Aus: Ausgabe vom 07.12.2018, Seite 8 / Inland

»Es gibt viele Kämpfe, und es werden mehr«

Linke-Studierendenverband veranstaltet am Wochenende Kongress zum Jubiläum von 1968. Ein Gespräch mit Jary Koch

Interview: Milan Nowak
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An eine kämpferische Vergangenheit anknüpfen: Rudi Dutschke spricht in Köln zu Studenten (6.12.1967)

Vom heutigen Freitag bis zum Sonntag veranstaltet »Die Linke.SDS«, die Studentenorganisation der Partei Die Linke, den Kongress »68/18: Geschichte wird gemacht« in Berlin. Wieso ein Kongress – und nicht politische Aktionen wie Besetzungen?

Das sind verschiedene Dinge. Ein Kongress ist ein Ort des Austauschs und Lernens, Besetzungen sind ein Mittel im politischen Kampf. Das wurde in diesem Jahr oft genutzt, zum Beispiel in Frankreich. 50 Jahre nach dem »roten Mai« haben Studenten dort mehrere Universitäten besetzt. Ihnen ging es dabei nicht um das 50jährige Jubiläum von 1968. Sie wollten verhindern, dass Präsident Emmanuel Macron den Zugang zur Universität erschwert. Wir waren Ende April mit einer Delegation in Paris, um von ihnen zu lernen und unsere Solidarität zum Ausdruck zu bringen.

1968 gilt als ein Jahr linker Bewegungen. Heutzutage gibt es mehrere rechte Zusammenschlüsse, wie etwa die »Identitären«, Pegida oder andere. Wo finden derzeit noch emanzipatorische Kämpfe statt?

Vielerorts! Aber die meisten großen Zeitungen berichten wenig darüber. Und das, obwohl etwa im Oktober 240.000 Menschen bei der »Unteilbar«-Demonstration in Berlin auf die Straße gegangen sind. Die Besetzungen im Hambacher Forst, die »See­brücke«-Demos in mehreren Städten, dazu Streiks in Krankenhäusern oder bei Ryanair und nächstes Jahr vielleicht ein großer Frauenstreik in Deutschland – Kämpfe gibt es viele, und es werden mehr. Doch sie müssen größer, öfter gewonnen und zusammengeführt werden. Dazu wollen wir unseren Teil beitragen.

Das Programm am Wochenende hat mit über 90 Workshops einiges zu bieten. Steht verstärkt die Erinnerung an ’68 auf der Agenda oder wird es auch um aktuelle politische Fragen gehen?

Das ist doch untrennbar! Wenn Leute wie Frank Deppe, Klaus Meschkat oder Gisela Notz von damals berichten, stellt sich mir sofort die Frage, was wir heute aus diesen Erfahrungen lernen können. Frei nach Rudi Dutschkes »Der Kampf geht weiter« werden wir über die Fragen diskutieren, die sich uns heute konkret stellen. Wir haben Podiumsdiskussionen zum Kampf gegen rechts, über Linkspopulismus und verbindende Klassenpolitik, über den Frauenstreik und sozialistische Antworten auf den Klimawandel.

Ist eine gemeinsame Aktion der Kongressteilnehmer geplant oder eine Resolution?

Eine Resolution wird es nicht geben. Aber wir werden solidarische Grüße versenden, denn parallel zum Kongress wird in Niedersachsen und in NRW gegen die dortigen neuen Polizeigesetze demonstriert. Bei den Protesten sind auch Genossen vom SDS involviert. Am Samstag abend werden die Anti-Abschiebe-Aktivistin Elin Ersson aus Göteborg, der Iuventa-Kapitän Miguel Duarte aus Portugal, eine Streikaktivistin von Ryanair und Ferat Kocak von Die Linke in Berlin-Neukölln gemeinsam mit unserer Geschäftsführerin Rhonda Koch darüber sprechen, wie Solidarität aktuell gelebt werden kann. Vielleicht kommt das einer Resolution am nächsten.

Wie geht es nach dem Kongress weiter für »Die Linke.SDS«?

Unser nächster Bundeskongress findet im Januar statt. Dort werden wir unsere Leitlinien und nächsten Projekte beschließen. Die Debatten haben schon angefangen, oder besser gesagt: nie aufgehört. Einige Gruppen bringen sich bereits in Frauenstreikbündnisse ein. Auch zur Europawahl werden wir arbeiten. Für uns ist klar: Die EU ist militaristisch, neoliberal, undemokratisch und verantwortlich für Tausende Tote im Mittelmeer. Innerhalb unserer Organisation haben wir auch zu tun: Wir haben in den letzten Monaten neue Mitglieder gewonnen und wachsen weiter. Daher müssen wir Schulungen organisieren und die Neuen einbinden. Wir wollen gemeinsam überlegen, wie unser Anteil am weiteren Aufbau der Partei Die Linke und der politischen Linken generell in Zukunft aussehen wird.

Jary Koch studiert in Leipzig und ist Mitorganisator des 68/18-Kongresses von »Die Linke.SDS«

geschichtewirdgemacht.de


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