Aus: Ausgabe vom 07.12.2018, Seite 4 / Inland

So etwas wie Spannung

Delegierte wählen in Hamburg neue CDU-Parteispitze. Entscheidung von medialem Dauerfeuer begleitet

Von Kristian Stemmler, Hamburg
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Vorbereitungen für den CDU-Parteitag in Hamburg: Wie konservativ oder neoliberal wird‘s denn nun? (5.12.2018)

Die Spitze des Hamburger Fernsehturms liegt an diesem trüben Nikolaustag im Nebel. Ähnliches könnte man über die Zukunft der CDU sagen, deren neue Führungsperson am Freitag in der Hansestadt gewählt werden wird. 1.001 Delegierte kommen dort in den Messehallen, einem nüchternen Zweckbau zu Füßen des Fernsehturms, zum 31. CDU-Bundesparteitag zusammen. Sie entscheiden darüber, wer Angela Merkel nach 18 Jahren als Bundesvorsitzende folgt – und sich damit Chancen ausrechnen kann, spätestens 2021 auch das Kanzleramt zu übernehmen. Merkel selbst sprach am Donnerstag bei einem Rundgang durch die Halle von »Demokratie pur«, wie die Deutsche Presseagentur vermeldete.

In der Eingangshalle der Messehallen hat sich an diesem Donnerstag vormittag bereits eine Schlange von Journalisten gebildet, die sich für den zweitägigen Parteitag akkreditieren wollen. Mehr als 1.000 von ihnen werden erwartet. Dass die Union seit Jahrzehnten so etwas wie ein offenes Rennen um den Bundesvorsitz zulässt, versetzt die Leitmedien seit Wochen erkennbar in Aufruhr. Das Prozedere kommt dem medialen Bedürfnis, Politik als Spektakel zu inszenieren, entgegen. Kein Tag vergeht ohne Schlagzeilen über das zarte Gerangel zwischen CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, dem früheren Unionsfraktionschef Friedrich Merz und Gesundheitsminister Jens Spahn. Das Ganze wird zum »Showdown« hochgejubelt, zum »Schlagabtausch«, zur »Castingshow«.

Von High Noon in der Hansestadt ist am Tag vor der Entscheidung allerdings kaum etwas zu spüren, auch nicht am Ort des Geschehens. Vor dem Eingang der Messehallen wehen ein paar orangefarbene CDU-Banner im Wind. Zwei Handwerker einer Leipziger Firma schrauben in Ruhe drei mannshohe Buchstaben, die den Besucher begrüßen sollen, auf ein Gestell. Noch steht da nur »CD«, gerade heben sie das »U« hoch. Ein paar Meter weiter stehen ein paar Dutzend Absperrgitter und ein Mannschaftswagen der Polizei. Von großen Sicherheitsmaßnahmen ist wenig zu sehen. Zwei Polizisten schlendern die Front der Halle entlang. Auf die Bemerkung »Bei G 20 war ja mehr los«, reagieren sie mit Schmunzeln. Im Juli 2017 glichen die Messehallen und Umgebung noch einem Heerlager, 31.000 Polizisten schirmten damals das Gipfeltreffen ab. Dass über die Nachfolge von Merkel ausgerechnet an diesem Ort entschieden wird, ist nicht gerade ein gutes Omen. Viele Hamburger haben nicht vergessen, was die Bundeskanzlerin damals ihrer Heimatstadt eingebrockt hat.

»Der Parteitag wird Hamburg drei Tage lang prägen«, behauptete das Hamburger Abendblatt am Mittwoch kühn. Einerseits Floskel, andererseits ein Beleg für die Berufskrankheit von Medienleuten, das politische Theater mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Tatsächlich läuft der Hamburger Alltag an diesem Donnerstag wie immer. Die Passanten hetzen durch die mit Lichterketten geschmückten Straßen, Konsumenten schleppen Weihnachtsgeschenke nach Hause, Paketwagen stehen halb auf Bürgersteigen. Am U-Bahnhof Messehalle wischt eine junge Frau auf ihrem Smartphone herum. Ob sie wisse, was ein paar 100 Meter weiter Wichtiges vonstatten gehe? »Keine Ahnung« antwortet sie. Nach dem CDU-Parteitag gefragt, nickt die Frau. »Ach so, das meinen sie. Das interessiert mich nicht so.«

Am Atlantic Hotel, vis-à-vis der Außenalster, ist vom großen Ereignis schon etwas mehr zu bemerken. Hier wird Bundeskanzlerin Merkel residieren – in der Präsidentensuite, wie das Abendblatt zu berichten weiß –, ebenso wie die Mitglieder des CDU-Präsidiums. Die Parkstreifen vor der Luxusherberge sind zugestellt mit Fahrzeugen der Polizei, vor allem der Bundespolizei, auch zwei schwarze Wagen des Bundeskriminalamtes stehen da. Ein paar Straßen weiter wirbt das Deutsche Schauspielhaus mit einem großen Banner an der Fassade für das »Familienstück Robin Hood«. Um dessen Taten zu erleben, wird man in diesem Land weiter ins Theater gehen müssen. Egal, wer am heutigen Freitag in den Messehallen das Rennen macht – ein Held, der den Reichen nimmt und den Armen gibt, wird es nicht sein.


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