturwerkstatt. Die angebliche Wiege des Knaben war inzwischen verschwunden und damit das einzige Erinnerungsstück an die Familie. Was für eine Museumsgründung übrigblieb, war der authentische Ort. Wie aber ein Museum einrichten in der verschwundenen Wohn- und Arbeitsstätte des Vaters?

Um ein Museum zu gründen, kam die 1940 entstandene Winckelmann-Gesellschaft ins Spiel, die in den Besitz von Erstausgaben und Übersetzungen seiner Werke gekommen war, einiger originaler Briefe und Bilder, auch Kopien seiner berühmten Porträts sowie Dokumente seines Lebens. Sie stammten aus dem Besitz eines Stendaler Sammlers, sie zu bewahren hatte die Stadt die Gesellschaft ins Leben gerufen und diese Erinnerungsstücke bereits während des Zweiten Weltkrieges ausgestellt. Um ein atmosphärisches Ambiente war man bemüht und behalf sich mit schönen Möbelstücken aus dem 19. Jahrhundert.

Seit seiner Gründung wurde das Museum kontinuierlich erweitert. Neue Objekte, die der Winckelmann-Gesellschaft oder direkt für die Sammlung gespendet worden waren, kamen hinzu. Wann immer Mieter aus dem Haus auszogen, rückte das Museum räumlich nach. Die obere Etage wurde in den 1970er Jahren für Sonderausstellungen ausgebaut, die viermal jährlich wechselten. Auch eine Verkaufsgalerie zeitgenössischer Kunst wurde eingerichtet. Für Magazine und die Verwaltung wurde schließlich auch das Nachbarhaus umgebaut. Zwischen 1979 und 1985 erfolgte eine erste umfassende Rekonstruktion der ziemlich heruntergekommenen Bausubstanz. In diesem Zusammenhang wurde auch ein Skulpturenhof im italienischen Flair mit einem großformatigen Bronzerelief des Berliner Bildhauers Friedrich B. Henkel geschaffen.

Eigenständiges Profil

Die temporären Ausstellungen gewannen bald ein eigenständiges Profil, weil sich das Museum auch antiker Kunst sowie der Kunst und Kultur der Aufklärung und des Klassizismus widmete und zudem die Moderne berücksichtigte, soweit diese sich als Reflexion auf das antike Erbe begreifen ließ. Der vorderasiatischen und der koptischen Kunst Ägyptens etwa waren Ausstellungen in Partnerschaft mit den Staatlichen Museen zu Berlin gewidmet. Etwas Besonderes war in diesem Zusammenhang die 1975 gezeigte Ausstellung »Italia und Germania. Deutsche Klassizisten und Romantiker in Italien«. Es war eine Ausstellung der Berliner Nationalgalerie, die wegen einer möglichen »Italien-Sehnsucht« von DDR-Besuchern nicht dort gezeigt werden durfte. Sie ging dann von Stendal aus nach Venedig.

Zu einer Tradition wurden Ausstellungen junger Künstler, die von den Besuchern sehr gern gesehen, von den Funktionären jedoch kritisch beäugt wurden. In einem Museum auszustellen war damals gleichbedeutend mit der Aufnahme in den Künstlerverband der DDR, was wiederum eine freischaffende Tätigkeit erlaubte.

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Das frisch renovierte Winckelmann-Museum im Elternhaus des Kunsthistorikers in Stendal

In Stendal gab es einen gewissen Freiraum für Künstler. Für diesen sorgte vor allem die international tätige Winckelmann-Gesellschaft, die weitgehend unabhängig war. Sie finanzierte die Kataloge oder kleine Broschüren zu allen Ausstellungen und vergab seit 1984 den »Wilhelm-Höpfner-Preis« für Nachwuchsgrafiker. Unter ihrer Führung entstand auch eine umfangreiche Sammlung von Kunstwerken, in denen sich die Antike-Rezeption in der DDR spiegelt.

Stets war Winckelmanns Utopie einer vorbildhaften Antike in den Köpfen der beteiligten »Winckelmänner« präsent, seine Leidenschaft für die griechische Demokratie und die damit verbundenen Werte der politischen Freiheit und des Gemeinsinns. Freiheit in Verfassung und Regierung, schrieb Winckelmann in seinem Hauptwerk, sei »die vornehmste Ursache des Vorzugs der Kunst. Die Freiheit hat in Griechenland alle Zeit den Sitz gehabt. (…) Daher ruhte nicht auf einer Person allein das Recht, groß im Volke zu sein«.

An diese Winckelmann-Sätze erinnerte man sich mit dem Fall der Mauer 1989 lebhaft, auch das Museum sah nun Möglichkeiten, sich neu aufzustellen. Eine dauerhafte Arbeitsstelle konnte für die bereits 1988 durch die Volkswagenstiftung finanzierte deutsch-deutsche Forschungsgruppe für die Herausgabe der Winckelmannschen »Kunstgeschichte« eingerichtet werden. 1993 wurde beschlossen, alle seine Werke neu ­herauszugeben. Seit 1996 erscheinen sie, herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Am Stendaler Museum mit seiner umfassenden Forschungsbibliothek ist dafür eigens eine Arbeitsstelle eingerichtet worden.

Nach 1990 wurde auch ein internationaler Ausstellungsaustausch möglich, vor allem mit Museen in Österreich, Dänemark, der Schweiz, Italien, Liechtenstein und Israel. Eigene Forschungsprojekte mündeten oft in Ausstellungen, zu denen Katalogen wie »Wiedergeburt griechischer Götter und Helden – Homer in der Kunst der Goethezeit«, »Antikensammlungen im 18. Jahrhundert« oder »Ost-Westlicher Ikarus. Ein Mythos im geteilten Deutschland« entstanden. Mehr als hundert Ausstellungen hat das Museum so seit der sogenannten Wende zeigen können.

Neue Projekte

Überraschend entschied die Stadt Stendal im Jahr 2000, die Finanzierung des Museums einzustellen. Die Winckelmann-Gesellschaft sprang ein und übernahm das Museum in eigener Trägerschaft, natürlich teilfinanziert von der Stadt und dem Land Sachsen-Anhalt. Aus heutiger Sicht hatte diese Entscheidung ein Für und Wider. Positiv war der neue Freiraum für Projekte und attraktive Erweiterungen. 2003 gelang es durch private Sponsoren, ein »Trojanisches Pferd« für den Museumsgarten zu erwerben, das größte der Welt und ein Besuchermagnet für Kinder und Erwachsene. 2006 wurde der Komplex um ein Kinder- und Erlebnismuseum erweitert, in dem die Nachwuchsforscherinnen und -forscher in eine von einem Vulkan verschüttete antike Stadt eintauchen konnten. Es wurde zum Leuchtturm der lokalen Bildungsarbeit und verdreifachte die Besucherzahlen. Gleiches gilt für das Projekt Mobiles Museum, mit dem Schulklassen vor Ort und in Ergänzung zum regulären Unterricht erreicht werden konnten. Ein weiteres Projekt ist die Kinder-Universität, die in Kooperation mit der Hochschule Magdeburg-Stendal entstand. Zu den schwierigen Folgen des Rückzugs der Stadt Stendal zählt allerdings die Reduzierung des Personals, das, nunmehr bei einem privaten Verein angestellt, auch schlechter bezahlt wird; seit dem Jahr 2000 sind die Löhne nicht mehr gestiegen.

Was ist das Neue an dem Museumsquartier, das am 7. und 8. Dezember 2018 öffnet? Die vier verschiedenen historischen Gebäudekomplexe wurden zu einem überschaubaren Ganzen mit sinnvollen Raum- und Wegführungen harmonisierend zusammengefasst: die Winckelmann-Ausstellung am authentischen Ort des Erdgeschosses, von der man in das Familienmuseum gelangt, die Sonderausstellungen in der ersten Etage und ein neues Mäzenaten-Museum in der zweiten Etage. Zudem gibt es einen großzügigen zweigeschossigen und barrierefreien Eingangsbau mit Museumsshop, Kaffeeecke und Garderobe sowie zum Garten hin den neuen Lesesaal der Bibliothek. Finanziert haben die Neugestaltung das Land Sachsen-Anhalt und der Bund. Auch die Stadt Stendal trug ihren Anteil bei, ebenso die Winckelmann-Gesellschaft, die private Spenden in Höhe einer Viertelmillion Euro einsammelte.

Das Kindermuseum und der Vortragssaal waren früher auf den damals einzig freien Flächen der obersten Geschosse dreier Häuser untergebracht, zu denen man nur über steile Treppen gelangte. Senioren kamen daher kaum noch zu Vorträgen, und Schulklassen mit behinderten Kinders sagten ab. Die Obergeschosse des Museums sind durch einen Aufzug erschlossen und sämtliche Durchgänge, und Verkehrsflächen sind behindertengerecht umgebaut. Das Familienmuseum ist in einem ebenerdigen Trakt mit vollkommen barrierefreiem Außen- und Innenbereich untergebracht. Und technisch ist das Museum auch auf dem neuesten Stand. So sind Hörführungen möglich, und es gibt spezielle Tablets für Hörgeschädigte. In der neuen Winckelmann-Ausstellung gibt es zudem Tastmodelle von Malereien und antiken Plastiken.

Herausforderungen

Eine Herausforderung war die Konzeption der neuen Winckelmann-Ausstellung. Wie erklärt man Kindern und Jugendlichen, die drei Viertel der Besucher ausmachen, Kennern und allgemein Interessierten Leben und Werk des berühmten Stendalers? Wie bringt man ihnen einen Archäologen nahe, der nicht wie Heinrich Schliemann selbst an Ausgrabungen beteiligt war, und dennoch die Archäologie begründet haben soll? Wie vermittelt man die von ihm angeregten Impulse für die Geschmacksveränderung, die zum Klassizismus führten? Und schließlich, wie geht man mit seinen Büchern um, Erstausgaben in Fraktur gesetzt, die die jüngere Generation kaum noch lesen kann?

Eine spannende Erzählung rund um seine Person wurde konzipiert. Er beginnt mit der abgebrochenen Reise nach Deutschland und dem Mord in Triest in einer musealen Inszenierung, führt den Besucher in die Stendaler Lebenswelt, seinen harten und entbehrungsreichen Bildungsweg bis zu seiner Hauslehrerstelle in Seehausen. Die Enge dieses Lebensabschnitts ist räumlich spürbar, interaktive Karten erläutern Originale. Man steht vor seiner »Berufskleidung« als Kurrendesänger, als Student der Theologie oder Lehrer, der wie ein Pfarrer gekleidet war. Über Dresden geht es weiter zu seinen Studien- und Wohnorten in Rom und Florenz. An Exponaten kann Winckelmann Ent­deckung der etruskischen Kunst und der griechischen Vasenmalerei nachvollzogen werden. Dann geht es weiter zu den Ausgrabungen in Herculaneum und Pompeji. Die Inhalte seiner Werke werden sinnlich wahrnehmbar durch originale antike Objekte oder qualitätsvolle Nachbildungen. Über Winckelmanns Hauptwerk, die »Geschichte der Kunst des Altertums«, gelangt man schließlich zu den drei berühmten Statuen des Vatikans, Abgüsse des Laokoons sowie des Torso und des Apollo von Belvedere. Statt Beschriftungen erläutert der Direktor der Vatikanischen Museen auf einem kleinen Bildschirm die Auffindung und Geschichte dieser berühmten Kunstwerke. »Komm und siehe«, schrieb Winckelmann über Rom – das ist auch das Motto des neuen Museumsquartiers.

Das zukünftige Familienmuseum »Unter dem Vulkan« hat auf spielerische Weise ebenfalls eine Auseinandersetzung mit Antike und Archäologie zum Hauptthema. Es kehrt das Museumsprinzip von »Hands off« ins Gegenteil: Alles kann angefasst werden, alle Sinne der Besucher werden gefordert, die Selbsterfahrung von antiker Geschichte steht im Vordergrund. Noch ein bisschen warten, müssen die Besucher auf das ebenfalls neugestaltete Außengelände, der Winckelmann-Park wird erst im Frühjahr eröffnet, ebenso wie der Skulpturenhof.

Die Sammlungen der Gesellschaft gehen seit ihrem Gründungsjahr 1940 auf Stifter zurück. In einem gesonderten Bereich »8.000 Jahre Kunst – das Mäzenaten-Museum« wird an einige von ihnen erinnert. Dieses Museum hat den Charakter eines Sammlungskabinetts und Schaumagazins – von antiken Originalen, die zum zum Teil 8.000 Jahre alt sind, über Exponate aus der Winckelmann-Zeit bis zu solchen der Moderne, etwa Arbeiten des deutschen Expressionismus. Die Sammler, ihre Motivationen und die Geschichte ihrer Sammlung sind in Videointerviews festgehalten. Daran knüpfen sich die Nachlässe von Künstlern wie Wilhelm Höpfner, Walter Wilhelm sowie der Künstlervorlass der Bildhauerin Christa Sammler an. Das Engagement dieser ausgewählten Mitglieder der Winckelmann-Gesellschaft als Mäzene soll auf diese Weise eine angemessene öffentliche Würdigung erfahren.

Das Winckelmann-Museum in Stendal wird am 7. und 8. Dezember mit verschiedenen Veranstaltungen feierlich wiedereröffnet. Ab dem 9. Dezember um 10 Uhr sind die Ausstellungen für die Öffentlichkeit zugänglich. Nähere Informationen unter: www.winckelmann-gesellschaft.com

Prof. Dr. Max Kunze war von 1969 bis 1982 Leiter des Winckelmann-Museums in Stendal und stand im Anschluss bis 1993 der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin vor. Er leitet die Arbeitsstelle zur Herausgabe der Historisch-Kritischen Schriften Winckelmanns und ist Vorsitzender der Winckelmann-Gesellschaft. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 8. Juni 2018 über die Bedeutung Winckelmanns.


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