Aus: Ausgabe vom 07.12.2018, Seite 5 / Inland

Angestellte zweiter Klasse

Beschäftigte der Tochtergesellschaft des Cottbusser Carl-Thiem-Krankenhauses streiken für Gleichstellung mit Kernbelegschaft

Von Bernd Müller
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Vor zwei Jahren hat Verdi noch klein bei gegeben. Diesmal zeigt sich die Gewerkschaft kampfbereit

Die Sonne war in Cottbus noch gar nicht richtig aufgegangen, da erklangen vor dem Haupteingang des kommunalen Krankenhauses die Trillerpfeifen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hatte die rund 170 Beschäftigten der Thiem-Service GmbH (TSG), die im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum (CTK) in verschiedenen Bereichen arbeiten für Donnerstag zu einem Warnstreik aufgerufen. Etwa 50 von ihnen beteiligten sich aktiv an dem Ausstand.

»Die Stimmung ist gut unter den Streikenden, und die Motivation ist hoch«, sagte Verdi-Verhandlungsführer Ralf Franke gegenüber jW. Einer der Streikenden, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, fügte hinzu: »Wir haben allen Grund, sauer zu sein. Unsere Arbeit wird nicht wertgeschätzt«.

Mit dem Streik will Verdi einen neuen Tarifvertrag erkämpfen, mit dem die TSG-Beschäftigten den Angestellten der Klinik gleichgestellt werden. Bislang erhalten sie im Monat bis zu 25 Prozent weniger Gehalt als die Kollegen bei der Muttergesellschaft. Beim Weihnachtsgeld sieht es ähnlich aus: Erhalten die CTK-Mitarbeiter eine »Jahressonderzahlung« von 80 Prozent eines Monatslohns, bekommen die TSG-Angestellten nur 65 Prozent. Auch bei den Urlaubstagen sind sie schlechter dran.

»Die Beschäftigten der Thiem-Service GmbH wollen nicht länger die Arbeitnehmer zweiter Klasse im Klinikum sein«, so Franke. Sie arbeiten unter anderem in der Patientenpflege. Sie reichen den Patienten das Essen, besorgen ihnen auf Wunsch Zeitungen oder anderen Lesestoff und führen mit ihnen auch Gespräche, wenn einer sich austauschen will. Die Sterilgutaufbereitung, die Poststelle, das Krankenhausarchiv und der Sicherheitsdienst zählen ebenfalls zur CTK-Tochtergesellschaft. Das alles seien wichtige Bereiche des Klinikums, sagte Franke bei der Streikkundgebung; ohne sie könnte das Krankenhaus seine Aufgaben nicht adäquat erfüllen.

Verdi hatte den erstmalig 2016 mit der TSG ausgehandelten Tarifvertrag Ende September gekündigt und die Geschäftsführung zu Tarifverhandlungen aufgefordert. Die Kapitalseite hatte erst am zweiten Verhandlungstag – Mitte November – erstmals ein Tarifangebot zur Sondierung unterbreitet. Nach diesem Angebot sollten die Löhne ab Januar 2019 nur um zwei Prozent und ein Jahr später um weitere 1,5 Prozent steigen. Für die letzten drei Monate in diesem Jahr wollte das Unternehmen eine Einmalzahlung in Höhe von insgesamt 100 Euro leisten.

In Zahlen ausgedrückt wären das lediglich 18 bis 20 Cent mehr pro Stunde. Der Stundenlohn einer Serviceassistentin würde sich dann auf 9,82 Euro und ab einer vierjährigen Beschäftigung auf 10,13 Euro erhöhen. Verdi lehnte das Sondierungsangebot als völlig unzureichend ab, denn viele TSG-Kollegen sind nur mit 30 Stunden in der Woche beschäftigt, und ihr Monatsentgelt würde sich nicht einmal um 26 Euro brutto erhöhen.

Die Geschäftsführung machte das bockig. Den für den 20. Dezember vereinbarten dritten Verhandlungstermin sagte sie kurzerhand ab, und sie war nach Gewerkschaftsangaben auch nicht bereit, einen weiteren Termin zu vereinbaren. Zu einem Gespräch im März nächsten Jahres sei sie auch nur unter der Bedingung bereit, dass sich die Verdi-Position bis dahin ändere.

Das Gebaren der TSG-Leitung erinnert an die Tarifauseinandersetzung vor zwei Jahren. Damals, so sagte Franke gegenüber jW, habe die Geschäftsführung auch darauf bestanden, dass ihr Angebot angenommen werde. Ansonsten, so die Drohung, wollte man das Angebot komplett zurückziehen und die Verhandlungen scheitern lassen. 2016 habe sich Verdi darauf eingelassen, um überhaupt einen Tarifvertrag zu bekommen und ein paar kleine Verbesserungen durchzusetzen. Jetzt sei man aber bereit, auch länger zu streiken, um von der Geschäftsführung deutliche Zugeständnisse zu bekommen.

Bei den Tarifauseinandersetzungen vor zwei Jahren hatte die TSG-Geschäftsführung versucht, die Belegschaft zu spalten. Damals hatte das Unternehmen allen Beschäftigten einen Bonus von 30 Euro geboten, wenn sie sich nicht am Warnstreik beteiligten und zur Schicht erschienen. Den Streikbrechern wurde damals auch ein großer Obstkorb spendiert – angeblich ein Gruß von den Kollegen aus der Küche. In diesem Jahr hat Gewerkschafter Franke noch keinen derartigen Spaltungsversuch vernommen.

Tatenlos wollte die Geschäftsleitung den diesjährigen Warnstreik aber nicht hinnehmen. Als die Streikenden nach einem kurzen Frühstück erneut vor den Haupteingang der Klinik zogen, wurden sie von einer Unternehmensvertreterin aufgefordert, das Grundstück zu verlassen. Wenn die Streikenden dem nicht nachkämen, sollte die Polizei eingeschaltet werden. Die Drohung verfing nicht, und zur allgemeinen Erheiterung trug bei, dass die besagte Dame nach Aufforderung nicht in der Lage war, die genaue Grundstücksgrenze zu zeigen.

Dass die Ausgliederung der TSG zu schlechteren Arbeitsbedingungen führen werde, hatte Verdi schon vor acht Jahren betont, als in der Cottbusser Stadtverordnetenversammlung noch über das Thema debattiert wurde. Heute sieht sich die Gewerkschaft nicht nur bestätigt. Mit Sorge betrachtet sie die weitere Entwicklung und warnt, denn weitere rund 200 Angestellte der CTK-Stammbelegschaft sollen schrittweise ausgelagert werden.


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